doch bleibt nach dem Lesen ein sehr zwiegespaltener Nachgeschmack. Zunächst sei einmal gesagt, dass die hier vorliegende Ausgabe drei Geschichten von sehr unterschiedlicher Qualität und auch von sehr unterschiedlicher Lesbarkeit enthält.
Die erste, im Titel des Buches genannte Geschichte "Der Ausflug der toten Mädchen" ist eigentlich schon der einzige wirkliche Höhepunkt der Ausgabe: Mit malerisch verträumten Bildern von einer Rheinfahrt ihrer alten Schulklasse zeichnet Anna Seghers autobiographisch die Verwandlung ihrer alten Klassenkameradinnen und Klassenkameradinnen entweder zu opfern des NS-Staates oder zu Mitläufern bzw. Tätern in diesem nach. Die von Seghers gefundenen Worte sind aber keine bittere Anklage, wie man es eigentlich erwarten könnte, sondern eine stille, melancholisches Schwelgen in der alten Welt vor der Urkatastrophe der beiden Weltkriegen, vor den Tagen als die eine Freundin ihre andere verriet, weil diese Jüdin war. Am Ende bleibt einem bei der emotionalen Tiefe, bei der einfachen Erhabenheit des Beschriebenen, nur eine tiefe Bewunderung und ein sanfter Schmerz zurück über die Welt, die durch den Wahnsinn der Menschen dahingeschlachtet wurde...
Die zweite Geschichte, "Post ins Gelobte Land", bildet damit verglichen einen vollkommenen Einbruch auf allen Ebenen: Der sprachlichen, der inhaltlichen und vor allem der emotionalen. Große Teile der Geschichte erscheinen eher wie ein dürftige Familienchronik in der eher zweckfreie Namen, Orte und Geschehnisse in träger, lustloser Sprache aneinander gereiht werden. Dabei verliert selbst der geneigteste Leser nach einiger Zeit die Lust sich auf all die notwendigen, kleinen Details einzulassen, die man begreifen müsste, um der Geschichte doch noch einen gewissen Sinn oder gar Liebreiz abzugewinnen. Unmöglich ist das zweifellos nicht, aber auch wenn man die tieferen Gedanken hinter dem Erzählten endlich durchschaut, bleibt höchstens ein fades Schulterzucken über die Banalität der Aussage.
Die dritte und letzte kurze Geschichte trägt den zunächst unspektakulären Namen "Das Ende". Im Mittelpunkt steht die Flucht eines SA-Aufsehers vor der Vergangenheit, die ihn schließlich in die Heimatlosigkeit und letztlich sogar in den Selbstmord treibt. Die Psyche eines Täters, eines einfachen Mitläufers und die (Nicht-)Verarbeitung der eigenen Schuld vor sich selber und seinen Opfern sind zwar in vieler Hinsicht sehr lebhaft und intensiv beschrieben, doch muss man einige Einschränkungen zum Realismus machen: Zum einen wird die Hauptfigur als teilweise fast schon übertrieben dumpfes Wesen dargestellt und zum anderen ist es zwar nicht zwingend notwendig, aber auch der sehr wünschenswert vorher Anna Seghers Hauptwerk "Das siebte Kreuz" gelesen zu haben. In eben jenem nämlich wird die Vorgschichte der Figur Zillichs, des ehemaligen Aufsehers geschildert, sowie die, des am Anfang auftauchenden mysteriösen Fremden, der den Protagonisten zur Flucht veranlasst. Beide oben benannte Punkte schmälern des Lesevergnügen einer eigentlich sehr interessanten Geschichte doch schon sehr erheblich, vor allem sollten sie jemals den Wunsch haben das von ihnen Gelesenden mit Bekannten zu diskutieren, die entsprechendes Vorwissen aus dem Hauptwerk besitzen, was ihnen eventuell fehlt.
Zusammengefasst ist die erste Geschichte fünf Sterne wert und für jeden eine uneingeschränkte Empfehlung, der eher die zart-melancholischen Töne in der Literatur lieben. "Post ins Gelobte Land" hingegen wäre maxmimal zwei Sterne, aber wohl wegen der schlichten Trockenheit des Stoffes doch eher nur ein Stern wert. Das abschließende Werk, "Das Ende", wäre im Grunde vier Sterne wert. Sollte man aber das nötige Vorwissen missen, so muss man wohl mindestens einen Punkt abziehen: 3 Punkte also bleiben. All diese zusammengerechnet bringen der Gesamtausgabe 3 Sterne.
Kauftipp: Wirklich lesenswert ist nur "Der Ausflug der toten Mädchen", doch sind 12,50 Euro für eine Geschichte von gut 32 Seiten wirklich zu viel.