Eine Chronik des Sichtbaren Michael Hamburgers lyrisches Tagebuch Es ist erstaunlich, wie frisch und alterslos, wie aktuell und unverbraucht ein Alterswerk wirken kann. Mit den Aufzeichnungen «Aus einem Tagebuch der Nicht-Ereignisse», bereits 2003 in englischer Ausgabe erschienen, hat der damals fast achtzigjährige Michael Hamburger ein traditionsreiches Thema aufgegriffen: den Gang durch die Jahreszeiten, den vor ihm schon viele andere angetreten haben. Im Gegensatz etwa zu James Thomsons Monumentalpoem «The Seasons» errichten diese insgesamt 49 Gedichte kein allegorisches Gebäude, sondern beschränken sich man möchte sagen: demutsvoll auf Beobachtungen im Kleinen, in «Mikrokosmen». Doch sie stellen keinen Rückzug in private Idyllik dar, in einen hortulus conclusus, ein verschlossenes Gärtlein, wie sich womöglich vermuten liesse. In Hamburgers Tagebuch ist nichts Beiläufiges oder Befindliches eingetragen, es sind hochkonzentrierte Notate aus der nächsten Natur. Klage ohne Larmoyanz Die Landschaft mag man als die Landschaft Suffolks, Hamburgers Wahlheimat, identifizieren, den Garten als den Apfelgarten des Dichters sie bleiben dennoch utopisch in der ursprünglichen Wortbedeutung, ein Nirgendort, der überall sein könnte. In diesem Jahresgedicht ist die globale Situation stets präsent, ja, sie dringt unwillkommen ein und bestimmt sogar das Augenmerk, indem sie das, was selbstverständlich scheinen sollte, was allzu oft als belanglos angesehen wird, zum Wesentlichen erklärt. Das ist engagierte Literatur im besten Sinn: eine Klage ohne Larmoyanz, eine Anklage ohne aufdringlichen Gestus. Meist kursiv gesetzt und damit den harschen Gegensatz unterstreichend, nehmen sich solche zeitkritischen Passagen wie Fremdkörper aus, und ihr Vokabular ist so künstlich wie die Welt des «Homo pseudo-sapiens», aus der sie stammen: Da geht die Rede vom Star-Wars-System, vom täglichen kakophonen Chor, von Offshore-Filialen und unserer Ramschzeit, von einem promiskuitiven Krieg und den Zuckungen mobiler Gelder. Dann geht, macht euch auf, aussermenschlich, In die künstlich frische Luft hinauf Der Megacities auf dem Mars, Der Transaktionen auf dem kalten Mond. In der Natur sind die Kreisläufe geregelt, das Sterben und erneute Aufblühen der Pflanzen, der Tod von Vogel und Vieh, der Abschied von Freunden, die man überlebt hat. Bescheiden nimmt sich daneben der Dichter aus, der einfach mitnotiert, was er erleben muss: «Und ich, ein Pfleger nur / Von unverkäuflichem Obst, / Muss bangen um meine Nicht-Ereignisse: / Sie könnten augenblicklich Nachricht werden . . .» Naturhafte Geschehnisse abseits urbaner und merkantiler Interessen sind solche Nicht-Ereignisse, anders als die Meldungen in der Tagespresse mit ihrem Event-Charakter. Mondlicht ist wieder wirklich in diesen langen Nächten, Lässt das Land auch wirklich werden Vor den Augen, die vom Unwirklichen entfremdet Und trüb und lichtlos werden, abgelenkt vom Allerlei. Michael Hamburgers Gedichte feiern, selbst noch im melancholischen Tonfall, in der besorgten Resignation, das Sichtbare und Konkrete. Sie beschreiben die Farben der Blumen, die Windrichtungen, die Wolkenformen, die Spielarten des Lichts und des Wetters, das Verhalten der Vögel. Das Naturgedicht, unterschwellig noch immer ein Synonym für den Rückzug ins Unpolitische, ist sich bei Hamburger seiner Gegenwärtigkeit durchaus bewusst. Benennungen Der «Pfleger» des Sichtbaren versucht, dessen Sprache zu dechiffrieren, eine Sprache, die «in Menschenwörtern nicht mehr ausgesprochen werden kann». Wo die sparsam eingesetzten Metaphern an Grenzen gelangen, überdauern die Namen; wenn Fortschritt das Wesentliche nivelliert, ist die genaue Benennung ein Akt, den Wert der Einzelwesen zu verdeutlichen gleichzeitig aber auch, schon seit Adam im Paradies erstmals die Schöpfung benannte, lediglich eine menschliche Handlung, auf die es letztlich nicht ankommt: «Doch lass sie ohne Namen hier zusammenleben. / Düstere Bewölkung blüht schon über Eden.» Ein Hauch des Fragmentarischen weht aus den teilweise relativ kurzen Gedichten, als hätte der Zerfall bereits unaufhaltsam begonnen. Hamburger setzt dagegen die Leuchtkraft seiner Chronik unscheinbarer Ereignisse und enthält sich des mahnenden Zeigefingers. Ein kleiner Rahmen für wahrhaft grosse Dichtung. Insofern ist es bedauerlich, dass ein versierter Übersetzer wie Peter Waterhouse sich neben fraglos sehr gelungenen und mit genauem Einfühlungsvermögen übertragenen Passagen zu unbotmässigen Vergröberungen hinreissen liess, wie beispielsweise bei folgenden Gedichtanfängen: «Morgenröte. Endlich doch ein Tag / Erstrahlend» («Red light in the morning. But at last one day's / Unbroken radiance»); «Zu Ostern ist im Morgennebel / Ein Gebet erblüht» («Towards Easter the morning mist / Is pregnant with a prayer»); «Ein Inselmeer, gesteuert aus Nordwest» («Driven from the north-west, cloud archipelagos»). Insgesamt übernimmt die Übertragung oft die Wortstellung des Originals so genau, als gelte es, eine vermeintliche inhaltliche Schlichtheit durch sprachliche Härten, die sich aus diesem Verfahren ergeben, zu kompensieren. Jürgen Brôcan