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Ausgrabungen. Roman
 
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Ausgrabungen. Roman [Gebundene Ausgabe]

Jaan Kross , Cornelius Hasselblatt
4.3 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)

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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 276 Seiten
  • Verlag: Dipa (Juli 2002)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3763803432
  • ISBN-13: 978-3763803439
  • Größe und/oder Gewicht: 19,2 x 13,2 x 2,6 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.3 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 1.560.169 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Frost, Tauwetter und ein verregneter Sommer

«Ausgrabungen», ein neuer Roman von Jaan Kross

Kaum eine Million Menschen könnten seine Romane im Original lesen, doch der 1920 in Tallinn geborene Jaan Kross ist durch Übersetzungen in zweiundzwanzig Sprachen international bekannt. Zum 75. Geburtstag erscheint nun im Frankfurter «dipa»-Verlag sein Roman mit dem beziehungsreichen Titel «Ausgrabungen». Anders als bei Kross' historischen Romanen fällt die Handlung diesmal in die Lebenszeit des Autors und trägt deutlich autobiographische Züge. Der Autor schrieb das Manuskript Mitte der achtziger Jahre. Erst 1990, nach der Unabhängigkeit Estlands von der Sowjetunion, wurde es gedruckt. Der Roman, den Kross als sein zentrales Werk betrachtet, gibt Zeugnis von einem Lebensgefühl, das er im Gespräch so beschreibt: «Ein halbes Jahrhundert waren wir darin geübt, unter Wasser zu wohnen und durch Grashalme zu atmen. Nun, ohne Zensur, beginnt man einfach zu atmen. Und das ist alles.»

Einfach atmen, endlich einfach erzählen – dieses Gefühl bestimmt den Sprachduktus des Romans. Wie immer bei Kross geht es um Schicksale von Esten in politisch schwierigen Zeiten. Die Hauptfigur ist aus «Die Verschwörung» bekannt: Peeter Mirk, erkennbar das Alter ego des Autors und wie dieser ein schier unerschöpflicher Erzähler in der Tradition des episodischen Romans. Über dreissig Jahre liegt zurück, wovon er berichtet: Juni 1954, Stalin ist tot. Mirk kehrt nach Estland zurück, acht Jahre nachdem man den Juradozenten in Tartu von seiner Kandidatenarbeit über das Völkerrecht zum Lager in Sibirien verurteilt hatte. «Das damalige Tauwetter war noch längst nicht auf seinem Höhepunkt», heisst es am Anfang, «aber man spürte die Lockerungen doch sehr stark.» Ironischerweise ist der nun folgende Sommer verregnet.

Die Professorenkarriere bleibt Mirk, wie ehedem dem Autor, verschlossen – «denn», so Kross, «wie konnte man Völkerrecht lehren in einem Staat, in dem es abgeschafft war?» Der Heimkehrer gesellt sich zu einer Gruppe von ebenfalls arbeitslosen Künstlern und Akademikern, dem «Alteisenclub», der sich – unsicher, ob man sich mit «Herr» oder «Genosse» anreden soll – in den dunklen Nischen des legendären Cafés Tallinn trifft. Mirk hat Glück. Er wird den Ausgrabungsarbeiten auf dem Tallinner Domberg zugeteilt. Hier stösst er auf ein Manuskript aus dem Mittelalter. Bei dem aufregenden Fund sind keine Zeugen anwesend, und so nimmt Mirk das Libell aus Neugier an sich. Es handelt sich um eine Beichte des ersten Tallinner Statthalters aus der Dänenzeit, in der dieser Gott um Verzeihung bittet für sein Mitwirken an der Christianisierung – sprich: Eroberung – des Landes.

Die Schrift ist politisch brisant und könnte ihrem Finder gefährlich werden, weil man sie als Parabel auf die Sowjetisierung der Esten lesen könnte. Das Libell unbemerkt wieder loszuwerden, gestaltet sich unvorhergesehen kompliziert.

Das Ausgrabungsthema wird von Kross geschickt genutzt: Das Libell gibt Gelegenheit zur Beschreibung des mittelalterlichen Tallinn, der Fund eines Uniformknopfes inspiriert Mirk, Überführung und Erschiessung revolutionärer Matrosen an der Tallinner Schlossmauer im November 1906 zu imaginieren. Mit erstaunlicher erzählerischer Leichtigkeit wird der Bogen der Geschichte Estlands vom 13. Jahrhundert bis in die Gegenwart gespannt.

