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"Und so muss ich gehen / Im Herbstwehn / Und Wetter,
Bald hier, bald dort, / Verweht und verdorrt / Wie die Blätter." (S.11)
Das Herbstlied von Paul Verlaine (1844 -1896) ist eine treffende Beschreibung seines Lebens. Im Mief der Amtsstuben als Beamter hielt er es nicht mehr aus, das Wirtshaus wurde zur zweiten Heimat. Seine ersten Gedichtsammlungen zeigten bereits die ganze Meisterschaft des unglücklichen Lyrikers. Seinen Worten wohnt Musik inne, so begann seine Dichterkarriere im dennoch unsteten Leben. Selbst seine Heirat (1869) rettete ihn nicht davor, die Alkoholexzesse wiederholten sich, insbesondere ab dem Jahre 1871, seit dem ihn eine homophile Freundschaft mit Rimbaud verband. Einem Streit im Rausch folgte ein Schuss, Rimbaud wurde an der Hand schwer verletzt. Verlaine ging für 18 Monate ins Gefängnis und konnte danach im bürgerlichen Leben trotz mehrerer Anläufe, unter anderem in England, nicht mehr Fuß fassen. Die Freundschaft mit Rimbaud war dahin. Selbst der Ruhm, der sich nun einstellte, und die Verehrung, die er bei der jüngeren Dichtergeneration genoss, vermochten den kranken Poeten nicht mehr aufzurichten. Am 8. Januar 1896 starb einer der bedeutendsten Lyriker des Symbolismus in Paris.
Und den jungen, nach Gedichten lechzenden Menschen wie Stefan Zweig und Hofmannsthal gab Paul Verlaine zuvor die Liebe zum Gedicht, zur Lyrik wie zur Prosa. (vgl. Stefan Zweig; Die Welt von Gestern)
Bezogen auf sein Werk ist er nur in einer Dreier-Gruppe zu verstehen. Begeistert von Baudelaire, der wiederum das Erbe von Hugo angetreten hatte, macht er sich auf, seine Lorbeeren durch Gegensätzliches zu verdienen. Die ersten Verlaine Gedichte sind nicht von einer Natur auffressenden künstlichen Ästhetik eines Baudelaire, sie sind einfach und auf den Klang ausgerichtet. So ist Musik im Reim die Hauptkunst des Paul Verlaine, bis er auf den auf die Gegenwart nichts gebenden Rimbaud traf, seine Unbekümmertheit im Leben und anschließend diesen selbst lieben lernte. Ab diesem Zeitpunkt ist die Lyrik eines Verlaine nur noch im Widerstreit mit Rimbaud zu betrachten und gerade deshalb auf höchstem Niveau mit begeisternder Phantasie. Man spürt dieses insbesondere in Rimbauds "Eine Zeit in der Hölle", welches er Verlaine entgegensetzte. Dieser: Ich werde ein Arbeiter sein, und Rimbaud ihn als Höllengemahl und törichte Jungfrau abservierte. Für ihn war Verlaine nur ein masochistischer Opportunist, weder der Verdammnis noch der Erlösung wert.
Verlaine schrieb 1873 dagegen die Romanzen ohne Worte, just in dem Jahr, als Rimbaud die Zeit der Hölle empfand. Und in Brüssel schließlich übermannte der Rausch Verlaine, "Ohne Ende seh' weit die Allee [...] sollt' dies Blätterdach unserer Liebe sein". Und weiter spürt er das Ende der Beziehung "O, was nistet dort unsere Liebe nicht!" Ein Schuss und die Folgen.
In London nach dem Arrest war er allein und auf der Suche nach neuer Liebe und doch voll Trauer, wenn er schreibt, dass nichts mehr zählt, "Und nichts mehr, nichts, außer dir!" Und weiter: "Mein Gott, durch deine Liebe ward ich wund. [...] Doch was ich habe, Gott, will ich dir geben."
Verlaine war zeitlebens Christ und die alles Heilige abkehrende und beleidigende Art Rimbauds macht ihn zu einem Zweifler, doch im hohen Alter zeigte er Reue und besann sich erneut. "Geheiligt ist der Mensch nach der geweihten Speise, [...], wenn ihm Verzeihn und Glück die heilige Ölung spendet."
Wie Rimbaud, der den Aufenthalt in der Hölle beendet mit einer Wendung nach innen, der auf dem Sterbebett sich bekehrte, ist es Verlaine, der seine inneren Wurzeln wieder entdeckte. Aber immer verbunden mit der Sehnsucht nach erfüllter Liebe. Und so schreibt er als letzte Hoffnung, die sein ewiges Zweifeln besiegen sollte: "Ach leben, leben! Meine Schöne, das kalte Nichts besiegte mich, Doch leb ich dir im Herzen? SPRICH!"
Sehr zu empfehlen.