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Aussichten auf den Bürgerkrieg
 
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Aussichten auf den Bürgerkrieg [Broschiert]

Hans Magnus Enzensberger
3.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (6 Kundenrezensionen)
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Hans Magnus Enzensberger
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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Mit dem Ende des Kalten Krieges hat auch den machtgeschützten Idyllen des Westens die Stunde geschlagen. Das beklemmende Gleichgewicht der Pax atomica existiert nicht mehr. Stattdessen sieht sich die Welt mit Dutzenden von Bürgerkriegen konfrontiert. Niemand war auf diese Lage gefaßt, und keiner weiß, wie es weitergeht. Nicht nur in der Dritten Welt, im Osten und auf dem Balkan wird gekämpft. Auch in den Metropolen, so lautet Enzensbergers These, hat der molekulare Bürgerkrieg bereits begonnen. Vor diesen Konflikten versagen alle herkömmlichen Schemata und Erklärungen: Klassenkampf, Jugendrevolte, nationale Befreiung ... Die Ideologien dienen nur noch als austauschbares Kostüm; Überzeugungen sind nicht mehr vorhanden. Das Gemeinsame der großen und kleinen Bürgerkriege ist der Autismus der Gewalt und die Neigung zur Selbstzerstörung, zum kollektiven Amoklauf ... Während es brennt, ist mehr denn je zuvor von den Menschenrechten die Rede. Man überhäuft uns mit Beschwörungen und Schuldzuweisungen. Die Schere aber zwischen den hocherhobenen Ansprüchen und ihrer Einlösung öffnet sich weiter mit jedem Tag. Überfordert sind nicht nur die Einzelnen, sondern auch die politischen Systeme. Die Zahl der Verlierer, der "überflüssigen Menschen", nimmt rapide zu. Auch an der Frage der Interventionen zeigt sich immer deutlicher, daß die Rhetorik des Universalismus gescheitert ist. Vielleicht ist es an der Zeit, von unseren moralischen Allmachtsphantasien Abschied zu nehmen und unsere bescheidenen Kräfte auf das zu konzentrieren, was wir leisten können und wofür wir zu haften haben. Von der Leichtigkeit, die man diesem Schriftsteller nachsagt, ist in Enzensbergers jüngster Arbeit nichts mehr zu spüren. Aus seinem Versuch, ein moralisches und politisches Minenfeld zu erkunden, spricht einbisweilen quälender Ernst. Das Ergebnis verspricht keinen Trost, nichts Endgültiges, im besten Fall mehr Klarheit: die Panik wäre ein Luxus, den wir uns nicht leisten können.

Über den Autor

Hans Magnus Enzensberger, geb. 1929 in Kaufbeuren, lebt in München. 1963 erhielt Hans Magnus Enzensberger den Georg-Büchner-Preis.

