Ein sehr aufschlussreiches Buch: Es macht - autobiographisch - verständlich, warum und wie jemand zum erfolgreichen Unternehmer wird und was er vor allem brauchte, um erfolgreich zu bleiben.
Zugleich handelt es sich um eine Abrechnung mit jeglicher Bürokratie, die für einen zielstrebigen und umtriebigen Mann wie Hans Wall natürlich der Bremsklotz schlechthin ist. Umso eindrucksvoller, dass der Autor auch die Ausnahmen sieht und würdigt: zum Beispiel Direktor Piefke von den Berliner Verkehrsbetrieben.
Erstaunlich auch - und durch Walls eigenen Lebensweg jedoch gut nachvollziehbar - ist sein dickes Lob, das er Deutschland als Ursache seines Erfolgs spendet. Nur hier bekomme jemand wie er immer wieder eine neue Chance, sich fortzubilden und sich mit seinen Begabungen zu beweisen. Das erstaunt umso mehr, als man bei uns eigentlich immer die USA als dieses "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" feiert.
Es ist sehr überzeugend, wie Wall das mit seinen eigenen Erlebnissen und Erfahrungen begründet. Er bezeichnet sich selbst als Spätentwickler und versäumt nicht, den Mentor zu benennen, der ihm dabei ganz wesentlich half, vom "kleinen" Techniker zum Unternehmer zu werden: sein früherer Seniorchef bei der Firma Lechner (S. 80).
Solche Bücher werden oft von Ghostwritern geschrieben. Aber Wall ist so präsent in seiner Art und seinem Erzählstil, dass man diese Vermutung rasch fallen lässt. Vor allem verwendet er einige Formulierungen, die ein Ghost sicher "geglättet" hätte. Beispiel auf S. 20:
"Er [der Vater] war der Kommandant, und wir alle waren Nichtsnutze. Und ich der größte von allen." Ein Ghost hätte hier vermutlich korrigierend ergänzt: "Und ich war der größte Nichtsnutz von allen", schon um die Bedeutung dieser Erfahrung, bezogen auf den Buchtitel, noch mehr herauszustreichen.
Denn diese Erfahrung hat Hans Wall zutiefst geprägt und ihm sogar den Titel für die Autobiographie geliefert: "Aus dem Jungen wird nie was..."
Diesen Satz schleuderte ihm der eigene Vater im Beisein des Lehrers ins Gesicht, als es darum ging, ob der Bub Hans trotz seiner schlechten Schulnoten nicht doch noch aufs Gymnasium wechseln könne. Der Vater setzte sich mit diesem vernichtenden Urteil durch. Dass es den Zehnjährigen NICHT zerstört hat, ist das Wunder dieses Lebens und sicher in hohem Maße der Mutter zu verdanken. Aber das sollte man besser selbst lesen.
Die Lektüre lohnt sich auch sonst sehr. Denn hier beweihräuchert jemand nicht nur seine eigene Erfolgs-Story (wie das amerikanische Manager gerne machen, oder eben stellvertretend die Ghostwriter für ihre Klienten), sondern er macht sie auf sympathische Weise verständlich und nachvollziehbar.
Es hilft, dass Wall nicht verhehlt, was für ein schwieriger Charakter er ist. Wenn mir (JvS) als Psychologen und Hochbegabungsforscher die Ferndiagnose aus vielen Jahren Erfahrung mit solchen Menschen erlaubt ist: Wall scheint der typische hochbegabte Spätzünder zu sein, der aus folgendem Grund wirklich erst spät auf die Erfolgsspur und in die eigentliche Karriere (in seinem Fall: als Unternehmer) findet:
In der Schule sah er offenbar keinen Grund, sein Hochbegabungungs-Potential zu entfalten, schon aus Renitenz gegen den tyrannischen "preussischen" Vater. Er machte lieber Blödsinn (der ihn einmal sogar in Jugendarrest brachte) und musste sich erst mühsam zu seinem eigentlichen Unternehmer-Talent hinrobben. Die Schule in ihrer ganzen Art (und wohl auch die Lehrer) waren nicht in der Lage, seine eigentlichen Talente zu mobilisieren. Schule resp. Lehrer legen das Hauptgewicht ja gerne auf ihre eigene Art von bürgerlicher Bildung und Intelligenz. Wer da nichts ins Raster passt (weil z.B. Unternehmer- und Techniker-Talente etwas anders aussehen als die von lesehungrigen Intellektuellen), der ist rasch verloren.
Das ist übrigens auch das zentrale Problem aller Intelligenztests, die in hohem Maße mitteleuropäisches Bildungsgut "abfragen". Wobei ich mir jedoch sicher bin, dass ein Intelligenz-Test damals, 1952, bei Hans Wall einen eindrucksvoll hohen IQ zutage gefördert hätte, der den pessimistischen Vater vielleicht eines Besseren belehrt hätte, nämlich dass "aus dem Jungen doch noch was wird". Aber an so etwas wie Intelligenz-Tests dachte man zu Beginn des Wirtschaftswunders noch nicht.
Und ob so ein positives Testergebnis wirklich etwas bewirkt hätte, ist zu bezweifeln. Der Vater war zu sehr auf "gute Noten" fixiert. Und so rasch polt sich ein intelligenter Schulverweigerer (als den ich Wall einstufen würde) auch bei einem bewiesenen hohen IQ nicht um und macht ab da Schul-Karriere. Dazu bedurfte es eines langen "krummen" Weges außerhalb der Schule und durch die Praxis mit vielen Schlenkern und Aufs und Abs, die für Spät-Erfolgreiche typisch sind.
Seine Rolle als Spätzünder bestätigt der Autor übrigens wortwörtlich, wenn er auf S. 241 notiert: "Als Schulversager wäre ich in vielen Ländern der Welt früh abgeschrieben gewesen. Doch in Deutschland habe ich immer wieder Gelegenheit bekommen, einzusteigen Ich hatte Lehrmeister, die sich Zeit für mich genommen haben, ich hatte Abendschulen, die mir Fortbildung in dem Moment ermöglichten, als ich, der Spätentwickler, endlich bereit war."
Bleibt noch zu ergänzen, dass diese Vita nicht um eine so schicke Geschäftsidee aus der Computer- oder Internet-Welt kreist, wie sie Bill Gates von Microsoft oder Google-Boss Larry Page zu milliardenschweren Entrepreneuren gemacht haben, sondern um etwas, an dem wir alle tagtäglich vorbeilaufen oder es benützen, dessen Fehlen (oder negatives Erscheinungsbild) uns jedoch sehr irritiert:
Buswartehäuschen, Werbetafeln und öffentliche Toiletten.
Hans Wall gelingt es mit seiner echten Begeisterung für diese angeblichen Trivialitäten des Alltags, mit seinem ständig weiter Tüfteln und Verbessern dem Leser diese "Stadtmöblierung" näherzubringen, wodurch man sie besser zu wertschätzen lernt.
Das Drama der Hochbegabten: Zwischen Genie und LeistungsverweigerungJenseits der Norm - hochbegabt und hoch sensibel? (Leben Lernen 180)