Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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44 von 44 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Pessimistischer Blick in die Zukunft, 26. August 1999
Von Ein Kunde
Was andere als das „Ende der Geschichte" bezeichnet haben, nämlich das Ende der Blockkonfrontation und den Schub in der wirtschaftlichen Globalisierung seit 1989, thematisiert Hans Magnus Enzensberger als den Beginn des Krieges, genauer gesagt des Bürgerkrieges. Während im Schatten des kalten Krieges die innergesellschaftlichen Konflikte relativ gering gehalten wurden und auch ärmere Nationen davon profitierten, daß zwei Supermächte um ihre Gunst buhlten zeigt sich im Zeitalter des weltweiten Kapitalismus, daß dies kein Dauerzustand ist. Mit der anwachsenden Globalisierung und der Standortpolitik wächst auch die Zahl der Verlierer in den Gesellschaften, die - so der Autor - sich dann aus dem gesellschaftlichen Konsens ausgeschlossen fühlen und im Extremfall zu Vandalismus und Konfrontation mit der restlichen Gesellschaft neigen werden. Auch außerhalb Deutschlands sieht Enzensberger einen Wandel: Noch nie waren so viele Menschen auf der Flucht, noch nie war die Zahl der Bürgerkriege so groß und die der funktionierenden Staaten so gering. Aller Menschenrechtsrhetorik zum Trotz gilt vielerorts das Recht des Stärkeren und die noch Stärkeren sehen untätig zu beziehungsweise weg. Wie immer bei Enzensberger ist seine Argumentation stimmig und sein Stil von hervorragender Lesbarkeit. Doch man wird das Gefühl nicht los, daß er sich zu sehr in pessimistischen Visionen ergeht und sich zuwenig Gedanken macht, wie Abhilfe zu schaffen wäre. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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70 von 72 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
So sieht es aus bei uns - ein ungeschminkter Ausflug in die Wirklichkeit , 29. November 2007
Es beginnt damit, dass sich der Müll an den Straßenrändern ansammelt, dann werden Fensterscheiben eingeschlagen, Passanten angegriffen, Autos angezündet, Geschäfte geplündert, geraubt, gemordet, vergewaltigt. "Sie haben schon alles kaputt gemacht, die Briefkästen, die Türen, die Treppenhäuser," berichtet ein Sozialarbeiter in den frühen Neunziger Jahren (!) aus den Banlieus von Paris. "Die Poliklinik, wo ihre kleinen Brüder und Schwestern gratis behandelt werden, haben sie demoliert und geplündert. Sie erkennen keinerlei Regeln an, sie schlagen Arzt- und Zahnarztpraxen kurz und klein und zerstören ihre Schulen. Wenn man ihnen einen Fußballplatz einrichtet, sägen sie die Torpfosten ab." Doch es sind nicht nur die Migranten in den Vorstädten von Paris, die Rechtsradikalen in Hoyerswerda oder die Autonomen in Kreuzberg, überall in den Metropolen der Welt entwickeln sich Hass und Gewalt zu immer unerträglicheren Formen eines "molekularen" Bürgerkrieges. Seine Protagonisten sind keinerlei Weltanschauung verpflichtet, "auf einen Führer können sie verzichten. Der Hass genügt." (S.30)
Soweit Enzensbergers Befund aus den frühen Neunziger Jahren, den man heute, wegen seiner fast prophetischen Hellsichtigkeit nur mit Stauen lesen kann. Was aber sind die Ursachen dieser Gewalt? Natürlich spielen nach Enzensberger die Medien eine verhängnisvolle Rolle, denn sie verwandeln die Menschen in Voyeure und "machen Propaganda für die Tat, über die sie berichten". Aber sie sind nur doch nur Katalysator, nicht Verursacher dieser Entwicklung. Auch die "kommunistischen und faschistischen Lumpenintellektuellen", die sich vor allem dadurch hervortaten, die Großgruppen von Menschen zu definieren, die ausgerottet werden sollten, gehören ausnahmsweise mal nicht auf die Anklagebank, denn die Gewalt des molekularen Bürgerkrieges ist nicht gruppenspezifisch sondern allgemein. Problematischer mutet da schon die Rolle des Staates an, der sich gegenüber der ausufernden Gewalt eigenartig gleichgültig verhält und immer mehr rechtsfreie Räume anerkennt. Er ist schon längst nicht mehr in der Lage, seinen Bürger Sicherheit zu gewährleisten, womit er nach Enzensberger im strengen Hobbesschen Sinne seine Existenzberechtigung verloren hat. Es ist auch nicht die pure Not, die die Massen der Verlierer in den Hass treibt, denn dazu ist die sozialstaatliche Alimentierung großer Gruppen der jugendlichen Gewalttäter doch zu üppig. Enzensbergers Erklärung für den Aufstieg des molekularen Bürgerkrieges ist so fundamental wie allgemein. ENZENSBERGER definiert den Menschen im anthropologischen Sinne und in Anlehnung an Hegel als ein Wesen, das nach Sichtbarkeit und Anerkennung strebt - ein Streben, das in den urbanen Massengesellschaften unserer Zeit unerfüllt bleiben muss und die Menschen in die Sinnlosigkeit und die Gewalt treibt - nach dem Motto: wenn mich schon niemand beachtet, dann zünde ich einfach mal ein Auto an. Hass und Verbrechen, verbunden mit den atavistischen Genüssen der Gewalt, erscheinen so als die letzten barbarischen Ausdrucksformen entzivilisierter Erdbewohner.