Die monotone Tätigkeit des Grabens lässt schliesslich eigene Erinnerungen auftauchen. Vorsichtig, ganz wie die Funde am Domberg mittels Bürste und Pinsel, werden Schicksale und Lebensgeschichten von Esten freigelegt, von denen viele zwischen 1941 und 1954 spurlos verschwanden. Allmählich entsteht das Bild dieser Jahre, in der die Angst regierte. Niemand war sicher vor Denunziation, grotesken Verdrehungen und absurden Anschuldigungen. Viele mussten sterben, andere kamen mit dem Leben davon, blieben psychisch verstört.

Es ist das akkurate Gedächtnis Mirks, das den Roman faszinierend macht: die Erinnerung an die akribischen Vorbereitungen für einen Fluchtversuch aus dem Lager, an den Inhalt des «Giftschranks» der ZK-Bibliothek, an die Art, mit der sich ehemalige Bekannte ostentativ nicht erkennen, an die Denkungsart der Enteigneten oder den Inhalt eines Pakets ins Lager. Zugleich gibt es viele anekdotische Momente, ob es um die subversive Sprengkraft einer Theaterrequisite geht oder um das System einer geheimen Glockensprache, mit der der Küster dem isolierten Gefangenen jeden Sonntag weithin hörbar Nachrichten übermittelt.

Die Stärke des Romans liegt in der dokumentarischen Kraft der erzählten Geschichten. Ihre Authentizität verhindert die Gefahr einer blossen Reihung von Episoden. Die Schwäche des Textes ist die manchmal allzu skizzenhafte Sprache. Dies mag zum Teil an der Übersetzung von Cornelius Hasselblatt liegen. Doch geht auch die ungeheure Fülle des Stoffs zuweilen auf Kosten der Gestaltung.

Kross bestärkt mit diesem Buch seinen Ruf als «Gedächtnis der Esten». Zugleich ist «Ausgrabungen» seine bisher gründlichste Auseinandersetzung mit dem Verhalten des Menschen unter den Bedingungen eines modernen autokratischen Staates. Seine Mischung aus Absurdem und Amüsantem, seine «lichte Skepsis ohne Tragik» verleiht dem Roman Gültigkeit über nationale Grenzen hinaus.

Christa Hein

Kurzbeschreibung

Sommer 1954. Stalin ist gut ein Jahr tot. Auch in Estland, das im Verlauf des Zweiten Weltkriegs von der Sowjetunion okkupiert und annektiert wurde, machen sich erste Anzeichen des Tauwetters bemerkbar: Die Deportierten aus den Jahren 1941 und 1949 sowie die als "Politische" Verurteilten und Verbannten beginnen zurückzukehren. Peeter Mirk - das wenig verfremdete Alter ego des Autors - befindet sich unter diesen frühen Rückkehrern und versucht, in seiner Heimatstadt Tallinn wieder Fuß zufassen. Eine Arbeitsastelle finder sich bald auf einem archäologischen Arbeitsplatz auf dem Tallinner Domberg; hier sind allerlei gescheiterte Existenzen versammelt, die von der archäologischen Abteilung des Geschichtsinstituts der Akademie der Wissenschaften angestellt sind. Was hier ausgegraben wird. sind indes nicht nur mittelalterliche Knochen und Tonscherben, sondern vor allem auch die jüngste Geschichte Estlands.

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Kundenrezensionen

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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Ein Kunde
Jaan Kross, fuer seine Werke schon einmal fuer den Nobel-Preis fuer Literatur nominiert, beschreibt in diesem Roman sehr anschaulich, und nach meinem Dafuerhalten intelektuell anspruchsvoll, das schwierige Leben von der geistigen und kuenstlerischen Elite des alten Estlands. Persönlichkeiten, die der damaligen Besatzung um 1954 ein Dorn im Auge waren. In diesen spannend beschriebenen Einzelschicksalen, eingebaut in eine nicht minder spannende Handlung ueber Ausgrabungen in der Vergangenheit Estlands, kann man sehr gut das Klima und die teilweise absurd erscheinenden Schwierigkeiten des damaligen Alltages nachvollziehen (Schauspieler wurden nach Sibirien verband, weil sie untauglich gemachte Waffen fuer ein Schauspiel besorgten,...).

Man ist gewissermassen gefesselt von einem angenehmen Patriotismus in dem besetzten, durch Russland anektierten Estland, welchem man dem Autor zwischen den Zeilen entnehmen kann. Der Roman "Ausgrabungen" ist fesselnd (man liest diese 260 Seiten in maximal drei Tagen) und trotz der teilweise sehr harten Menschenschicksale gespickt mit einer gewissen Momentkomik, was das Lesen sehr angenehm macht. Die Uebersetzung durch Cornelius Hasselblatt ist hervorragend, auch in poetisch-literrarischer Hinsicht. In der Zeit des Kommunismus hätte dieser Roman nie erscheinen können. Man kann dieses Buch als anspruchsvoll bezeichnen, doch lesen Sie lieber selber.

