Aus der Amazon.de-Redaktion
Der Einband des Buches ist schwarz, das Vorsatzpapier blutrot und unter dem Titel steht provokativ: "Vampir-Roman". Mut haben sie ja, der kleine Wiener Verlag und sein junger Autor, denke ich mir und lese die ersten Zeilen.
"Jetzt hockt sie im Wagen, und wieder hat es Nacht werden müssen, damit sie endlich allein ist." -- Mimi ist Polizistin und arbeitet für das Wiener Sicherheitsbüro: geheimes Fachgebiet "Unappetitliche Sachen, die sonst keiner machen will". In dieser Funktion wird sie auf eine Reihe von Straftaten angesetzt, die mehrere Gemeinsamkeiten aufweisen. Bisher unbescholtene Bürger drehen plötzlich durch, die Täter lassen kurz nach der Tat ebenfalls ihr Leben und alles passiert stets in einem Naturschutzgebiet entlang der Lobau.
Als erstes rastet der berühmt-berüchtigte Moderator einer mitternächtlichen Radioshow aus und beschuldigt -- auf Sendung -- hohe Regierungsvertreter krimineller oder perverser Machenschaften. Dann fällt er ins Koma. Seine Angaben erweisen sich als wahrheitsgetreu.
Kurz darauf ermordet ein harmloser Gartenstadtbewohner einen Würstelbudenbesitzer, und eine polnische Nudistin ihren Mann. Kommissarin Mimi vermutet Zusammenhänge. Etwas Übernatürliches scheint in Wien sein Unwesen zu treiben. Doch das will ihr verbohrter Chef natürlich bis zuletzt nicht glauben. Monsignore Hain dagegen schon; wäre schließlich nicht seine erste Austreibung.
Ernst Molden hat einen sprachlich ungemein dichten Roman geschrieben, eine wohltuende Mischung aus Wiener Bösartigkeit und literarischer Phantastik. Gekonnt spickt er seine Krimihandlung mit kurzen, detaillierten Milieuschilderungen und Charakterstudien, die dem Leser einen Schauer den Rücken hinunter jagen, ja fast noch mehr zum Gruseln einladen als die konventionelleren Horrorelemente.
Hoffentlich scheitert dieses großartige Buch nicht an seiner Eigenwilligkeit. Austreiben ist ein Roman für offene und neugierige Leser, die sich anschließend wahrscheinlich eine stille Ecke suchen und Moldens andere Romane Die Krokodilsdame und Biedermeier verschlingen werden. --Felix Darwin
Neue Zürcher Zeitung
Am Ausguss Wiens
Ernst Moldens Vampir-Roman
Was hat ein Vampir in Wiens feuchten Donau-Auen zu suchen? Die Antwort weiss allein Ernst Molden, der bereits im Untertitel seines neuen Romans «Austreiben» Blutrünstiges ankündigt. Vielleicht muss der 32jährige, der als Autor und Bandleader in Wien lebt, ja auch deshalb zu solch drastischen Mitteln greifen, weil er literarisch erheblich vorbelastet ist: Sein Vater war der berühmt-berüchtigte Verleger, der in grossem Stil Bücher und in noch grösserem Stil Pleite machte, und seine Mutter Hanna Molden versuchte jüngst als Sachbuchautorin das Geheimnis des letzten Esterhazy-Fürsten zu lüften. Die Geheimnisse in Ernst Moldens Roman sind naturgemäss etwas niedriger angesiedelt: im «Miljöh» der Würstlbuden, Stadtbahnhaltestellen und Schrebergärten, in denen wir erinnern uns an die einschlägigen Fernsehserien ein Kottan ermittelte oder ein echter Wiener namens Mundl nicht unterging.
Mancher mag in diesen Niederungen nach wie vor sein Elysium finden, doch für den Mitternachtsmoderator bei einem populären Wiener Radiosender, Josef Eidlberger, genannt Joe Eid, den es an einem schwülen Frühsommertag in die amphibischen Auen um den Oder-Donau-Kanal zieht, hat der Aufenthalt an der Peripherie fatale Folgen. Gegen die dralle Blondine im luftigen Khakikleidchen, die sich zu ihm auf die Holzbank setzt, hat er vorerst nichts einzuwenden gehabt, doch als er kurz danach aus einem tiefen Schlaf erwacht, muss Joe feststellen, dass er verletzt ist. War es das unbekannte Donauweibchen, das ihm den folgenschweren Biss in die Brustwarze zugefügt hat? Zunächst verleiht ihm der Biss noch ungeahnte aufklärerische Fähigkeiten: Er holt bei seiner nächsten und zugleich letzten Sendung zu einem grossen Rundumschlag gegen Politiker und Werbekunden aus und verbarrikadiert sich schliesslich in seinem Senderaum, ehe er mit der Ambulanz in die psychiatrische Klinik Steinhof abtransportiert wird und forthin in einem der von Otto Wagner erbauten Pavillons vor sich hin dämmert.
Was sich in der Folgezeit in der Lobau, dem «Ausguss Wiens», noch alles an Ungeheuerlichem und Haarsträubendem ereignen wird, erzählt Molden in ebenso mundgerechten wie ereignisreichen Kapiteln. Man merkt, dass der Autor es sich zur obersten Maxime gemacht hat, seine Leser zu unterhalten, statt zu langweilen. Sprachlich geht dieser Plan auf, denn Moldens Diktion ist mit einem Ton grundiert, in dem die Tradition des Wiener schwarzen Humors von H. C. Artmann bis Qualtinger nachklingt. Seine Sätze sind wohltuend kurz, meistens pointiert und haben mitunter Originalitätsanspruch. So lässt er die Sonne ab- statt untergehen und die Stadt ein «krankes Monster mit verschlackten Hauptschlagadern» «gemächlich in den Sommer schwappen». Überhaupt wer weder an Vampire noch an Exorzisten glaubt, liest Moldens Buch am gewinnreichsten als einen atmosphärisch zwischen Allerheiligen und Allerseelen angesiedelten Wien-Roman. Und hofft, dass dieser Autor irgendwann einmal einen Stoff finden wird, der seinem beträchtlichen schriftstellerischen Talent gerecht wird.
Hans Christian Kosler