Zunächst die gute Nachricht: das Buch ist spannend und oft gruselig. Wer nach der Bezeichnung „Thriller" gekauft hat, wird sich vermutlich gut bedient fühlen. Der 19-jährige Walker, als Dreijähriger an einer Straße ausgesetzt und bei Adoptiveltern aufgewachsen, will das Geheimnis seiner Herkunft ergründen und seine richtigen Eltern finden. Recht naiv, aber beharrlich verfolgt er Spur um Spur und findet bald heraus, dass die noch lebenden Angehörigen physisch und psychisch schwer geschädigt zu sein scheinen. Zudem wird versucht, ihn zunächst mit Geld, später gewaltsam an seinen Nachforschungen zu hindern. Welches schreckliche Geheimnis soll verborgen bleiben?
Der Autor hat sich als Dramatiker in Kanada einen Namen gemacht; der Stoff dieses Thrillers war von ihm ursprünglich als hochgelobtes Hörspiel konzipiert. Sein Romandebüt „Ausgesetzt" kommt in einem merkwürdig kargen Schreibstil daher. Sachlich reiht Nichol Fakt an Fakt. Was Walker und die verkrüppelte Krista, die ihm bei seiner Suche hilft, bewegt, welche Gefühle sie - auch füreinander - hegen, das muß der Leser selbst herausfinden. Nichol gibt es nicht wirklich zu erkennen. Dieses Dröge könnte von Segen sein, wenn es an die Schilderung der Grausamkeiten und Abartigkeiten geht, die Walkers psychopathischer Onkel da begeht. Doch ausgerechnet dort erstattet Nichol genauen Bericht. Die handelnden Personen bleiben dagegen merkwürdig farblos und eindimensional. Und das ist die schlechte Nachricht! Ein guter Thriller sollte nicht nur für Spannung und Grusel stehen. Es sollten auch Charaktere so lebendig dargestellt werden, dass man sich in ihre Gefühle, sei es nun Neugier, Furcht, Ekel, Liebe, Todesangst oder was auch immer, hineinversetzen kann. Dies ist hier nicht gelungen.