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Kundenrezensionen

Die hilfreichsten Kundenrezensionen
58 von 59 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Ein Kunde
Format:Taschenbuch
Was andere als das „Ende der Geschichte" bezeichnet haben, nämlich das Ende der Blockkonfrontation und den Schub in der wirtschaftlichen Globalisierung seit 1989, thematisiert Hans Magnus Enzensberger als den Beginn des Krieges, genauer gesagt des Bürgerkrieges. Während im Schatten des kalten Krieges die innergesellschaftlichen Konflikte relativ gering gehalten wurden und auch ärmere Nationen davon profitierten, daß zwei Supermächte um ihre Gunst buhlten zeigt sich im Zeitalter des weltweiten Kapitalismus, daß dies kein Dauerzustand ist. Mit der anwachsenden Globalisierung und der Standortpolitik wächst auch die Zahl der Verlierer in den Gesellschaften, die - so der Autor - sich dann aus dem gesellschaftlichen Konsens ausgeschlossen fühlen und im Extremfall zu Vandalismus und Konfrontation mit der restlichen Gesellschaft neigen werden. Auch außerhalb Deutschlands sieht Enzensberger einen Wandel: Noch nie waren so viele Menschen auf der Flucht, noch nie war die Zahl der Bürgerkriege so groß und die der funktionierenden Staaten so gering. Aller Menschenrechtsrhetorik zum Trotz gilt vielerorts das Recht des Stärkeren und die noch Stärkeren sehen untätig zu beziehungsweise weg. Wie immer bei Enzensberger ist seine Argumentation stimmig und sein Stil von hervorragender Lesbarkeit. Doch man wird das Gefühl nicht los, daß er sich zu sehr in pessimistischen Visionen ergeht und sich zuwenig Gedanken macht, wie Abhilfe zu schaffen wäre. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
War diese Rezension für Sie hilfreich?
40 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von ludwigwitzani TOP 500 REZENSENT
Format:Taschenbuch
Es beginnt damit, dass sich der Müll an den Straßenrändern ansammelt, dann werden Fensterscheiben eingeschlagen, Passanten angegriffen, Autos angezündet, Geschäfte geplündert, geraubt, gemordet, vergewaltigt. "Sie haben schon alles kaputt gemacht, die Briefkästen, die Türen, die Treppenhäuser," berichtet ein Sozialarbeiter in den frühen Neunziger Jahren (!) aus den Banlieus von Paris. "Die Poliklinik, wo ihre kleinen Brüder und Schwestern gratis behandelt werden, haben sie demoliert und geplündert. Sie erkennen keinerlei Regeln an, sie schlagen Arzt- und Zahnarztpraxen kurz und klein und zerstören ihre Schulen. Wenn man ihnen einen Fußballplatz einrichtet, sägen sie die Torpfosten ab." Doch es sind nicht nur die Migranten in den Vorstädten von Paris, die Rechtsradikalen in Hoyerswerda oder die Autonomen in Kreuzberg, überall in den Metropolen der Welt entwickeln sich Hass und Gewalt zu immer unerträglicheren Formen eines "molekularen" Bürgerkrieges. Seine Protagonisten sind keinerlei Weltanschauung verpflichtet, "auf einen Führer können sie verzichten. Der Hass genügt." (S.30)
Soweit Enzensbergers Befund aus den frühen Neunziger Jahren, den man heute, wegen seiner fast prophetischen Hellsichtigkeit nur mit Stauen lesen kann. Was aber sind die Ursachen dieser Gewalt? Natürlich spielen nach Enzensberger die Medien eine verhängnisvolle Rolle, denn sie verwandeln die Menschen in Voyeure und "machen Propaganda für die Tat, über die sie berichten". Aber sie sind nur doch nur Katalysator, nicht Verursacher dieser Entwicklung. Auch die "kommunistischen und faschistischen Lumpenintellektuellen", die sich vor allem dadurch hervortaten, die Großgruppen von Menschen zu definieren, die ausgerottet werden sollten, gehören ausnahmsweise mal nicht auf die Anklagebank, denn die Gewalt des molekularen Bürgerkrieges ist nicht gruppenspezifisch sondern allgemein. Problematischer mutet da schon die Rolle des Staates an, der sich gegenüber der ausufernden Gewalt eigenartig gleichgültig verhält und immer mehr rechtsfreie Räume anerkennt. Er ist schon längst nicht mehr in der Lage, seinen Bürger Sicherheit zu gewährleisten, womit er nach Enzensberger im strengen Hobbesschen Sinne seine Existenzberechtigung verloren hat. Es ist auch nicht die pure Not, die die Massen der Verlierer in den Hass treibt, denn dazu ist die sozialstaatliche Alimentierung großer Gruppen der jugendlichen Gewalttäter doch zu üppig. Enzensbergers Erklärung für den Aufstieg des molekularen Bürgerkrieges ist so fundamental wie allgemein. ENZENSBERGER definiert den Menschen im anthropologischen Sinne und in Anlehnung an Hegel als ein Wesen, das nach Sichtbarkeit und Anerkennung strebt - ein Streben, das in den urbanen Massengesellschaften unserer Zeit unerfüllt bleiben muss und die Menschen in die Sinnlosigkeit und die Gewalt treibt - nach dem Motto: wenn mich schon niemand beachtet, dann zünde ich einfach mal ein Auto an. Hass und Verbrechen, verbunden mit den atavistischen Genüssen der Gewalt, erscheinen so als die letzten barbarischen Ausdrucksformen entzivilisierter Erdbewohner.
