Zufällig gesehen, habe ich die englische Ausgabe dieses Romans gekauft und die deutsche bei Amazon zunächst gar nicht gefunden. "Aus der Welt"?!, wer käme auch darauf? Allerdings - die Charaktere, die Barbara Vine alias Ruth Rendell entwirft und uns durch die Augen der Ich-Erzählerin näher bringt, sind wahrlich nicht von dieser Welt. Ende der Sechziger Jahre begibt sich die junge Kerstin Kvist, gelernte Krankenschwester, auf Empfehlungen von Freunden ins ländliche Essex, um dort den psychisch kranken Sohn der ... hm, vielleicht passt der Ausdruck "upper middle class"- Familie Cosway zu betreuen. Barbara Vine kann es sich leisten, diese Familie genüsslich mit allerlei Klischees auszustatten (und macht so aus diesem Roman mehr als einen Thriller; er ist gleichzeitig eine düstere Familiensaga und beste englische Gruselgeschichte): Die vier Töchter sind bis auf eine, die als junge, reiche Witwe die Sippe durchfüttert, allesamt "alte Mädchen" und in dem großen, kalten Haus mit der labyrinthartigen Bibliothek (daran, genauer an die griechische Geschichte um Minotaurus und das Labyrinth, lehnt sich der englische Titel des Buches an), mit den schäbigen Möbeln und dem riesigen Garten hängengeblieben; ohne Kenntnis der gesellschaftlichen Veränderungen der Sechziger, verbiestert, etwas schlampig und im Dauergekabbel mit der urbritischen, zynischen alten Dame des Hauses. Der Familienvater ist längst tot und hat ein exzentrisches Testament hinterlassen, ein Künstler zieht ins Dorf und sorgt unter den Cosway-Damen für Aufregung, der Hausarzt scheint keine Leuchte zu sein, ist allerdings der alten Mrs Cosway sehr zugetan ...- Barbara Vine spielt gekonnt mit Literaturzitaten aller Epochen seit Shakespeare und deren Ansichten über das englische Gesellschaftsleben und schafft mit der Sichtweise der viel ungehemmteren und liberalen Skandinavierin ein erfrischendes Gleichgewicht. Kerstin Kvist ist jedoch bald in einem Dilemma gefangen: mit ihrem Schützling John stimmt tatsächlich etwas nicht, aber abgesehen davon, dass auf Lydstep Old Hall (allein der Name des Hauses! Natürlich ist es von Kletterpflanzen überwuchert, die es fast lebendig erscheinen lassen, und wenn es regnet, legen sich die großen, nassen Blätter wie warnende Hände auf die nassen Fensterscheiben ...) so ziemlich jeder etwas schräg ist, scheint die Ursache für Johns Zustand eine ganz andere zu sein als die, die die Familie definiert hat und an der sie sich geradezu rituell festhält. Kerstin scheint die Einzige zu sein, die den kranken Mann nicht als großes Baby betrachtet, ihr Mitleid mit ihm wirkt authentisch; es ist packend zu lesen, was sie nach und nach über sein Leiden herausfindet und was sich aus ihrer Anwesenheit ergibt. Aufgrund einer Reihe von Vorfällen bessert sich Johns Zustand, und parallel dazu werden die übrigen Familienmitglieder immer seltsamer - im gleichen Maß, in dem John sich auf einmal öffnet, werden die weiblichen Mitglieder der Familie engstirnig und grausam; Barbara Vine beschreibt diese Entwicklung spannend und eingängig. Was dem Ganzen zugrunde liegt und letzten Endes den Höhepunkt herbeiführt, ist genial konstruiert; ich finde, es ist eine der besten Geschichten der Schriftstellerin.
Mit einer Reihe angedeuteter Vorgriffe steigert sie so gemein wie gekonnt die Neugierde. Das ist es, was das Buch so gut macht; die perfekte Fähigkeit der Autorin, die Spannung nicht nur aufzubauen und zu erhalten, sondern dem Leser auch in wohldosierter Menge zuzuteilen und somit zu steigern, ihm Häppchen der noch geschehenden Dinge zuzuwerfen wie die Tabletten, mit denen John Cosway ruhiggestellt werden soll, nur dass freilich beim Leser die genau gegenteilige Wirkung eintritt.
In der Beschreibung der dt. Übersetzung lese ich, dass das erste Kapitel das Ende bereithalten soll und bin froh, es nicht gelesen zu haben, denn die Autorin hat es schon einmal geschafft, im ersten Satz eines ihrer Romane den Ausgang zu präsentieren (als R. Rendell in "Urteil in Stein"/A Judgement in Stone, und dennoch sehr lesenswert!), was ich dem Leser auch empfehlen möchte, der ihr auf diese Weise durch eine packende Geschichte voller trügerischer Ausgänge, falscher Abzweige und Falltüren folgen kann.