Bundestagsabgeordnete Martina Wernecke wird von einer Frau, die mit den politischen und sozialen Verhältnissen in Deutschland unzufrieden und zudem psychisch krank ist, mit dem Messer attackiert. Schwer verletzt überlebt sie, doch auch, wenn an das Attentat nur noch Narben erinnern - die seelischen Wunden wollen einfach nicht verheilen. Sie zieht sich auf ein Kaff in Brandenburg zurück, um von allem ihre Ruhe zu haben. Schon bald lernt sie ihre Nachbarn kennen, Laura und Stefan, ein junges Paar, und wird durch sie mit der realen Welt und den Auswirkungen jener Gesetze konfrontiert, die sie unterstützte: Hartz IV, Arbeitslosigkeit, soziale Ungleichheit, Jobs, die gerade mal das Existenzminimum sichern. Als sie erfährt, dass sich Stefan früher einer Gruppe Neo Nazis angeschlossen hatte, zieht sie sich abrupt zurück. Bis zu jenem Tag, an dem Stefans ehemalige Kumpane zurückkehren und Rache üben wollen an jenem, der sie einst verraten hatte...
Es hat ziemlich lange gedauert, bis ich mich auf dieses Buch völlig einlassen konnte. Denn am Anfang stehen langwierige Schilderungen des politischen Alltags, getränkt in Selbstmitleid. Sympathie für diese Frau, die ihre Arbeit über alles andere stellte und dadurch ihre Liebe Eleni verlor, wollte nicht recht aufkommen. Eleni dagegen habe ich sehr gut verstanden. Dadurch hielt sich mein Verständnis für die Politikerin, die dann auch noch erwartete, dass ausgerechnet die verletzte Eleni den ersten Schritt auf sie zumachen müsse, wirklich in Grenzen. Und es fällt mir leider recht schwer, mich vollständig für eine Lektüre zu begeistern, deren Hauptperson mir unsympathisch ist.
Trotzdem, das Buch hat auch sehr interessante Aspekte. Vor allem die Schilderungen des Gebarens hinter den politischen Kulissen sind ein echtes Gusto-Stückerl dieser Lektüre und zeugen von aufwendiger, hervorragender Recherche oder eventuell sogar eigenen Erfahrungen der Autorin. Denn eines kommt hier ganz klar heraus: die PolitikerInnen sind hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt, anstatt sich um das Volk zu kümmern, das sie in ihre Ämter befördert hat. Ränkespiele, Intrigen und Platzhirsch-Gebaren füllen die inoffizielle Agenda dieser sogenannten Volksvertreter. Da werden befreundete Redakteure instrumentalisiert, um x vom Platz zu fegen, da wird y in ein Amt gehievt, dass sie nicht will, nur, damit es z nicht bekommt usw. Erschreckend, aber wahrscheinlich auch realistisch.
Was die angedeutete Liebesgeschichte angeht - die zweite Chance für die Frau, die Martina liebt, also Eleni: bitte nicht deshalb kaufen. Eleni tritt zwar gegen Ende der Geschichte auf, aber von heißen Liebesschwüren ist man weit entfernt. Hätte auch nicht zum Grundtenor der Geschichte gepasst.
Fazit: super Lektüre für Politikinteressierte und LeserInnen mit großem Verständnis für Workaholics und etwas schwierigere Persönlichkeiten; weniger geeignet für jemanden, der etwas lesen will, was zu Herzen geht.