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Stuart Hall und die «Cultural Studies» Schwarz bleibt schwarz, und weiss bleibt weiss. Das ist traurig. Aber lachen darf man trotzdem darüber, zumindest, wenn man Stuart Hall heisst. Über vierzig Jahre lang hat der in Jamaica geborene Vordenker der British Cultural Studies angeschrieben gegen die unverschämte Signalwirkung der Haut, gegen die verbreitete Unlust des Verstandes, hinter hell und dunkel anderes zu sehen als die Mythen von Rasse, Biologie oder gar Schöpfungsordnung. Doch die Farbe der Haut pflegt eine deutliche Sprache und eine theorieresistente dazu. Und so hat sich Stuart Hall längst auch den Humor zur Waffe gemacht. Immer noch, scherzte er 1990 in einem Vortrag, trage er an der «Bürde des schwarzen Mannes», wenn auch in ihrer zivilisierten Version: als Pflicht, authentische Auskunft zu geben über sämtliche Fragen der «schwarzen Rasse».
Den Begriff «Rasse» hat Stuart Hall nicht umsonst in Anführungszeichen gesetzt. Anführungszeichen dokumentieren einen ironisch gebrochenen Wortgebrauch, und dieser augenzwinkernde Gebrauch diakritischer Zeichen führt mitten hinein in ein zentrales Anliegen der Cultural Studies: eingefahrenen Stereotypen durch minimale Akzentverschiebungen den Boden zu entziehen, sie ihrer gedankenlosen Verwendung zu entreissen. Die Bedeutungen der Alltagssprache, so Halls Credo, sollte man nicht allzu wörtlich nehmen. Denn die Dinge der Welt haben kein festgelegtes «Wesen»; und auch das Wort «Rasse» suggeriert nur eine ethnische Einheit.
Mythos
Auch eine Theorie hat ihre eigenen Mythen, und im mythischen Zentrum der Cultural Studies steht unbestritten Stuart Hall. Sicher, die Stellung verdankt er zuerst und vor allem seiner herausragenden wissenschaftlichen Begabung; ein wenig aber wohl auch seiner karibischen Herkunft. 1951 kam er aus der damaligen Kronkolonie Jamaica nach Grossbritannien, um für immer dort zu bleiben. Das Königreich bereitete seinen karibischen Untertanen einen kühlen Empfang, nicht feindlich zwar, aber doch spürbar reserviert. Nach und nach hüllt Hall seine persönlichen Erfahrungen in theoretisches Gewand, und als er in den späten fünfziger Jahren die beiden (inzwischen verstorbenen) Kultur- und Literaturwissenschafter Richard Hoggart und Raymond Williams kennenlernt, ist es so weit: die «Cultural Studies» sind endlich auch dem Namen nach geboren. 1968 übernimmt er von Hoggart die Leitung des CCCS, des Center for Contemporary Cultural Studies in Birmingham, von 1979 bis 1997 lehrt er an der Open University in Milton Keynes Jahre einer unentwegten, vielbeachteten wissenschaftlichen Produktion.
Und da steht er nun, der ewige Übervater der Cultural Studies, und sucht seinem Publikum den Verehrungswillen auszutreiben. Die Cultural Studies, lässt er seine Zuhörer wissen, «haben keinen simplen Ursprung» «obgleich einige von uns dabei waren, als sie sich zum ersten Mal diesen Namen gaben». Doch eine Taufe legt dem Paten lebenslange Pflichten auf. Nachzulesen ist der in Teilen persönlich gehaltene Vortrag im dritten Band von Halls theoretischen Schriften, der kürzlich, zusammen mit einer Neuauflage der beiden ersten vergriffenen Bände, im Hamburger Argument-Verlag erschienen ist. Die insgesamt sieben Beiträge erlauben eine erste Vorstellung von den politischen Anliegen der Cultural Studies, mehr noch allerdings von etwas anderem: von ihrer permanenten Schwierigkeit, ihre Methoden und Gegenstände sauber zu umreissen.
