Es ist schon beinahe unerträglich, was Marta, die Mutter des von den Fachleuten als "autistisch" und "psychotisch" beurteilten Jakob durchmachen muss, bis sie einigermaßen mit sich und dem Leben mit ihrem nicht ins Normalbild passenden Sohn ins Reine kommt. Keine Gemeinheit durch ihre Mitmenschen, die ihr und ihrem Kind nicht widerfährt, keine Schuld an Jakobs gestörtem Verhalten, die ihr als Mutter nicht zugewiesen wird. Beim Lesen bekommt man Angst vor dieser Welt, die nur aus Gehässigkeit und Selbstgefälligkeit zu bestehen scheint. Das beginnt bei den Nachbarn, die überall das gleiche ablehnende Verhalten zeigen, egal an welchen Ort Marta sich mit Jakob hinflüchtet, und es endet bei jenen, die eigentlich helfen sollten - bei den Ärzten und Fachleuten, bei denen Marta Rat und Unterstützung sucht, die ihr aber stattdessen immer nur noch mehr Schuldgefühle aufladen. Mich haben an der Erzählung die Eindringlichkeit der Schilderungen beeindruckt, die Ausdruckskraft der Autorin, ihr großes Einfühlungsvermögen und nicht zuletzt die Tatsache, dass ich das Buch immer wieder zur Hand nehmen musste um weiterzulesen, obwohl mir manchmal schon richtig bang vor dem war, was nun noch alles auf Marta und Jakob zukommen würde. Und hier bin ich bei dem angelangt, was mir weniger gefallen hat - ich bin zwar auch davon überzeugt, dass die Welt insgesamt schlecht ist, aber dieses Übermaß an Niederträchtigkeiten und Gemeinheiten erschien selbst mir unglaubwürdig und übertrieben. Kein Klischee, das hier ausgelassen wurde - nicht der egoistische Mann, der nur seine Karriere im Kopf hat, nicht die böse Schwiegermutter, nicht übelwollende Nachbarn, Lehrer, Verwandte, Freunde, Ärzte - mit Ausnahme einer Kindergärtnerin und einer fremde Frau waren alle, die in der Geschichte in Erscheinung traten, Marta und ihrem Kind böse gesinnt, und das erschien mir insgesamt doch zu dick aufgetragen. Bewundernswert jedenfalls, wie Marta sich den Zutritt in die fremde, oft unzugängliche Welt ihres Kindes erkämpft und immer wieder erkämpfen muss; Respekt vor einer Frau, deren Selbstzweifel und Schuldgefühle sie beinahe zerstören, bis die Liebe und das Vertrauen ihres Kindes ihr nach Jahren der Zweifel den Beweis erbringen, dass sie richtig handelt. Ich kann dieses Buch jenen empfehlen, die beim Lesen ein gewisses Bauchgrimmen vetragen; für Leser, die eine Heile-Welt-Literatur bevorzugen, ist das Buch gewiss nicht geeignet.