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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Weltliteratur 13. Juni 2000
Von Ein Kunde
Jaan Kross' "Ausgrabungen" ist das Werk eines großen Literaten. Er ist Weltklasse.
Peeter Mirk, der Ich-Erzähler des Romans, kommt 1954 aus der Verbannung in Sibirien zurück nach Tallin, und beginnt sogleich mit seinen Ausgrabungen. Zwar gräbt er im Auftrag eines archäologischen Instituts, doch die "Funde", die er macht, sind meist von geringem oder gar keinem wissenschaftlichen Wert. Er gräbt nämlich die skurilsten Menschschicksale aus, die neben seinem eigenen Schicksal "des enzelnen", ein Gesamtbild des Schicksals eines großen Teils der Esten darstellt - im zunächst von Deutschen und dann von den Russen besetzten Estland.
Am Ende des Buches wird ein für die Sowjet-Russen vernichtendes Urteil gefällt, das schon im 13. Jahrhundert von einem Dänen (von einem Besatzer also) gefällt wurde; in klaren Worten ausgesprochen von Professor Saavel, wenn auch unter "vorgehaltener Hand".

Das Buch gewährt einen originellen, unterhaltsamen, ironischen Einblick in die Nachkriegs-Geschichte eines kleinen Volkes, das schon immer mit Besatzern leben musste, sich aber gegen diese, selten mit Gewalt, viel öfter mit Geist und Kultur zu wehren gewusst hat.
Kross' "Ausgrabungen" ist ein Schatz, den es auszugraben gilt.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Jaan Kross, geboren 1920, ist der international bekannteste estnische Schriftsteller. In den vergangenen Jahren ist er immer wieder als Kandidat für den Literatur-Nobelpreis gehandelt worden. Und das vollkommen zurecht, wenn man sein beeindruckendes Oeuvre, allen voran seine starken historischen Romane wie "Das Leben des Balthasar Rüssow", "Der Verrückte des Zaren", "Professor Martens' Abreise" aber auch sein letztes Werk "Tahtamaa", für den es noch keinen offiziellen deutschen Titel (und deutschen Verlag) gibt, betrachtet.

Wer den ganzen Kross kennenlernen will, sollte auch "Die Verschwörung" zur Hand nehmen, in dem fünf Erzählungen aus der Feder des Autors auf deutsch vorgelegt werden, die von 1989 bis 1993 in der Zeitschrift Looming erschienen sind. Jede der kleinen Geschichten zeigt Jaan Kross' starke Erzählkraft und sein großes psychologisches Einfühlungsvermögen, das er anhand seiner estnischen Protagonisten in teilweise skurrilen aber jederzeit glaubhaften Episoden ausbreitet. Immer geht es um die Verstrickung des Individuums in größere Geschichtszusammenhänge, denen der jeweilige Ich-Erzähler mit einer Schläue und Gewitztheit beizukommen versucht, die allen Charaktären des Autors (und vielleicht den Esten an sich) eigen ist.

Allein vier der fünf Erzählungen des kleinen Bandes haben die deutsche und sowjetische Besetzung Estlands in den 40er Jahren zum Thema. Die Einzelschicksale der Handelnden spiegeln stets die tragische Geschichte Estlands in diesem Jahrhundert aber auch die Absurditäten des stalinistischen Systems wider, über die der Leser nur amüsiert den Kopf schütteln könnte, wenn sie in ihrer letzten Konsequenz nicht so tragisch wären. Die beiden deutschen Übersetzer des Bandes haben dabei dankenswerterweise in einem kurzen aber nützlichen Nachwort und einem hilfreichen Glossar nicht nur versucht, die estnischen Sprachspiele zu erklären, sondern haben auch für den mit Estland nicht intensiv vertrauten deutschen Leser die historischen Zusammenhänge herausgearbeitet.

Der Mensch, so die Quintessenz in allen Erzählungen des Buches, ist oft nicht mehr als ein Spielball geschichtlicher Fallstricke. Dabei spielt der Zufall stets eine ganz entscheidende Rolle, den der einzelne auch für sich nutzen kann und muss. Historische Gerechtigkeit - so scheint uns der Jurist und Historiker Kross sagen zu wollen - ist dabei natürlich nicht zu erwarten. A propos: falls es mit dem Nobelpreis nichts werden sollte, mag man sich daran erinnern, dass das Nobel-Komitee in Stockholm weiland Selma Lagerlöfs Kinderbuch über Nils Holgerson dem weltberühmten Dramatiker August Strindberg vorzog, was dieser seinen Landsleuten nie verziehen hat...

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