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5.0 von 5 Sternen
brutal, einfühlsam, ehrlich!, 1. Dezember 2009
Rezension bezieht sich auf: Auschwitz. Mit Hintergrundinformationen und Glossar (Gebundene Ausgabe)
Beide haben sie ihr Leben lang geschwiegen. Nun stehen sie nach dem Krieg in Jugoslawien, ihrer neuen "Heimat", wieder vor dem Nichts. Da bricht er das Schweigen. Sie werden nach Auschwitz gebracht. Noch bevor die verunsicherten Menschen im Lager aufgenommen werden, tötet einer der deutschen Soldaten einen der Juden aus nichtigem Anlass. Ein Häftling des Sonderkommandos nimmt sich des Mannes an und hilft ihm, zu überleben. Inmitten des Wahnsinns und der organisierten Vernichtung eine Nische zu finden, in der er vielleicht überleben kann. Doch der Mann sorgt sich um seine Frau und seine Tochter. Er ist völlig verzweifelt und versucht, sie wieder zu sehen. In einem der Krematorien - er ist als Kommando eingeteilt, dass die Leichen so schnell wie möglich aus den Gaskammern in Gruben schaffen soll, wo sie verscharrt oder verbrannt werden - findet er seine Tochter. Sie lebt noch und er versucht sie zu retten. Doch der deutsche Soldat, der Herr über Leben und Tod zu sein scheint, nimmt ihm alle Hoffnung. Nachdem er zum ersten Mal in seinem "Leben nach dem Tod" seiner Frau berichtet hat, was er im Lager erlebte, bricht auch sie ihr Schweigen Ihre Tochter hat den Tag der Gaskammer überlebt. Der Soldat hat sie nicht erschossen, sondern zu den Frauen gebracht. Sie hat den Lageralltag mitgemacht und bis zum Tag der Befreiung überlebt. Wenn man dieses Grauen dort als Überleben bezeichnen darf. Und doch ist sie gestorben. Und zum ersten Mal erfährt er, wie seine Tochter starb. Ihr beider Schweigen ist gebrochen. Sie leben. Pascal Croci versucht in diesem "Comic" das Unmögliche. In einer zwangsläufig ästhetisierenden Form einer Bildergeschichte versucht er Auschwitz erfahrbar zu machen. Nicht begreifbar, nicht erklärbar, sondern nur erfahrbar. Er verwendet Grautöne und exakte Hintergrundzeichnungen, die oft wie losgelöst aus ihrem Rahmen wirken und "belebt sie mit Menschen, denen die Verzweiflung ein Antlitz des Todes, des Grauens verliehen hat". Seine Zeichnungen vermitteln eine Stille und Schönheit, die einzigartig ist. Schönheit im Sinne von Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit, Einzigartigkeit im Sinne seines Versuchs, das Geschehen in Bildern einzufangen. Hinzu fügt er einen Text, der äußerst sparsam, fast wortlos, beschreibt und erläutert. Auffallend ist die Distanziertheit, die Text und Bild emotional erzielen. Croci gelingt es, trotz aller Schrecken und notwendiger Beschreibungen - von den Vorgängen in der Gaskammer bis zum anschließenden "Vernichten" der Leichen - den dokumentarischen Charakter so deutlich hervorzuheben, den künstlerischen und dramatisierenden Ansatz eines "Comics" so deutlich in den Hintergrund treten zu lassen, dass sich "Auschwitz" liest wie ein Roman. Die Augen verweilen minutenlang auf Gesichtern, Szenerien, Textstellen, Einzelheiten, die Gedanken geraten in Bewegung, stellen sich vor, was nicht sichtbar ist, Schaudern erfüllt den Betrachter und Bilder entstehen im Kopf, die Croci nicht gezeichnet hat, die aber zwischen den Zeilen zwangsläufig entstehen. Dieser Versuch einer grafischen Darstellung des Holocaust, einer zeichnerischen Auseinandersetzung mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Vergangenheit, mit der immerwährenden Wunde in der Geschichte des jüdischen Volkes, ist gelungen. Jedem Menschen, der sich mit dem Holocaust auseinandergesetzt hat oder noch auseinandersetzen will - hier denke ich vor allem an Schulen und ihren Geschichtsunterricht - sei dieses Werk von Croci ans Herz gelegt. Es vermittelt oft sehr viel stärker als es ein Roman kann ein Gefühl für die Wahrheit, eine Ahnung der Schrecken der Vernichtungslager. Jedem Holocaust-Leugner sollten diese Bilder vor Augen stehen, wenn er in seiner Verbohrtheit und seinem geistigen Wahn, den modernen Brandstiftern folgen will, die alles und jeden zu instrumentalisieren trachten, um sich selbst und ihre Ideologie unbeschadet durch die Vergangenheit zu erhalten - und dabei über Leichen, sechs Millionen Leichen, gehen. Dank einem Glossar und erläuternden Informationen kann auch der ahnungsloseste Betrachter das Gesehene einordnen - werten kann man dieses Grauen nicht. Fazit: Grandios - und schrecklich. Dieser Band von Pascal Croci erschüttert und lässt niemanden unbewegt. Er ist uneingeschränkt jedem Menschen zu empfehlen, der sich informieren will. Ich danke dem Künstler Croci für seinen ganz eigenen Versuch, diese Vergangenheit ans Licht zu holen.
