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Ausweitung der Kampfzone
 
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Ausweitung der Kampfzone (Broschiert)

von Michel Houellebecq (Autor), Leopold Federmair (Übersetzer)
3.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (104 Kundenrezensionen)
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Produktinformation

  • Broschiert: 176 Seiten
  • Verlag: Rowohlt Tb.; Auflage: 4 (1. November 2006)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3499243393
  • ISBN-13: 978-3499243394
  • Originaltitel: Extension du domaine de la lutte
  • Größe und/oder Gewicht: 18,6 x 11,6 x 1,6 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 3.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (104 Kundenrezensionen)
  • Amazon.de Verkaufsrang: Nr. 25.267 in Bücher (Die Bestseller Bücher)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Jeder gegen jeden
"Wir sagen ja zur modernen Welt", konnte die Münchner Band Freiwillige Selbstkontrolle Anfang der 80er Jahre noch selbstironisch singen. "Ich liebe diese Welt nicht", wütet der namenlose Ich-Erzähler im Erstlings-Roman des Franzosen Michel Houellebecq, "ich liebe sie ganz entschieden nicht."

Die Stationen seiner Odyssee durch die Vorhölle der modernen Angestellten-Welt am Ende der 90er sind allerdings auch kaum geeignet, von dieser Haltung nur ein Quentchen abzurücken. Keine Hoffnung, nirgends: Der EDV-Spezialist einer Pariser Softwarefirma, jung, beruflich erfolgreich, zugleich bindungslos und depressiv, protokolliert mit bösem Röntgenblick eine Gesellschaft, die pausenlos plappernd leerläuft. Ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, der sich mehr und mehr in einen Kriegsschauplatz verwandelt. Sex stellt für Houellebecq in diesem Kampf jeder gegen jeden nur ein "zweites Differenzierungssystem" dar, das zwar vom ökonomischen abgekoppelt, aber "mindestens ebenso erbarmungslos" funktioniert: "Die Unternehmen kämpfen um einige wenige Jungakademiker; die Frauen kämpfen um einige wenige junge Männer; die Männer kämpfen um einige wenige Frauen. Das Maß an Verwirrung und Aufregung ist beträchtlich."

Der Frontberichterstatter Houellebecq weiß nur zu gut, daß die herkömmliche Form des Romans nicht geeignet ist, die Indifferenz oder das Nichts zu beschreiben, und folglich geht es ihm auch nicht darum, sein Talent mit "sublimen Beschreibungen verschiedenartiger Seelenzustände" zu vergeuden. Film noir statt Eric Rohmer: Wenige Episoden, skizzenhaft hingeworfen, reichen aus, um am Ende der Versuchsanordnung ein vernichtendes Urteil zu sprechen: "Das Lebensziel ist verfehlt." Mit diesem Wissen, ahnt man, geht es jetzt noch 20, 30, 40 Jahre weiter, bis zum Ende. Die Hoffnung, jemals rettendes Ufer zu erreichen, ist dahin.

Zugegeben, manchmal verwechselt der angry young man vor lauter Böse-Sein-Wollen auch die Provokation mit deren Attitüde. Dennoch: Mit sparsamsten Mitteln, auf wenig mehr als 150 Seiten, gelingt Houellebecq ein eindrucksvolles, wiewohl reichlich desillusionierendes Psychogramm unserer Verlorenheit, unseres Selbstbetrugs und unserer unstillbaren Manie, glücklich sein zu wollen. Literatur, schrieb Kafka, sei die Axt für das gefrorene Meer in uns. Houellebecq, am Ende des Jahrhunderts, hantiert mit Sprengsätzen. --Niklas Feldtkamp -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.



Neue Zürcher Zeitung

Depressive Dekadenz

Sänger des Ressentiments: Michel Houellebecq

Von Stefan Zweifel

Michel Houellebecqs skandalöser Sexroman «Elementarteilchen» entpuppt sich als reaktionäres Pamphlet gegen die Moderne und Postmoderne. Er führt unseren Untergang als Übergang in eine totalitäre Welt der genetischen Glücksdiktatur vor. Dazwischen erstreckt sich eine quälend gut gelungene Zone der Depression.

