dies ist mein dickstes reclam-büchlein mit seinen über 500 seiten, das original "aus meinem leben" hätte über 4.500 seiten, da kann man schon froh sein, dass der stuttgarter verlag eine auswahl getroffen hat - und roger willemsen uns die angelegenheit im nachwort kurz einordnet, jenes pikante schriftstück, das immerhin die übersetzung in 20 sprachen gefunden hat, "darunter die der eskimos". "casanova gehört in die linie der aufklärer" schreibt roger willemsen, - und folglich ist die verengte auslegung auf schwülstige sexualität, die nur ein fünftel des geschriebenen ausmacht, recht populistisch. etwas neidisch (was sonst?) soll fellini geknurrt haben, casanova sei ein "hampelmann, der die welt mit steinernen augen betrachtet" - nun, um einmal die schärfe da hinauszunehmen: casanovas spielerische vernunft untersuchte tüftelnd, was sich alles machen ließe - und so wird man entdecken, dass der höchstdurchtriebene nicht nur das spitzenmögliche an erotischer abenteuer-erfahrung zu erklettern suchte, sondern auch die obersten ränge bei betrug, spielschuldnerei und hochstapelei im europäischen vergleich belegte. er scheint auch der urvater allen gaunerspotts zu sein - ähnlich einem eulenspiegel, der seine gewitzheit ebenso dazu einsetzte, die dummheit seiner jeweiligen sozialen umgebung hervorzukrempeln. wie eulenspiegel musste casanova dann aber auch allerhäufigst den ort seiner provokationen verlassen: london, warschau, wien, madrid, barcelona, florenz, paris, petersburg, amsterdam, neapel, venedig... roger willemsen geht in seinem nachwort auch der (üblichen) psychoanalytischen frage nach, ob casanova unter einer traumatischen mutter-fixierung litt. die war immerhin mit der truppe bis nach russland gezogen und hatte mancherlei erotische verwirrung hinterlassen. für casanova wird erotik zum nüchternen tausch-handel auf zeit, zum abschätzen eines marktwertes. vielleicht hat er damit den grundstein gelegt zur ent-pathetisierung der liebe - wie sie heute um sich greift? die haltungen gegenüber solch einem treiben sind gemischt: sentimental oder empört, beargwöhnt, bitter bekämpft, ironisch toleriert. casanovas aufschreibungen geben immer noch anlass zum disput. sein lebensende zeigt vielleicht erst endgültig den kern seines charakters: nicht ablassen zu können vom leben, die entgrenzte gier nicht beruhigen zu können, deshalb nachschaffend, erlebnisverdoppelnd alles aufschreiben zu müssen - und in der vielleicht flunkernden übertreibenden niederschreibung am ende sogar lächerlich zu werden wie ein kriegsveteran mit veralteten orden oder wie ein schief geschmückter karnevalist am aschermittwoch. es macht weise, sich mit casanova zu beschäftigen ...