Deutungsarbeit
Zu den Urszenen der Disziplin dürfte der blutig niedergeschlagene Ungarnaufstand von 1956 gehören; er bescheinigte dem Marxismus auch in der Praxis jene politische Kälte, die Hall zuvor in dessen theoretischen Schriften wahrgenommen hatte. Gesellschaftliche Fragen auf einen vermeintlichen ökonomischen Kern zu reduzieren, alle kulturellen Regungen als hinterhältigen «Überbau» einer «Basis» zu diffamieren, das Bewusstsein der allermeisten Bürger als ein «falsches» blosszustellen so einfach, fanden Hall und seine Mitstreiter, sollten es sich politische Theorien schon längst nicht mehr machen können. Wenn schon, dann kennt die breit gefächerte Gesellschaft des «Spätkapitalismus» nicht bloss einen, sondern zahllose, miteinander konkurrierende Überbauten; und die bilden keine geschlossenen Einheiten, sondern formieren sich ständig neu. Die karnevaleske Unruhe, die der russische Theoretiker Michail Bachtin zu Beginn des 20. Jahrhunderts als vornehmstes Kennzeichen literarischen Schreibens feierte, entdeckten die Vertreter der Cultural Studies jetzt auch im Artikulationsgefüge der Gesellschaft: ein anarchisches Rumoren unterschiedlichster Stilarten, Weltbilder, Geschmacksmuster, die ihre Ordnung ständig verschieben, verdrehen, erneuern.
Die Gesellschaft deutet sich selbst: Eben dadurch leistet sie kulturelle Arbeit, diese Deutungsarbeit ist der Kern aller Kultur. Aber ist diese Selbstverständigung wirklich eine authentische, eigenständige Leistung? Daran zweifelten kühl die französischen Strukturalisten, und ihr Zweifel lähmte in den sechziger Jahren auch die optimistische Weltsicht der Cultural Studies. Denn wenn der Mensch seine Erfahrung nach vorgegebenen, unbewussten Mustern deutet, dann formt nicht er seine Umwelt seine Umwelt formt ihn. Die Cultural Studies betrieben einen «naiven Humanismus», warnte Hall, würden sie die Prägekraft vorgegebener Deutungsmuster unterschätzen. Und dennoch: «Pessimismus des Intellekts, Optimismus des Willens» Antonio Gramscis vielzitierter Aufruf zum Handeln wider besseres (aber glücklicherweise eben nur theoretisches) Wissen ermunterte auch Hall & Company, in der ideologischen Arena nach Kräften mitzumischen.
Realitäten
Dort haben sich die klassischen Allianzen längst aufgelöst, stehen sich die Kombattanten in ungewohnten Formationen gegenüber. «Die da oben wir hier unten»: Die simplen Parolen des Klassenkampfes haben ausgedient, denn die Klassen selbst haben sich aufgelöst. Nur die «Rassen» sind noch nicht so weit, und so hat Stuart Hall weiter an seiner Bürde zu tragen, als immer wieder angerufener Kronzeuge «schwarzer» Angelegenheiten aufzutreten, die Position der Randgruppen und Minderheiten zu erläutern. Das ist nicht ohne Pointe. In zahllosen Essays und Büchern hat Hall angeschrieben gegen das Diktat des sogenannten «Essenzialismus», gegen die Versuchung, den Menschen festzulegen auf seine biologischen Voraussetzungen. Stattdessen redet er einer kulturellen Identität das Wort, einer Identität, die «alles andere (ist) als ein fixiertes Wesen, das unveränderlich ausserhalb von Geschichte und Kultur läge. Sie ist nicht irgendein in uns vorhandener universeller und transzendentaler Geist, in dem die Geschichte keine grundlegenden Spuren hinterlassen hat. Sie ist nicht ein für allemal festgelegt. Sie ist kein fixierter Ursprung, zu dem es irgendeine letzte und absolute Rückkehr geben könnte. Sie ist aber auch nicht nur ein blosses Trugbild. Sie ist etwas Reales, nicht nur ein blosser Trick der Einbildungskraft. Sie hat ihre Geschichten und Geschichten haben ihre realen, materiellen und symbolischen Effekte.»
Sätze wie diese darf man ruhig zweimal lesen. Im Zeitalter einer zusammenrückenden Weltgesellschaft weisen sie den Weg zu neuen Formen des Selbstverständnisses; diese könnten multikulturelle Spannungen lösen helfen. Allerdings: Noch beschränkt sich das anspruchsvolle Programm auf den Campus. Hinter den dicken Mauern der geisteswissenschaftlichen Fakultäten hat nicht zuletzt die schillernde Sprache der Cultural Studies betörende Wirkungen entfaltet, das Wort von der «hybriden», «dezentrierten» oder gar der «Diaspora»-Identität ganze Heerscharen theorieversessener Protagonisten in Erregung versetzt. Die Eroberung der Provinz allerdings also der Bevölkerung ausserhalb der akademischen Mauern haben die Cultural Studies erst noch vor sich. Dort werden auf absehbare Zeit aber vermutlich rigide Ingroup-outgroup-Regeln herrschen, weitab von der fragilen Ästhetik frei flottierender Identitätsmuster. Darum wird man von Stuart Hall verlangen, dass er seine Bürden auch in Zukunft trägt.
Kersten Knipp
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