Jedes Jahrhundert hat das Fin de siècle, das es verdient. Michel Houellebecqs Erfolgsromane «Ausweitung der Kampfzone» und «Elementarteilchen» (vgl. auch NZZ 10./11. 4. 99) über die «vitale Erschöpfung» unserer Kultur entfalten eine Panikblüte des Ressentiments und des Selbstekels: Das Unbehagen nach der sexuellen Revolution von achtundsechzig entspringt nicht mehr dem Triebverzicht, sondern dem Triebzwang. Das neue Über-Ich skandiert laut Houellebecq den Slogan: «Du begehrst und bist begehrenswert.» Im 19. Jahrhundert lebten nur ein paar Auserwählte stets vor dem Spiegel und stilisierten sich zum Dandy und Kunstwerk. Heute wird uns in Film und Werbung ständig der Spiegel perfekter Wesen vorgehalten, die totale Sinnlichkeit signalisieren; wer diesem Ideal nicht entspricht, eilt ins Fitnesscenter oder sucht, wenn jegliche Hoffnung auf einen heroischen Body und sinnliche Erotik zerstört ist, in der Esoterik übersinnlichen Trost und trimmt statt der Muskeln die Seele.

So oder so: Der gnadenlose Narzissmus zerstört jegliche Liebesfähigkeit; aus den kleinen Familienmolekülen herausgesprengt, schweben die selbstsüchtigen Individuen als vereinzelte Atome durch den leeren Raum der globalen Marktwirtschaft und versuchen sich verzweifelt mit anderen Menschen oder (Luxus-)Produkten zu einem gesättigten Molekül zu verbinden. Da ein gesättigtes Molekül aber nichts konsumiert, werden sie sofort wieder auseinandergerissen und als «Elementarteilchen» schutzlos den zerstörerischen Mechanismen der schrecklich-schönen neuen Warenwelt ausgeliefert.

FUN & FASHION

Man kennt die Melodie. Nur dass Rousseau, dieser unübertroffene Sänger des Ressentiments, noch eine vergleichsweise heile Welt anklagte, ehe das «System Sade» seinen weltweiten Triumphzug antrat, das von Houellebecq für den Untergang des Abendlandes – und nicht nur des Abendlandes – verantwortlich gemacht wird: eine teuflische Mischung aus libertärer Wirtschaft und libertinistischer Ausschweifung. Die Körper in den geschilderten Orgien erinnern denn auch eher an tiefgefrorenes, vakuumverpacktes Fleisch aus dem Billigangebot als an die glamourösen Bilder aus den Pariser Endzeit-Klubs und Mode-Partys. Denn genau aus diesen Traumwelten sind Houellebecqs Helden ausgeschlossen und verkümmern zwischen namenlosen Vorstädten und unsäglichen Lust-Simulakren der Sexindustrie. Sie verfaulen in den hintersten Regalen der Supermarkt-Welt.

Klirr und kalt weht uns auf diesen Seiten die Verzweiflung und Verbitterung eines Zukurzgekommenen an, der unser Jahrhundertende mit dem kalten Blick des Insektenforschers beschreibt, die gestählten Ich-Panzer aufknackt und hinter den aalglatten Erfolgsmasken und Fratzen von Fun und Fashion die abgetriebenen Gefühle hervorkratzt und die ganze Schäbigkeit des Mittelstandes mit seinen Sehnsüchten blossstellt. Er seziert eine in wilder Ekstase zwischen Pop und Porno erstarrte Welt, in der jeder als Totgeburt seine Träume von Nähe und Sanftheit durchs Leben wie durch eine Salzwüste ungeweinter Tränen schleppt.