Nach einer derart nieder schmetternden Diagnose, deren Realitätsgehalt niemand wird bezweifeln können, fragt man natürlich nach der Therapie. Menschenrechtsuniversalismus, wie er heute wohlfeil aus allen Lautsprechern tönt, scheidet natürlich aus, denn er ist nichts weiter als eine Einladung zur Heuchelei - ebenso das für Enzensberger unerträgliche Gutmenschengetue, das in jedem Täter ein Opfer sieht und alles entschuldigt. Stattdessen empfiehlt ENZENSBERGER nach dem Vorbild der französischen Triage die Konzentration auf das, was noch zu retten ist. Die Bürgerkriege und die Gewalt in Angola und Afghanistan können wir nicht beseitigen, aber bei uns ist vielleicht noch nicht alles verloren. Nicht Kaschmir und Sri Lanka, sondern Möllln und Solingen, sind unsre Probleme, schreibt Enzensberger. Aber ist es nicht auch hier schon zu spät? möchte man fragen. Nein, verkündet ENZENSBERGER, denn "Nicht alle laufen Amok" ( S. 91), und außerdem gibt es Phasen der Erschpfung nach den Exzessen des molekularen Bürgerkrieges, es gibt "vorläufige Wunder"!, erzeugt von Menschen, die trotz aller Gewalt immer wieder anfangen, Ordnung und Verlässlichkeit neu zu begründen - für ENZENSBERGER ein wenig wie Sisyphos, der der Stein immer wieder den Berg hochschiebt, ohne das Werk ( "den Frieden") jemals vollenden zu können.
Fast 15 Jahre nach seiner Veröffentlichung hat Enzensberger Essay nichts von seiner Aktualität verloren, im Gegenteil: wieder brennen in den französischen Vorstädten die Autos, und ganze Teile deutscher Städte versinken im Strudel der Jugendgewalt, die im wesentlichen von Jugendlichen getragen wird, die in ihren Gastgesellschaften nicht heimisch werden wollen oder können. Der Staat als Ordnungsmacht hat längst kapituliert, das Staatsgebiet wird von immer mehr No-Go Areas durchsetzt, und als wäre das nicht genug, beseitigt die EU gegen den entschiedenen Protest von Polizei und Bürgern alle Grenzkontrollen zu Osteuropa. Der islamische Fundamentalismus, die wahrscheinlich gefährlichste Frucht dieses Hasses, bewegt sich in den europäischen Gesellschaften wie der viel zitierte Fisch im Wasser. Trübe Aussichten für Sisyphos, denn es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis sich gegen diese katastrophalen Zustände eine gesellschaftliche Gegenbewegung organisieren wird, die dann mit Demokratie wenig am Hut haben und auch ihrerseits auf Hass und Gewalt nicht verzichten wird. Dann geht der Bürgerkrieg erst richtig los.
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7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Ja, 20. August 2008
Von Historienfreak TOP 1000 REZENSENT
Format:Taschenbuch|Von Amazon bestätigter Kauf
sollte man gelesen haben. Enzensberger liegt nicht jedem, doch wer seine bisherigen Essays und Bücher gelesen hat, ist mit diesem gut beraten.
Der Autor sieht den Grund für die zukünftigen Konflikte in einer anonymisierten Welt, in der die Menschen nicht durch Hunger und Not zur Gewalt, oder durch ideologische Gegensätze, getrieben werden sondern aus Lust am Erlebnis. Bei der Gewalt als Hauptevent durchleuchtet er auch kritisch die Rolle des Staates, der nicht mehr überall Gewillt und in der Lage sein wird durchzugreifen und somit rechtsfreie Räume akzeptiert.
Der alte Gegensatz der Supermächte verhalf vielen Staaten zu einer gewissen Stabilität, da die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion ihre Parteigänger ideologisch und materiell unterstützten und die jeweiligen Feindbilder einigend wirkten. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, interessiert sich die verbliebene Supermacht nicht mehr für viele ärmere Staaten, die im Chaos versinken.
Da das westliche kapitalistische System nicht mehr vom Kommunismus bedroht ist, müssen diese Staaten auch nicht mehr mit sozialistischen Staaten um Sozialleistungen wetteifern. Viele Menschen sind zwar materiell nach wie vor gut versorgt, aber befinden sich - chancenlos - am Rande der Gesellschaft und diese machen mit Gewalt auf sich aufmerksam.
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