-Leichte "Spoiler" sind bei einem Film dieses Alters wohl erlaubt.-
Wenn Kathleen dies zu ihrem geliebten Johnny sagt, wird sich beider Schicksal erfüllen. Mit Ende des Zweiten Weltkriegs wandte sich das britische Kino von eskapistischen Abenteuern wie den Gainsborough Gothics ab. Carol Reed, seinerzeit neben David Lean der bedeutendste britische Regisseur, adaptierte für Arthur Rank in Zusammenarbeit mit Two Cities den Thriller "Odd Man Out" von F. L. Green. Der Film orientiert sich zwar einerseits am amerikanischen Film Noir, zeigt aber auch Einflüsse des französischen poetischen Realismus und des italienischen Neorealismus.
Zur Handlung: Ein Nachmittag in einer irischen Stadt im Winter: Der Untergrundkämpfer Johnny McQueen (James Mason), der sich nach der Flucht aus dem Gefängnis nur langsam wieder erholt, plant mit einigen Mitstreitern einen Überfall auf ein Lohnbüro, um Geldmittel für die Organisation zu besorgen. Nach dem Überfall wird er, immer noch recht angeschlagen, beim Verlassen des Gebäudes von der tief stehenden Sonne geblendet. Der Kassierer überwältigt ihn, im Handgemenge verletzt er McQueen schwer, worauf dieser ihn erschießt. McQueen gelingt es zwar noch halb ins Fluchtauto zu steigen, wird aber auf der Fahrt aus dem Auto geschleudert, worauf er versucht, sich alleine durchzuschlagen. Sein Freund Dennis (Robert Beatty) und die junge Kathleen (Kathleen Ryan), die McQueen heimlich liebt, begeben sich auf die Suche nach ihm. McQueen, von der Schuld geplagt, vielleicht einen Menschen getötet zu haben und vom Blutverlust geschwächt, irrt orientierungslos und halluzinierend durch die nächtliche Stadt, während die Polizei ihn immer mehr einkreist. McQueen begegnet zahlreichen Personen, die ihm helfen, aus Furcht wegschicken oder ihn verraten wollen. Erst kurz vor Mitternacht findet Kathleen ihn.
Zwar werden im Film weder Belfast noch die IRA beim Namen genannt, aber natürlich sind sie gemeint. Es entspricht aber der Intention des Films, nicht einen Konflikt zwischen dem "Gesetz und einer kriminellen Organisation" zu beschreiben, sondern die Konflikte in den "Herzen der Menschen", wenn sie unerwartet hineingezogen werden.
In einer geglückten Symbiose aus herausragenden Darstellerleistungen, innovativer Kameraführung, kongenialer Filmmusik und nie aufdringlich wirkender Symbolik gelingt dem Film eine auf mehreren Ebenen deutbare Studie über Leben und Sterben eines IRA-Kämpfers. In einer der ausdruckstärksten Szenen flüchtet Johnny in einen Luftschutzkeller. Im Fieberwahn glaubt er, wieder im Gefängnis zu sein. Nacheinander werden ein Kind und ein heimliches Liebespaar auf ihn aufmerksam. Endlich wieder zu Bewusstsein gekommen, muss er erkennen, dass ihm eine erfüllte Liebe weder zu einer Frau (Kathleen) noch zu seinem Land (Nordirland) möglich ist.
Auch eine religiöse Ebene des Konflikts wird deutlich, wenn Kathleen sich mit Pfarrer Tom (W.G. Fay) darüber unterhält, dass sie es nicht ertragen könne, wenn Johnny der Polizei in die Hände fiele, ob nicht, falls eine Flucht nicht mehr möglich sei, der Tod die bessere Alternative sei. Sowohl religiöse Konflikte (Verbot einer Selbsttötung, aber Hoffnung auf ein besseres Leben nach dem Tod), als auch rein persönliche Motive (nicht alleine alt werden zu wollen) werden deutlich.
Für James Mason bedeutete der Film einen willkommenen Imagewechsel, da er in den Jahren zuvor fast ausschließlich den erotischen Bösewicht gespielt hatte. Selten ist ein Held eines Films derart passiv dargestellt worden, er agiert kaum, reagiert nur auf seine Mitmenschen, verzweifelt schier an den immer wiederkehrenden Trugbildern. Für mich ist "Odd Man Out" seine beste Rolle. Während seiner amerikanischen Jahre hatte er zwar teilweise mehr (finanziellen) Erfolg, aber nicht mehr so oft derart komplexe Rollen. Die meisten anderen Rollen sind mit exzellenten irischen Theaterschauspielern besetzt. 1953 arbeiteten Reed und Mason noch einmal für "The Man Between" (
The Man Between - Gefährlicher Urlaub) zusammen.
Die Kamera führte Robert Krasker, der schon David Leans "Brief Encounter" (
Begegnung - Brief Encounter) fotografiert hatte und mit Reed auch "Der dritte Mann" (
Der dritte Mann (Arthaus Premium Edition - 2 DVDs)) (dafür wurde er auch mit dem Oscar ausgezeichnet) realisierte. Die fliehenden Schattenbilder an regennassen Mauern und die öfters aus der Froschperspektive gefilmten Protagonisten (wodurch die Räume wesentlich kleiner und begrenzter erscheinen) vermitteln einen Eindruck von Beklemmung. Unübersehbar sind unter stilistischen Aspekten die Parallelen zum dritten Mann. Es ist schade, dass "Ausgestoßen" im Vergleich dazu etwas in Vergessenheit geraten ist, da beide Filme durchaus gleichwertig sind. Ich persönlich halte "Odd Man Out" sogar für noch besser.
