Zweifellos ist der Schatten ein treuer Begleiter, den loszuwerden, dem davonzulaufen oder auf ihn zu treten, menschenunmöglich ist. Somit wird der immaterielle Schatten zum Beweis für den physisch realen, materiellen Menschen. Oft ist der Schatten auch dort, wo Teppiche zu finden sind: in Fußnähe. Und die Lichtfülle des Orients begünstigt sowohl die Farben eines Teppichs als auch die Sichtbarkeit eines Schattens.
Tarek Eltayeb, als Sohn sudanesischer Eltern in Kairo 1959 geboren, seit 1984 in Wien, stellt sich nicht gegen Assoziationen, die sein Werk mit dem Orient in Verbindung bringen:
Seine Gedichte und seine Kurzprosa fangen Erlebnisse aus der orientalischen Kindheit und der europäischen Gegenwart ein, entreißen sie dem Schatten des Vergessens und machen aus ihnen einprägsame Bilder, die schattengleich die Gedichte umgeben:
„Ich glaube, ich fragte meinen Schatten danach, was ich suchte. Er gab mir eine Antwort, die mir durchsichtig und geheimnisvoll erschien und in einer antiquierten Sprache, die ich fühlen konnte, doch nicht verstand." (Seite 109)
Neben den Worten verstärken kleine und dennoch großflächige schwarz-weiße Illustrationen die Bildhaftigkeit: meist sind es Silhouetten und grobe Andeutungen menschlicher Gestalten, die vornehmlich durch ihre Körperhaltung und die Anordnung zueinander aussagen.
Noch prägnanter als die meist einseitigen Gedichte sind kurze Gedankensplitter und Aphorismen, die die nach Inhalten angeordneten Texte trennen, sie auch zusammenfassen, abtönen und nuancieren:
„Die Zeit ist eine große Betrügerin;
die Erinnerung ist eine Tochter der Zeit." (Seite 137)
... fasst viele der bildhaften Erfahrungen mit den Schatten der Zeit zusammen.
Dass die wenigen Gedichte im arabischen Original nicht den deutschen Übersetzungen von Ursula Eltayeb auf der vorhergehenden oder nachfolgenden Seite zugeordnet werden können, ist schade. So bleiben sie, durch das Entstehungsdatum in der Fußzeile als frühere Werke identifiziert, Fremdkörper in sonst einem rundum stimmigen Buch.