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5.0 von 5 Sternen
Erzählt in erschütternden Illustrationen die Tragödie des Holocausts., 17. Juni 2010
Rezension bezieht sich auf: Auschwitz. Mit Hintergrundinformationen und Glossar (Gebundene Ausgabe)
Die Geschichte beginnt verwirrend: 1993 während des Krieges im ehemaligen Jugoslawien sitzen zwei alte Leute in einem modrigen Keller und warten auf ihre Exekution durch das Militär. Sie wissen, dass ihre Zeit beinahe abgelaufen ist und gehen in ihrer Erinnerung noch einmal zurück in eine 50 Jahre zurückliegende Zeit, in der ihr Leben schon einmal am seidenen Faden hing. "Erinnere dich!" - mit dieser Aufforderung Kaziks an seine Frau Cessia beginnt im Comic "Auschwitz" die Reise in die Vergangenheit. Es ist März 1944, als ein neuer Transport Juden in das KZ-Auschwitz schafft. Die vergitterten Türen der Viehwaggons öffnen sich, und Aufseher drängen die verschüchterten Familien hinaus. Ein Häftling in gestreifter Kluft greift sich sofort eines der Kleinkinder, als dessen Mutter aber aufbegehrt, greifen deutsche Soldaten ein und erschießen den Mann, dann das Kind, schließlich auch die Frau. Später erfährt der Leser, dass der Säugling in Sicherheit gebracht werden sollte, da all die Frauen und Kinder des Transports zur sofortigen Vernichtung bestimmt sind. Die Juden werden in Gruppen unterteilt: die Frauen links, die Männer rechts. Dann beginnt der Abmarsch in die Baracken. Unentwegt ist es am Schneien. Ein Kapo, ein jüdischer Hilfsaufseher, klärt die Gefangenen jedoch auf: "Es ist Asche. Sie verheizen eure Frauen und Kinder". Es ist die Apokalypse, das Bild unfassbaren Grauens, das der Autor und Illustrator Pascal Croci in seinem verstörenden Comic "Auschwitz" wiedergibt. Es ist der Überlebenskampf einer kleinen jüdischen Familie in einer Welt, in der es für sie keine Daseinsberechtigung mehr zu geben scheint. Gleichzeitig ist es aber auch ein realistisches Abbild des Lageralltags mit all den Tragödien, die sich dort jeden Tag abspielten. Kleine Kinder werden von ihren Eltern getrennt, eine Gruppe tschechischer Juden glaubt bis zu dem Moment, in dem sie unter den Duschen stehen, an ihre Rückverlegung aus dem Lager, und Häftlinge, die nicht mehr arbeitsfähig sind, werden auf der Stelle erschossen. Kazik meldet sich schließlich freiwillig zum Sonderkommando, der Gruppe von Gefangenen, die die Toten aus den Gaskammern in die Krematorien schaffen müssen. Er hofft so, noch einen letzten Blick auf seine Frau und seine Tochter werfen zu können, bevor auch sie dem Vernichtungswahn ihrer Bewacher zum Opfer fallen. Wie durch ein Wunder findet er Ann, seine Tochter, auch tatsächlich wieder - sie hat in der Gaskammer überlebt. Er bittet einen deutschen Offizier, sie zu verschonen, der aber schmeißt kurz darauf nur ihre Puppe in das Massengrab, in dem Kazik gerade arbeitet. "Wo sie jetzt ist, braucht sie sie nicht mehr!" Den zweiten Teil der von Marcel Le Comte und Annette Dunker aus dem Französischen übersetzten Geschichte erzählt dann Cessia. Sie lüftet ein Geheimnis, das sie seit der Befreiung des Lagers vor ihrem Mann für sich behalten hatte, und das sie ihm kurz vor ihrem Tod nun doch offenbaren will. Als ein Schlüssel im Schloss knirscht, dringen Soldaten in das Verlies ein - kurz darauf liegt das Ehepaar erschossen vor der Wand einer Kaserne in der Nähe von Tuzla. Pascal Crocis Graphic Novel "Auschwitz" erzählt in erschütternden Illustrationen die Tragödie des Holocausts. Neben dem geschichtlichen Detailwissen, das während der fünfjährigen Entstehungsphase des Buches in die Konzeption mit einfloss, sind es vor allem die Bilder, die sich beim Leser in die Köpfe einbrennen. Sie verdeutlichen in kaum zu übertreffender Deutlichkeit, dass es sich bei den Konzentrationslagern tatsächlich um die "Hölle auf Erden" - wie es viele ehemalige Gefangene nannten - gehandelt haben muss. Berge halb verbrannter, ausgemergelter Körper graben sich in das Bewusstsein ein, eine ganzseitige Illustration zeigt die Gaskammern kurz nach dem Öffnen: Menschen, die bis zuletzt gegen das Gas ankämpften, schließlich mit weit aufgerissenen Mündern und Augen auf dem Boden in sich zusammengesunken sind, mit ins Unendliche entrückten Gesichtsausdrücken. Noch erschütternder sind eigentlich