Der Film beginnt mit einer Ansicht über Belfast, die auf der Albert Clock endet, die gerade vier Uhr nachmittags anzeigt. Die Filmhandlung verläuft über acht Stunden und immer wieder rückt die Uhr ins Bild, fast um die Unabwendbarkeit des Schicksals darzustellen. Während Kathleen Johnny sucht, mahnt der Kapitän, mit dessen Schiff sie fliehen möchten, mehrmals, dass er mit der Flut auslaufen müsse.
Auch das Wetter gehorcht dramaturgischen Aspekten. Der Film beginnt bei milder Wintersonne, wobei Johnny schon skeptisch anmerkt, dass es wohl bald schneien werde. Als sich Johnnys Zustand verschlechtert, fängt es an zu regnen an und der Zuschauer beginnt mit ihm zu frieren. Als sich Hoffnung auf eine Rettung abzeichnet, hört der Regen auf. Als zum Ende hin schwere Schneeflocken fallen, ahnt man schon, dass es für Johnny wohl kaum noch Hoffnung gibt.
Unterstrichen wird der Film von der Musik William Alwyns, die bereits vor den Dreharbeiten vorlag und von der sich die Darsteller inspirieren lassen konnten. Fast klingt sie wie ein etwas wehmütiges Requiem.
Eine etwas absurde Episode entspinnt sich mit dem Vogelliebhaber Shell (F.J. McCormick) und dem skurril- monströsen Maler Lukey (Robert Newton). Letzterer hat ein besonderes Interesse an McQueen. Er weiß, dass dieser langsam stirbt und erhofft sich ihn als Modell, da er einen besonderen "Ausdruck" von ihm erwartet, den er für eines seiner Bilder braucht. Erwähnenswert wäre auch noch Cyril Cusack in der Rolle eines naiven, aber deswegen nicht minder gefährlichen IRA- Mannes.
Auch wenn der Krieg nicht ausdrücklich erwähnt wird, so sind seine Folgen überall sichtbar: verfallene Häuser, verlassene Luftschutzkeller, wenige, aber hoffnungslos überfüllte Busse, die Tatsache, dass sich Frauen mittleren Alters über ihre Ausbildung zu Sanitäterinnen unterhalten usw. Im Gegensatz zum Neorealismus haben es sich die Studios einiges Kosten lassen, das Nachkriegs- Belfast so auszusehen lassen.
Besonders erwähnenswert ist natürlich die Schlusseinstellung: Kathleen versucht mit dem sterbenden Johnny zum Schiff zu gelangen, so nah und doch unerreichbar für sie. Johnnys hält sich mit ausgestreckten Armen an einem Gitterzaun fest, was ihn wie einen Gekreuzigten erscheinen lässt. Die hellen Scheinwerfer der Polizeiautos durchschneiden die verschneite Nacht. Es fallen Schüsse und die letzte Einstellung geht auf die Albert Clock.
Zur Ausstattung: Die DVD-Hülle im Buchformat enthält ein 12-seitiges Booklet, das allerdings nur einen kurzen Aufsatz von Thomas Willmann (der mir etwas zu einseitig der Frage nachgeht, ob Briten oder Amis mehr Noirs gedreht hätten) und ein doppelseitiges Motiv aus dem Film enthält. Entgegen den Amazon- Angaben verfügt der Film über KEINERLEI UNTERTITEL. Die Bildqualität ist gut, nach meiner Einschätzung so gut wie auf der englischen Ausgabe (
Odd Man Out [Special Edition] [UK Import], allerdings FEHLEN die Extras dieser Ausgabe (eine Doku über Mason in seiner Heimatstadt Huddersfield und ein Interview von 1972). Als Extras gibt es eine nicht so aussagekräftige Bildergalerie und es soll das Drehbuch als PDF-Datei vorhanden sein, allerdings gelang mir auch beim Abspielen auf dem Computer nicht, dazu einen Zugang zu finden. Insgesamt enttäuschte mich die Veröffentlichung. Neben Untertiteln (möglichst in D und E) vermisste ich auch interessanterer Extras, zum Beispiel einen Audiokommentars oder noch besser eine Bild- bzw. Filmanalyse. Auch Hintergrundinformationen zu den brillanten, aber weniger bekannten irischen Darstellern hätten mich gefreut. Das FSK-Logo ist lediglich aufgeklebt. Hoffentlich nimmt sich mal ein ambitionierter arbeitendes Label dieses Filmes an.
Fazit: Ein Meilenstein des britischen Kinos, einer meiner persönlichen Lieblingsfilme in leider nicht ganz so überzeugender deutscher Erstveröffentlichung. Dennoch: 5 Sterne ohne Wenn und Aber! Nicht nur für Mason-Fans aus ganzem Herzen zu empfehlen.