Unterschiedslos werden Michel Houellebecq, Jegor Gran und Virginie Despantes zum trio infernal der neuen Pariser Dekadenz stilisiert, wobei die entscheidenden Differenzen einfach überblendet werden. Nietzsche unterschied nämlich zwischen zwei Spielarten der Dekadenz: zum einen die prunksüchtig bös-heitere, in Opiumwolken schwelgende, natürlich sehr französisch angehauchte «décadence», die das Leben zumindest als Spiel rechtfertigt und den Verfall ästhetisch feiert – dafür stünde heute Jegor Gran (vgl. NZZ 22. 10. 98). Zum andern die sinnenfeindliche, trübsinnige Dekadenz eines Sokrates oder Jesus, die des Lebens müde sind und es deshalb im Namen höherer Werte entwerten – in diese Tradition könnte man Houellebecq reihen; auch er würde wohl dem Asklepios zum Dank für den Giftbecher, der ihn endlich von der Krankheit Leben befreit, einen Hahn opfern. Sein höchster Wert heisst «Liebe», und da sie unter den Menschen nicht mehr zu finden ist, muss das menschliche Leben nicht nur entwertet, sondern lieber gleich ganz abgeschafft werden. Zuvor aber labt sich der Mensch, ganz end- und zeitgeistmässig, an einem Ende in Schrecken ohne Ende.

«Alle Schwänze der Jahrhunderte gleichen sich», behauptete Huysmans, der Dichter der klassischen «décadence» – diesmal misst er, man muss es so krud zitieren, «nur 12 cm». Über diesen zu kurz geratenen Leisten wird die ganze Welt geschlagen. Die verzifferte Sade-Sexualität führt – so Houellebecqs eigensinnige Geschichtseschatologie – über den Wiener Aktionismus und die Hippies direkt – ?! – zu den serial killers und Snuff-Movies der Neunziger. Mit Genuss schildert der Autor die entsprechenden Szenen, erntet die Aufmerksamkeit einer schockierten Öffentlichkeit und wirft sogleich das Mäntelchen des empörten Moralisten über, der lediglich unserer Zeit einen (Zerr-)Spiegel vorhalten wolle. Ein unglaublich geschickt kalkuliertes Manöver.

SEIEN SIE WIDERWÄRTIG!

Das Erfolgsrezept zu den beiden Skandalbüchern «Ausweitung der Kampfzone» (1994) und «Elementarteilchen» (1998) hat Michel Houellebecq sehr früh schon in einem kleinen Manifest «Rester vivant» (1991) verraten, das leider nicht in die deutsche Aufsatzsammlung aufgenommen wurde: «Jede Gesellschaft hat ihre schwachen Punkte, ihre Wunden. Legen Sie Ihren Finger auf die Wunde und drücken Sie fest zu. Zeigen Sie die Schattenseite hinter dem Dekor. Insistieren Sie auf der Krankheit, der Agonie, der Hässlichkeit. Reden Sie vom Tod, vom Vergessen. Von Eifersucht, Indifferenz, Frustration, Liebesmangel. Seien Sie widerwärtig, dann werden Sie wahrhaft sein.»

Im neuen Roman erzählt er die trostlose Geschichte zweier Halbbrüder, die von ihrer eigensüchtigen Mutter im Stich gelassen wurden, da sie sich im Zeichen der Befreiung von achtundsechzig lieber selber sucht und sich in Kalifornien irgendwo zwischen fernöstlichen Heilslehren und Schönheitsoperationen findet. Bruno, hässlich wie wir alle und mittleres Lehrkader, flüchtet nach einer gescheiterten Ehe aus Verzweiflung in ein Camp namens «Ort der Wandlung», das aus dem Geist der Blumenkinder entstanden und mittlerweile in die heile Welt des New Age abgedriftet ist: Er lässt – eine meisterhafte Satire – Seminare in rebirthing und creative writing über sich ergehen, um wenigstens die Hoffnung auf einen half-night-stand mit einer «Tantra-Schlampe» nicht ganz aufgeben zu müssen. In der Tat lernt er im Whirlpool die abgehalfterte Christine kennen, die leider bald in einem Pärchenklub unter den harten Stössen eines anderen Mannes bei einem Schub fortschreitender Nekrose im Rückenmark zusammenbricht, ehe sie sich mit dem Rollstuhl in den Tod stürzt.

Da das Buch ein Thesenroman ist, darf es dem Halbbruder Michel nicht besser ergehen. Kein Glück. Nirgends.

