Der ominöse Schuss, der den neunjährigen Icare ins Waisenhaus bringt, ist von geringer Bedeutung für das Verständnis eines Buches, das ohnehin nicht vom Verstehen lebt. Ob das ein Makel oder Verlust ist, scheint die Kritiker in zwei Lager zu spalten. Ich wurde jedenfalls auf das Buch aufmerksam durch eine Besprechungsrunde im Radio. Die männliche Berufsleseratte überkugelte sich vor Begeisterung, sprach vom wieder auferstandenen kleinen Prinzen, vom besten und ergreifendsten Buch seit Jahren und von der Pflicht, das Juwel zu verschenken und/oder für sich zu kaufen. Ich folgte dem letzten Aufruf, ging voller Erwartung ans Lesen - und wurde bitterlich enttäuscht. Nicht dass der Roman schlecht ist, aber zum Jahrhundertereignis wird er bestimmt nicht.
Ich kann einigermassen nachvollziehen, was die Kritik und die über 100'000 Leser in Frankreich auf Anhieb begeisterte, es ist das Einfache. Gegen Einfachheit ist prinzipiell nichts einzuwenden, ich empfehle sie sogar von Berufs wegen. Mich ergreifen bloss Mischformen nicht besonders, vor allem sprachlicher Art. Da gibt es Sätze des kleinen Jungen, die mich zutiefst rühren und mich an der Welt dieses Waisenkindes teilnehmen lassen. Aber das gibt's auch Passagen, nach denen ich denke, der kleine Kerl sei nichts anderes als eine idiotische Kunstfigur des Pariser Pressechefs Gilles Paris. Es gibt zwar Kinder, die wie Bambi denken und sprechen. Aber das finde ich weder niedlich noch rührend, sondern tragisch.
Fünf Sterne hat das Buch nach diesem persönlichen Befund nicht verdient. Dennoch bereute ich die Lektüre nicht, weil es Gilles Paris tatsächlich schafft, immer wieder emotionale Bilder zu malen und den Lesern überaus liebenswerte Figuren auf die Bühne zu stellen. So weckte der sympathische Polizist Erinnerungen an meinen Vater, die Querelen und Neckereien liessen Schulerlebnisse auftauchen und bei der taufrischen Liebe zwischen Icare und Camille suchte ich in meinem eigenen Bilderschatz nach diesem wichtigen Ereignis. Diese Gabe des Autors, mit wenigen Sprachfetzen starke Gefühle auszulösen, erklärt wohl seinen Erfolg.