nur noch die Gesichtsausdrücke der Bewacher, in deren großen kalten Augen jede Spur von Menschlichkeit fehlt. Ähnliches trifft auch auf die tiefenpsychologisch bedeutsame Traumsequenz in der Mitte der Geschichte zu: Kazik wird von einem KZ-Kommandanten mit weitem Mantel und Zigarette in den spitzen langen Fingern zum Ausgang begleitet. "Wir sind nicht so schlimm, wie gesagt wird..." beschwichtigt er den Sträfling und will ihn in die Freiheit entlassen. Plötzlich aber verschwimmt alles, Ratten rennen übers Gelände, und aus dem Aufseher ist plötzlich "Nosferatu" persönlich geworden. Im Anhang findet sich ein Dossier mit der Entstehungsgeschichte des Werkes. Pascal Croci hatte sich mit ehemaligen Häftlingen unterhalten, mit ihnen diskutiert und diese Berichte mit einfließen lassen. In einem simulierten Interview steht der Autor Rede und Antwort zu seiner Motivation für diesen Comic, geht auf seine Eindrücke während der Recherche ein und erläutert die graphischen Ideen, die sich in "Auschwitz" wiederfinden. Die letzten Seiten enthalten zudem noch ein kurzes Glossar zum Thema Naziterror und KZs sowie eine Skizze, die die verschiedenen Uniformabzeichen der Häftlinge erläutert. Zahlreiche Überlebende des Konzentrationslagers hatten die Entstehung des Comics von Pascal Croci mitverfolgt und die Möglichkeit erhalten, den Autor in diesem Prozess zu beraten. Deren Tenor war, dass ihm mit "Auschwitz" eine durchweg überzeugende und realistische Wiedergabe der Geschehnisse gelungen ist. Für Jugendliche, die die Thematik in der Schule behandeln, bietet sich deshalb eine Einbeziehung des Werks in den Unterrichtskontext an, gerade weil die Comicform für sie die Möglichkeit bietet, Wissen in zeitgemäßer und spannender Form zu vermitteln. Eltern sollten jedoch abwägen, ob für Kinder unter zwölf Jahren diese drastische Darstellungsweise bereits geeignet ist. "Auschwitz" ist ein Buch, das einen ganz eigenen Zugang zum Holocaust bietet - die realistische grafische Gestaltung ermöglicht zudem eine selten da gewesene Auseinandersetzung mit der Thematik!
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Zeichnerisch Top, inhaltlich leider nicht ganz überzeugend, 4. Januar 2006
Rezension bezieht sich auf: Auschwitz. Mit Hintergrundinformationen und Glossar (Gebundene Ausgabe)
Das Buch Auschwitz handelt um fiktive Personen, die ihre Erinnerungen an Auschwitz wieder aufleben lassen. Das Grauen des KZ-Lebens und die Willkür der Nazis wird dabei besonders thematisiert. Für mich kaum ein Vergleich zum hervorragenden Maus von Art Spiegelman, trotzdem eine Enttäuschung. Die zeichnerische Qualität des Bleistift-Comics steht ausser Frage, aber als allererstes fällt auf: ziemlich dünnes Buch für ein solch großes Thema (und das, wobei gleich zwei Menschen von ihren Erlebnissen in Auschwitz erzählen). Zudem gibt es etliche inhaltliche Mängel. Pascal Croci fällt es offensichtlich schwer, seiner fiktiven Geschichte eigene Kreativität einfliessen zu lassen, denn stellenweise kommt man sich vor, eine reine Comicform von Schindlers Liste vor sich zu haben (einige Szenen wurden übernommen, auch Isaak Stern taucht auf). Darüber hinaus stellt Croci zwar Exekutionen und vom Tode gezeichnete Gesichter drastisch dar, aber in seinem Auschwitz werden Menschen in ganzen Klamotten vergast (in Wirklichkeit mussten sich die Menschen damals vor der Vergasung ausziehen) und Geschlechtsteile von nackten Toten z.B. werden auf die eine oder andere Weise verdeckt, als wolle er auf diese Weise Respekt vor den Opfern zeigen. Das diese Geschichte nicht wahr sein kann, die er erzählt, zeigt auch die Szene, in der ein 13-jähriges Mädchen eine Vergasung überlebt (was theoretisch nicht möglich sein kann). Insofern werden Fakten nicht genug behandelt und die erdachte Geschichte allzu sehr in den Vordergrund gestellt mit all ihren Unglaubwürdigkeiten. Am Ende des Buches gibt es Skizzen und ein Interview mit dem Zeichner. Insgesamt ein eher enttäuschendes Werk, das visuell überzeugt, inhaltlich aber unbefriedigend ist. Ich lege an dieser Stelle Lesern solcher Comics das vorhin genannte Maus ans Herz, da es auf einer wahren Begebenheit beruht, sich viel Platz für diese Geschichte nimmt und darum überzeugt.
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