Seine Wut hat Houellebecq der Welt wie Vitriol ins Gesicht geschmissen: Prompt wurde das ätzende Buch von Prozessen bedroht, von den einen boykottiert, von den anderen vehement verteidigt und mit Preisen ausgezeichnet. Noch immer beugt man sich in Paris über sein Werk, um vermittels Stilanalysen das Geheimnis des Erfolgs zu lüften («L'Atelier du Roman» Paris, Juni 1999). Ein müssiges Unterfangen: Gerade durch radikale Kunstverweigerung gelingt es dem Autor, dass der geschilderte Ekel am Leser klebenbleibt. Er legt alle möglichen Fallstricke der Depression, bis man vom Gefühl der Enge erwürgt wird und das Buch ebenso entgeistert wie begeistert weiterschenkt, um es ja nicht länger in der Wohnung rumliegen zu sehen. Anders als bei virtuosen Untergehern und Apokalyptikern wie Thomas Bernhard wird der Auslöschung kein ästhetischer Genuss abgerungen, an den man sich noch klammern könnte. Houellebecq hat bekannt, sich nicht um die Gestalt, sondern nur um den Gehalt zu kümmern und sich um die Kohärenz der Geschichte zu foutieren. Immer wieder stellt er die Frage, wie man es in einer Welt ohne Gott aushalten kann, wobei er sich davor hütet, durch literarische Brillanz den letzten Ausweg aus der abendländischen Sackgasse einzuschlagen: die Rechtfertigung der Welt als ästhetisches Kunstwerk. Houellebecqs Wahn hat somit durchaus Methode.

Ganz bewusst baut er etwa die Schilderung einer Bucht im ersten Kapitel des zweiten Teils von «Kampfzone» oder den Blick aus dem Flugzeug im fünften Kapitel des dritten Teils der «Elementarteilchen» ein, die nicht über das Niveau eines Mittelschulaufsatzes hinausreichen. Setzen sich in der «Kampfzone» sechs Personen an einen Tisch, wird nacheinander deren Biographie lustlos heruntergeschrieben, und die Gespräche zwischen den beiden desillusionierten Halbbrüdern in den «Elementarteilchen» erinnern nicht ans lebendige Wort, sondern höchstens ans Konversationslexikon. Doch der bewusst nachlässige Stil steigert die Tristesse, von der man beim Lesen erfasst wird, die Qualen der Sexualität werden durch die quälende Banalität der Sätze noch verstärkt. Die Wörter werden von diesem Autor so sorglos behandelt wie die einzelnen Menschen vom Kapital. Damit führte Houellebecq in Paris zusammen mit seinen Kollegen vom Szeneheft «Les Inrockuptibles» (vgl. «onze», Sammelband bei Grasset, 1999) einen Tonfall ein, der hierzulande aus den Zynismen der Zeitgeist-Schreibe sattsam bekannt ist und erklären mag, weshalb für einmal ein Kult-Buch so erfolgreich den Sprung über den Rhein schaffte.

ANTIMODERNES PAMPHLET

Sein Sex-Text, der das lustlose Treiben in Swingerklubs und Brutalo-Pornos in aller Härte zeigt und in manchen Lesern verständlicherweise Übelkeit erregt hat, ist indes hinter dieser skandalösen Oberfläche ein philosophisches Pamphlet gegen das Projekt der Moderne und noch mehr der Postmoderne. Unser «unterbelichteter Nietzscheaner» liefert Deleuze und Derrida dem «weltweiten Gespött» aus und rechnet mit den neunziger Jahren genauso ab wie mit achtundsechzig – und generell den letzten fünfhundert Jahren abendländischer (Geistes-)Geschichte. Ziel ist es, die Gegenwart als dumpf stampfende Techno-Welt zu zeichnen, deren lärmiges Treiben das entsetzliche Rauschen der Leere, den Pascalschen Schrecken angesichts der beklemmenden Stille der unendlichen Räume nicht übertönen kann. Da Pascals Gott genauso tot ist wie derjenige von Leibniz, wird das All als prästabilisierte Disharmonie ohne Sinn und Zweck vorgeführt; ein Vakuum, durch das die Welt, von Gott und der Sonne als letztem Sinngaranten losgekettet, seitwärts und rückwärts taumelt, genauso, wie die in ihrer Vereinzelung eingepanzerten Menschen als Monaden in wildem Wirbel dem Untergang entgegenrasen.

