Frost, Tauwetter und ein verregneter Sommer
«Ausgrabungen», ein neuer Roman von Jaan Kross
Kaum eine Million Menschen könnten seine Romane im Original lesen, doch der 1920 in Tallinn geborene Jaan Kross ist durch Übersetzungen in zweiundzwanzig Sprachen international bekannt. Zum 75. Geburtstag erscheint nun im Frankfurter «dipa»-Verlag sein Roman mit dem beziehungsreichen Titel «Ausgrabungen». Anders als bei Kross' historischen Romanen fällt die Handlung diesmal in die Lebenszeit des Autors und trägt deutlich autobiographische Züge. Der Autor schrieb das Manuskript Mitte der achtziger Jahre. Erst 1990, nach der Unabhängigkeit Estlands von der Sowjetunion, wurde es gedruckt. Der Roman, den Kross als sein zentrales Werk betrachtet, gibt Zeugnis von einem Lebensgefühl, das er im Gespräch so beschreibt: «Ein halbes Jahrhundert waren wir darin geübt, unter Wasser zu wohnen und durch Grashalme zu atmen. Nun, ohne Zensur, beginnt man einfach zu atmen. Und das ist alles.»
Einfach atmen, endlich einfach erzählen dieses Gefühl bestimmt den Sprachduktus des Romans. Wie immer bei Kross geht es um Schicksale von Esten in politisch schwierigen Zeiten. Die Hauptfigur ist aus «Die Verschwörung» bekannt: Peeter Mirk, erkennbar das Alter ego des Autors und wie dieser ein schier unerschöpflicher Erzähler in der Tradition des episodischen Romans. Über dreissig Jahre liegt zurück, wovon er berichtet: Juni 1954, Stalin ist tot. Mirk kehrt nach Estland zurück, acht Jahre nachdem man den Juradozenten in Tartu von seiner Kandidatenarbeit über das Völkerrecht zum Lager in Sibirien verurteilt hatte. «Das damalige Tauwetter war noch längst nicht auf seinem Höhepunkt», heisst es am Anfang, «aber man spürte die Lockerungen doch sehr stark.» Ironischerweise ist der nun folgende Sommer verregnet.
Die Professorenkarriere bleibt Mirk, wie ehedem dem Autor, verschlossen «denn», so Kross, «wie konnte man Völkerrecht lehren in einem Staat, in dem es abgeschafft war?» Der Heimkehrer gesellt sich zu einer Gruppe von ebenfalls arbeitslosen Künstlern und Akademikern, dem «Alteisenclub», der sich unsicher, ob man sich mit «Herr» oder «Genosse» anreden soll in den dunklen Nischen des legendären Cafés Tallinn trifft. Mirk hat Glück. Er wird den Ausgrabungsarbeiten auf dem Tallinner Domberg zugeteilt. Hier stösst er auf ein Manuskript aus dem Mittelalter. Bei dem aufregenden Fund sind keine Zeugen anwesend, und so nimmt Mirk das Libell aus Neugier an sich. Es handelt sich um eine Beichte des ersten Tallinner Statthalters aus der Dänenzeit, in der dieser Gott um Verzeihung bittet für sein Mitwirken an der Christianisierung sprich: Eroberung des Landes.
Die Schrift ist politisch brisant und könnte ihrem Finder gefährlich werden, weil man sie als Parabel auf die Sowjetisierung der Esten lesen könnte. Das Libell unbemerkt wieder loszuwerden, gestaltet sich unvorhergesehen kompliziert.
Das Ausgrabungsthema wird von Kross geschickt genutzt: Das Libell gibt Gelegenheit zur Beschreibung des mittelalterlichen Tallinn, der Fund eines Uniformknopfes inspiriert Mirk, Überführung und Erschiessung revolutionärer Matrosen an der Tallinner Schlossmauer im November 1906 zu imaginieren. Mit erstaunlicher erzählerischer Leichtigkeit wird der Bogen der Geschichte Estlands vom 13. Jahrhundert bis in die Gegenwart gespannt.
Die monotone Tätigkeit des Grabens lässt schliesslich eigene Erinnerungen auftauchen. Vorsichtig, ganz wie die Funde am Domberg mittels Bürste und Pinsel, werden Schicksale und Lebensgeschichten von Esten freigelegt, von denen viele zwischen 1941 und 1954 spurlos verschwanden. Allmählich entsteht das Bild dieser Jahre, in der die Angst regierte. Niemand war sicher vor Denunziation, grotesken Verdrehungen und absurden Anschuldigungen. Viele mussten sterben, andere kamen mit dem Leben davon, blieben psychisch verstört.
Es ist das akkurate Gedächtnis Mirks, das den Roman faszinierend macht: die Erinnerung an die akribischen Vorbereitungen für einen Fluchtversuch aus dem Lager, an den Inhalt des «Giftschranks» der ZK-Bibliothek, an die Art, mit der sich ehemalige Bekannte ostentativ nicht erkennen, an die Denkungsart der Enteigneten oder den Inhalt eines Pakets ins Lager. Zugleich gibt es viele anekdotische Momente, ob es um die subversive Sprengkraft einer Theaterrequisite geht oder um das System einer geheimen Glockensprache, mit der der Küster dem isolierten Gefangenen jeden Sonntag weithin hörbar Nachrichten übermittelt.
Die Stärke des Romans liegt in der dokumentarischen Kraft der erzählten Geschichten. Ihre Authentizität verhindert die Gefahr einer blossen Reihung von Episoden. Die Schwäche des Textes ist die manchmal allzu skizzenhafte Sprache. Dies mag zum Teil an der Übersetzung von Cornelius Hasselblatt liegen. Doch geht auch die ungeheure Fülle des Stoffs zuweilen auf Kosten der Gestaltung.
Kross bestärkt mit diesem Buch seinen Ruf als «Gedächtnis der Esten». Zugleich ist «Ausgrabungen» seine bisher gründlichste Auseinandersetzung mit dem Verhalten des Menschen unter den Bedingungen eines modernen autokratischen Staates. Seine Mischung aus Absurdem und Amüsantem, seine «lichte Skepsis ohne Tragik» verleiht dem Roman Gültigkeit über nationale Grenzen hinaus.
Christa Hein