Nach einer derart nieder schmetternden Diagnose, deren Realitätsgehalt niemand wird bezweifeln können, fragt man natürlich nach der Therapie. Menschenrechtsuniversalismus, wie er heute wohlfeil aus allen Lautsprechern tönt, scheidet natürlich aus, denn er ist nichts weiter als eine Einladung zur Heuchelei - ebenso das für Enzensberger unerträgliche Gutmenschengetue, das in jedem Täter ein Opfer sieht und alles entschuldigt. Stattdessen empfiehlt ENZENSBERGER nach dem Vorbild der französischen Triage die Konzentration auf das, was noch zu retten ist. Die Bürgerkriege und die Gewalt in Angola und Afghanistan können wir nicht beseitigen, aber bei uns ist vielleicht noch nicht alles verloren. Nicht Kaschmir und Sri Lanka, sondern Möllln und Solingen, sind unsre Probleme, schreibt Enzensberger. Aber ist es nicht auch hier schon zu spät? möchte man fragen. Nein, verkündet ENZENSBERGER, denn "Nicht alle laufen Amok" ( S. 91), und außerdem gibt es Phasen der Erschpfung nach den Exzessen des molekularen Bürgerkrieges, es gibt "vorläufige Wunder"!, erzeugt von Menschen, die trotz aller Gewalt immer wieder anfangen, Ordnung und Verlässlichkeit neu zu begründen - für ENZENSBERGER ein wenig wie Sisyphos, der der Stein immer wieder den Berg hochschiebt, ohne das Werk ( "den Frieden") jemals vollenden zu können.
Fast 15 Jahre nach seiner Veröffentlichung hat Enzensberger Essay nichts von seiner Aktualität verloren, im Gegenteil: wieder brennen in den französischen Vorstädten die Autos, und ganze Teile deutscher Städte versinken im Strudel der Jugendgewalt, die im wesentlichen von Jugendlichen getragen wird, die in ihren Gastgesellschaften nicht heimisch werden wollen oder können. Der Staat als Ordnungsmacht hat längst kapituliert, das Staatsgebiet wird von immer mehr No-Go Areas durchsetzt, und als wäre das nicht genug, beseitigt die EU gegen den entschiedenen Protest von Polizei und Bürgern alle Grenzkontrollen zu Osteuropa. Der islamische Fundamentalismus, die wahrscheinlich gefährlichste Frucht dieses Hasses, bewegt sich in den europäischen Gesellschaften wie der viel zitierte Fisch im Wasser. Trübe Aussichten für Sisyphos, denn es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis sich gegen diese katastrophalen Zustände eine gesellschaftliche Gegenbewegung organisieren wird, die dann mit Demokratie wenig am Hut haben und auch ihrerseits auf Hass und Gewalt nicht verzichten wird. Dann geht der Bürgerkrieg erst richtig los.
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2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Ja, , 20. August 2008
sollte man gelesen haben. Enzensberger liegt nicht jedem, doch wer seine bisherigen Essays und Bücher gelesen hat, ist mit diesem gut beraten.
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