Nach dem Scheitern der ersten metaphysischen Revolution durch das Christentum wird uns nun das Scheitern der durch und durch dekadenten Welt des hedonistischen Materialismus vorgeführt und als – man muss es wohl so sagen: – Endlösung eine «dritte metaphysische Revolution» angekündigt, bei der alle Differenzen, unter denen der moderne Mensch leidet, dank Biogenetik und einer neuen Rasse rückgängig gemacht werden.

Während der eine Halbbruder an der unüberwindbaren Differenz zwischen den Geschlechtern zerbricht und freiwillig ins Irrenhaus flüchtet, dämmert der andere in einer jahrelangen Depression vor sich hin, ehe er zwischen 1999 und 2009 die Grundlagenforschung zur «vollständigen Replikation» leistet und die Utopie einer befriedeten Gesellschaft vorbereitet, in der dank Genforschung, Quantentheorie u. ä. eine verquaste Karikatur von Nietzsches Übermensch als Heil angepriesen wird. Der alte Mensch als zerstörerisches und zerstörtes Auslaufmodell wird abgelöst, die Zerrissenheit des modernen Individuums, das mit seiner Freiheit nicht umzugehen weiss, weicht einem verführerischen Sphärenklang des reinen Glücks einer genetisch gleichgeschalteten Rasse, in der die Individuen nicht nur alle gleich, sondern von der DNA her gesehen alle eins sind; Tod und Geschlechterdifferenz verschwinden als Ursache unseres Unglücks von der Erdoberfläche; der wissenschaftliche Holismus führt zu einer totalitären Diktatur der Glücks-Demokratie: «Es gibt keine ewige Stille der unendlichen Räume, (. . .) denn die Welt, die wir schaffen, die menschliche Welt ist rund, glatt und homogen und warm wie eine Frauenbrust.»

Fatalerweise überzeugt dieser Teil des Buches am wenigsten, er scheint der Kerngeschichte rund um die Depression von Bruno aufgesetzt; die aber frisst sich wie schon in der «Kampfzone» ins Gehirn der Leser, sie macht die authentische Faszination aus, der man sich allen Vorbehalten zum Trotz nicht entziehen kann. Diese immer mehr ins Formlose abgleitende Zustandsbeschreibung entspricht weit mehr folgender poetologischen Einsicht als der Versuch, darum herum eine komplexe Romanhandlung zu bauen: «Die Romanform ist nicht geschaffen, um die Indifferenz oder das Nichts zu beschreiben; man müsste eine plattere Ausdrucksweise erfinden, eine knappere, ödere Form.»

Mit seinem eben auf französisch erschienenen Gedichtband «Renaissance» indes beweist Houellebecq lediglich seine Einsicht, dass bei dieser Form «die Dinge noch weniger klar sind» als beim Roman. Auch hier sehnt er sich nach einer Wiedergeburt im Geist des Schönen, Guten und Wahren. Es dominiert die Endzeitstimmung: «Fin de soirée», «fin de jour» – solche Wendungen werden, Gebetsmühlen gleich, hinuntergeleiert, immer wieder variiert der Dichter die Klage Rimbauds: «Das wahre Leben ist abwesend» und sehnt sich nach der Kindheit und jener Frauenbrust zurück, die ihm einst den Eindruck von Geborgenheit gestiftet hat. Dem stehen flüchtige Augenblicke von Sonnenschein und Lichtspielen entgegen, die das Gefühl eines Neubeginns und Aufbruchs vermitteln sollen; doch das Unternehmen scheitert. Was bleibt, ist der traurige Trost, in unseren Zeiten des Überflusses auch als Omegatierchen in der Mittagspause ein Lachsbrötchen geniessen zu dürfen.

Tu déjeuneras seul

D'un panini saumon

Dans la rue de Choiseul

Et tu trouveras ca bon.

Ders.: Interventions. Editions Flammarion, Paris 1998. 150 S., FF 70.–.

Ders.: Rester vivant. Editions Flammarion, Paris 1998. 93 S., FF 10.–.

Ders.: Renaissance. Editions Flammarion, Paris 1999. 120 S., FF 80.–. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.


