Ich bin selbst Mutter auf der (inzwischen verzweifelten) Suche nach einer fundierten kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema Waldorfschule. Nach allem, was ich bisher weiß, gibt es ausreichend Anlass, sich ausgiebig mit der Waldorfpädagogik auseinanderzusetzen bevor man sein Kind an eine Waldorfschule gibt. Ich bin keine Waldorfanhängerin und keine Anthroprosophin und äußerst empfindlich auf Dogmatismus. Aber die Art und Weise wie Waldorfschulen kritisiert weren, erschreckt mich zunehmend.
Ganz offensichtlich hat diese Mutter ihre Kinder völlig naiv auf die Waldorfschule gegeben, um sich in diesem Buch dann unter anderem ernshaft darüber zu beschweren, dass Kinder im Waldorfkindergarten ihren Erziehern die Hand geben müssen...Im Nachhein interpretiert sie auch die normalsten Regeln dieser Pädagogik/Schule als Teil eines ausgeklügelten Systems, Kinderseeelen zu zerstören und Eltern auszunehmen.
Das Buch ist sehr schlecht strukturiert, führt teils interessante, teils hanebüchene Argumente gegen die Waldorfschule an und schafft es lediglich, den Leser mit dem verwirrten Gefühl zurückzulassen, es irgendwie mit einer Art Sekte zu tun zu haben, die aus Kindern absichtlich unmündíge Bürger macht und die letztendlich nach Weltherrschaft drängt. Die Argumentationslinien, die dahin führen, sind ärgerlicherweise schwer nachvollziehbar.
Sicher muss man sich ausgesprochen kritisch mit den Schriften Rudolf Steiners befassen und auch die Waldorfschule nach ihrem Umgang mit bestimmten Themen deutlich befragen. Die fehlende Transparenz des Unterrichts finde ich ein großes Problem.
Nach ausgiebiger Lektüre vieler andere Bücher, vielen Gesprächen und dem Besuch unserer örtlichen Waldorfschule, kann ich aber nur soviel sagen:
- ja, in Waldorfschulen wird ständig zur Kasse gebeten; es handelt sich de facto um eine Privatschule an der wesentlich mehr geboten wird als an jeder staalichen Schule. Wer sich darüebr wundert ist naiv.
- ja, an der Waldorfschule spielt das ökologische, ganzheitliche Bewusstsein eine ausgesprochen große und zentrale Rolle; Das ist offensichtlich und mich wundert einfach, wie so viele im Nachhinein "enttäuschte" Eltern sich daran stoßen. Das wäre so als würde man sich im Nachhinein darüber ärgern, dass in einem erzkatholischen Internat, auf das meine seine Kinder geschickt hat, Religiöse Riten wie Beten etc. eine große Rolle spielen bzw. aus der christlichen Überzeugung gewisse Regeln für alle erwachsen.
- In allen Internetforen (und in diesem Buch), in denen gegen Waldorf gewettert wird, heißt es immer wieder, Andersdenke und Kritiker sind im Waldorfsystem unerwünscht. Erstens ist die Polemik und der Diskussionsstil der Kritiker wie auch der der Autorin teilweise sehr extrem und spricht nicht gerade für sie. Zweitens muss ich auch hier sagen: wer glaubt, auf einer staatlichen Schule oder einer Schule mit religiösem Anstrich (z. B. einer Katholischen Grundschule) gäbe es keine ungeschriebenen Gesetze, gegen die man besser nicht verstößt, ist ebenfalls naiv. Man muss die Waldorfansätze überhaupt nicht teilen, aber dann verstehe ich einfach nicht, warum mein sein Kind dorthin gibt.
- ja, von Fernsehen, Videospielen etc. scheint dort dringend abgeraten zu werden. Aber: Jeder Neurologe warnt heute eindringlich vor der Nutzung dieser Medien im Kindesalter. In rein naturwissenschaftlichen Kreisen (also mitnichten nur unter "Anthros") sorgt man sich inzwischen ernsthaft um das Verschwinden des Langzeitgedächtnisses - weil die übermäßige Nutzung der Medien in allen Lebensbereichen das Kurzzeiutgedächnis massiv überfordere. Eine ununterbrochene Gleichzeitigkeit, die jeden von uns stresst. Auch hier kann ich nur sagen: Wer in diesem Punkt keine Lust auf Einflussnahme seitens der Schule hat, der kann doch sein Kind auf eine andere Schule geben.
- ja, Eutythmie ist irgendwie peinlich und Stricken in den ersten KLassen auf den ersten Blick altertümlich. Aber: viele Kinder leiden heute unter akutem Aufmerksamkeitsmangel, haben große Schwächen sich in Gruppen einzufügen und laufen seid Ihrer frühstens Kindheit zur Ergotherapie. Man mag Stricken für Jungs und Eurythmie belächeln, beides erfordert aber eine enorme Körperkoordination in Grob- und Feinmotorik, die einer Vielzahl von Kinder heute fehlt und in der Ergotherapie mühsam nachgearbeitet wird. In jeder Schule gibt es Fächer, die auf den ersten Blick nerven - das ist doch kein Waldorf-Problem, sondern eine Realität mit der sich jedes Kind abfinden muss!
- ja, viele Waldorfschüler scheinen weniger zu lernen, als an staatlichen Schulen; aber sie spielen ein Instrument (haben überhaupt die Zeit dazu), müssen lernen, sich in Gruppen einzufügen, haben andere künstlerische Bereiche, in denen sie ihre Fähigkeiten zeigen können, wenn sie schulisch nicht glänzen können. Wissenslücken sind eindeutig von Nachteil, aber ein seelisch stabiles Kind, das auch seine künstlerischen Fähigkeiten einschätzen kann, scheint mir eigentlich eine gute Basis für ein gelingendes Leben und darum geht es uns Eltern doch.
Mein Tipp: Lesen Sie alles, was sie kriegen könne, löchern sie die Schule mit Fragen und sprechen sie vor allem selbst mit ehemaligen Waldorfschülern. Es gibt nämlich auch sehr viele, die ihre Schule einfach nur ok oder sogar gut fanden. Ich werde mich auch erst am Ende dieser Odyssee entscheiden, was wir machen. Aber lasen sie sich nicht von Polemikern verschrecken.