Das faszinierende an Kempowskis Büchern ist, dass er schon vor dreißig Jahren einen literarischen Stil entwickelt hat, der unsere heutigen Lesegewohnheiten geprägt durch email, sms, Youtube-Clips und Forums-Kommentare grandios vorwegnimmt.
Literarische Versatzstücke und Kollagen wie die Bilder eines Fotoalbums zusammengeklebt und komponiert. Die Verbindung des Ganzen, das Füllen der Lücken bleibt dem Leser überlassen.
"Aus großer Zeit" ist das erste und zugleich beste Buch der "Deutschen Chronik". Es wird die Geschichte des Reeders Robert Kempowski und seiner Familie vom Anfang des letzten Jahrhunderts bis zum Ende des 1. Weltkrieges erzählt. Die Kempowkis ganz gutbürgerlich, aber irgendwie auch nicht, lavieren sich durch die großen und kleinen Tragödien des Lebens.
Da sind Robert und Anna, er derb und bodenständig, durch Syphillis an den Rollstuhl gefesselt; sie exaltiert, unberechenbar und großzügig bis zur Verschwendung. Was die beiden verbindet, man weiß es nicht so genau, sie wohl auch nicht. Da sind derer beiden Kinder: Silbi, derb und bodenständig wie der Vater; und Karl, das "Versehen", der zeitlebens unter der emotionalen Kälte seiner Eltern leiden wird und sich hinter originellen Bonmots verschanzt, "Tadellöser".
Auch die Kindheit und Jugend Karls zukünftiger Frau Grethe wird erzählt. Das Mädchen, dass in einer geborgenen, gutbürgerlichen aber auch moralisch einengenden Familie aufwächst und von Freiheit träumt.
Mit viel Liebe zum Detail und ironisch-distanziertem Blick läßt uns der Autor am Leben der Familie teilhaben.
Hat man sich durch die ganze "Deutsche Chronik" durchgelesen, stellt man fest, Kempowski schreibt umso besser, je weiter das Geschehen von seiner eigenen Biografie entfernt ist.
So ist "Aus großer Zeit" der furiose Auftakt, während das Buch "Herzlich willkommen" (der letzte Band der Familiengeschichte) einen -leider- recht schwachen Abschluß bildet.
Nichts desto trotz, für mich ist Kempowski der beste Schriftsteller der deutschen Gegenwartsliteratur mit einem literarischen Stil, der seinesgleichen sucht und der den Leser nie langweilt. Der Autor fühlt sich dem Leser verpflichtet und das spürt man und das macht ihn so gut.
6 Sterne, wenn es das gäbe. ;-)