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38 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Melancholie des Unerreichbaren, 23. Juli 2005
Von Ein Kunde
Diese Rezension stammt von: Ausweitung der Kampfzone (Gebundene Ausgabe)
In Ausweitung der Kampfzone erzählt Michel Houellebecq von einer Welt, in der jegliches menschliches Verhalten den Marktgesetzen unterworfen ist, und von denjenigen, die nicht über genügend Tauschmittel (gutes Aussehen, Erfolg, Geld) verfügen, um an diesem Leben teilzunehmen.

Die äußere Handlung des Romans ist schnell erzählt. Ein kleiner Angestellter eines Software-Unternehmens wird im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums - zusammen mit einem Kollegen namens Tisserand - auf eine Dienstreise geschickt, um Software-Schulungen durchzuführen. In einer Reihe episodenhafter Geschehnisse wird die Hoffnungslosigkeit und Verlorenheit des Protagonisten in der Welt deutlich.

Wie Camus' Held Meursault in „Der Fremde" ist auch die Hauptperson in Houellebecqs Roman ein Franzose, der bar aller Bindung und ohne Liebe gleichgültig dahinlebt. Auch der Ton der beiden Werke gleicht sich. Dem „Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiß nicht." setzt Houellebecq ein: "Von Zeit zur Zeit bleibe ich am Straßenrand stehen, rauche eine Zigarette, weine ein bißchen und fahre weiter." entgegen. Es gibt weitere Parallelen zum Werk Camus', und auch eine gewisse Nähe zu Sartres „Der Ekel" lässt sich nicht leugnen, aber dennoch setzt „Ausweitung der Kampfzone" nicht die Reihe französischer existenzialistischer Nachkriegsromane fort, denn anders als Antoine Roquentin in Sartres „Der Ekel" versucht Houellebecqs Protagonist nicht, seinem Ekel in und vor der Welt auf den Grund zu gehen, sondern nimmt ihn mit fatalistischer Gelassenheit als unabänderlich hin. Houellebecqs Helden erleben nie die von Ernst Bloch beschriebenen „Melancholie des Erreichten", weil sie sich in einem Stadium fortwährender Melancholie des Unerreichbaren befinden.

Das Traurige an Houellebecqs Geschichten ist deshalb nicht, dass es einer Minderheit, die sich durch Beruf, Konsum und sexuelle Erfolge definiert, gelingt, die Mehrheit als Lebensverlierer abzustempeln, sondern dass Houellebecqs Helden auch noch mit Neid auf eben jenes wohlhabende Erlebnisproletariat schauen, das meint alles zu haben, nur weil es sich jederzeit überflüssige Konsumgüter leisten und Sex haben kann.

In Houellebecqs Helden stürmt und drängt nichts, ihnen fehlt jeglicher Idealismus, die Welt nach ihren Vorstellungen zu formen. Wenn Rüdiger Safranski recht damit hat, dass Idealismus ist, wenn man mit der Kraft der Begeisterung länger lebt, als es der Körper erlaubt, dann sind Houellebeqcs Helden bereits tot, ohne es zu wissen. Mit Houellebecq ist also kein Weltverbesserer am Werk, sondern ein pessimistischer Realist, der sich fragt, warum wir bloß nie, nie geliebt werden. "Pourquoi ne pouvons-nous jamais, jamais, être aimés?" (aus Houellebecq, Suche nach Glück, S. 62, 63).

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19 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen ...das menschenverachtende Gefühl hielt noch länger an, 17. September 2004
Von Inion@web.de (Celle, Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
Diese Rezension stammt von: Ausweitung der Kampfzone (Taschenbuch)
Um es vorwegzunehmen: "Die Ausweitung der Kampfzone" ist ein wichtiges, gutes Buch. Aber ich würde es nicht uneingeschränkt weiterempfehlen. Warum? Nun, zum einen ist die Erzählweise so eindringlich, dass man bereits nach ein paar Seiten die Menschenverachtung und das Gefühl der Einsamkeit des Protagonisten (ein ziemlicher Unsympath übrigens) zu teilen beginnt - nicht unbedingt das, was man ein entspannendes Lesevergnügen nennt. Zum anderen könnten sich gerade zartbesaitete von dem vieldiskutierten Kapitel, das sich der Anstiftung zum Lustmord widmet, abgestoßen fühlen.
Ein wichtiges Buch aber deshalb, weil es sehr schön vor Augen führt, welche Werte in unserer westlichen Gesellschaft (da unterscheiden sich Frankreich und Deutschland nicht wirklich)als erstrebenswert angesehen werden: Geld, Macht, viel Sex als Indikator persönlichen Glückes - nur die entsprechende Zufriedenheit mag sich merkwürdigerweise nicht einstellen.
Ein desillusionierendes Buch, aber wer z.B. Chuck Palahniuk gerne liest, der wird Houellebecq zu schätzen wissen (oder auch umgekehrt...)
Bedrückend: nach der Lektüre durch die Stadt zu gehen und nur Verachtung für die Menschen um einen herum zu empfinden - hielt einen ganzen Nachmittag an und zeugt von dem enormen Eindruck, den das Buch beim Leser hinterlassen kann.
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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen Jenseits von Sex, 11. August 2008
Von Niclas Grabowski "niclas grabowski" (Berlin) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 50 REVIEWER)    (REAL NAME)   
"Einige Minuten lang konnte ich alles auf streng objektive Weise beobachten. Doch dann packte mich ein Gefühl des Unbehagens. Ich stand auf und ging schnell weg." Dieses Buch ist dann am unterhaltsamsten, seine Einsichten in die moderne Gesellschaft am klarsten, wenn der Protagonist eine Umwelt beschreibt, insbesondere die absurde Existenz von Menschen, die ihm eigentlich gleichen. Es ist vor allem die Welt der Büros in Paris und der französischen Provinz, die hier nicht gut weg kommt. Menschen handeln von den eigenen Wünschen und Träumen entfremdet. Und oft genug sind sie dabei außerordentlich traurig anzuschauen oder auch komisch. Insgesamt ist es aber ein Panoptikum leidender Seelen, die Houellebecq in seinem ersten, erfolgreichen Roman hier darstellt.

Der Kern des Übels wird dabei in folgendem Satz zusammengefasst: "Die Sexualität ist ein System sozialer Hierarchie." Diese Aussage findet sich auch in späteren Büchern des Autors wieder. Man muss schon zugeben, dass der Autor seine These in "Ausweitung der Kampfzone" wie auch in anderen Büchern überzeugend illustriert und begründet. Mir erscheinen diese Passagen allerdings deutlich weniger überzeugend als die lakonischen Beschreibungen von Personen und Ereignissen. Nein, die Welt besteht nicht nur aus Sex und Geld. Und so kommt mir die oft zitierte Hauptthese des Autors etwas dünn vor. Und zumindest in "Plattform" bekommen wir hier Klügeres zu lesen.

"Ich verfiel langsam auf den Gedanken, dass all diese Leute, Männer wie Frauen, überhaupt nicht gestört waren; sie litten nur unter einem Mangel an Liebe. Ihre Gesten, ihr Verhalten, ihre Mimik zeugten von einem herzzerreißenden Durst nach körperlicher Berührung und Zärtlichkeit; aber das war natürlich unmöglich." Hier, im besten Satz des Buches, kurz vor dem Schluss, wird klar, worum es eigentlich im Leben geht. Und so lässt das Buch es durchaus offen, ob die vielen Passagen über Sexualität, Markt und Kapitalismus wirklich platte Gesellschaftskritik sind oder nicht vielmehr subjektive Äußerungen eines in seinem sozialem Handeln doch sehr begrenzten Protagonisten, dessen Leben zum Ende des Romans zunehmend verfällt.

Aber wie man die Botschaft des Romans auch immer verstehen oder bewerten will, das ganze zu lesen ist schon ein Erlebnis.
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1.0 von 5 Sternen ...vieleicht bin ich schon zu alt...
Für mich total unverständliches Buch. Ich habe es nach dem Lesen weggeworfen. Es hätte nur Platz verstellt.
Vor 1 Monat von Franz Wanzenböck veröffentlicht

5.0 von 5 Sternen Beeindruckendes Frühwerk
"Kampfzone" enthält alle Elemente eines typischen Houellebecqs: Detaillierte Schilderungen der sexuellen Phantasien des Autors, Abgründe unserer Gesellschaft und die erfolglose... Lesen Sie weiter...
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Veröffentlicht am 26. Juni 2007 von Benjamin Klein

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Veröffentlicht am 31. Mai 2007 von Dominic Berlemann

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