Aus der Amazon.de-Redaktion
Günter Netzer ist eine Projektionsfigur, an der sich die Geister scheiden. Das war schon zu seinen aktiven Zeiten so. Da galt er den einen als Vertreter einer linken Fußballästhetik, während die anderen in ihm einen disziplinlosen Lebemann sahen. Fest steht: Netzer war der erste Langhaarige in der Bundesliga und der erste Popstar Fußballdeutschlands.
Einmal bekam er sogar eine Professur angeboten, damals in den wilden Siebzigern; für "angewandte, ausübende und praktizierende Kunst", wie sich Günter Netzer amüsiert erinnert. Er verkehrte zwar in Künstlerkreisen, kannte Markus Lüpertz und AR Penck, doch sah Netzer sich weder als politische noch als künstlerische Avantgarde, geschweige denn als "Rebell". Er wollte als Fußballer wahr- und ernstgenommen werden und war zunehmend genervt von der andauernden "Bewertung des Fußballspielers Günter Netzer vor dem Hintergrund seines Lebensstils".
Man erfährt nichts wesentlich Neues aus Günter Netzers Autobiografie, was nicht so schon -- oft pointierter -- in Helmut Böttigers Biografie Günter Netzer. Manager und Rebell gestanden hätte. Von den ersten Bolzversuchen am heimischen Geroweiher über die Stationen Mönchengladbach, Madrid und Zürich wird die aktive Laufbahn abgehandelt, dann die Zeit als HSV-Manager und schließlich der Schritt ins Sportmarketing.
Der Grundton des Autors Netzer ist trocken und seine Haltung distanziert. Auch gegenüber dem Gegenstand "Netzer" selbst. Der analytische dominiert über den szenischen Blick. Vor allem persönliche Dinge werden meist summarisch erzählt. Mit Bewertungen anderer Menschen hält sich der Autobiograf -- anders als der ARD-Kommentator -- Netzer weitgehend zurück.
Der vielleicht wichtigste Satz kommt fast beiläufig daher: "Wenn ich etwas entscheide, werde ich mich nicht hinterher beschweren, wie furchtbar es ist." Dennoch liegt darin vielleicht der Schlüssel zum Verständnis der Person Günter Netzer. Obwohl er als einer der genialsten Mittelfeldspieler seiner Zeit galt, hat er nur 37 Länderspiele absolviert, war beim größten Triumph seiner Ära, dem WM-Gewinn 1974, faktisch bloß Zaungast -- und hat dennoch nie bereut, dass ihm in seiner aktiven Zeit neben dem Fußball noch andere Dinge wichtig waren: "Es ist ein schönes Leben", schließt Netzer. "Ich habe es so gewollt. Ich habe alles so gewollt. Ich bin ein Glückspilz." Und das strahlt er auch aus. Vielleicht ist das das ganze Geheimnis. --Axel Henrici
Audiobook-Rezensionen
Netzer erzählt von seinen Anfängen, als Junge, der mangels anderer Hobbys Fußball spielte, von seiner Zeit bei Mönchengladbach als Provinzfürst und dem Einfluss, den seine Freundin auf ihn ausübte: Er lernte eine neue Art zu leben kennen, machte Bekanntschaft mit Künstlern der Jungen Wilden-Szene in Düsseldorf und ließ sich die Haare lang wachsen. Sein Markenzeichen, die wehende Mähne und der fast schon zärtliche Umgang mit dem Ball, machten ihn zu einer Symbolfigur im deutschen Fußball. Zweimal wurde er deutscher Meister mit Borussia Mönchengladbach, zweimal siegte er mit Real Madrid. Unglaublich, aber wohl wahr, klingt eine Anekdote aus dieser Zeit. Das Reglement für die Spieler war in Spanien ziemlich streng. Dennoch erlaubte sich Netzer, ohne echten Pass den mussten die Fußballspieler abgeben -, mit einem Freund übers Wochenende zu einer Party zu Frank Sinatra nach Las Vegas zu fliegen.
Nach seiner Tätigkeit als Manager des HSV Trainer zu werden kam für Netzer nicht in Frage machte sich Fußballmüdigkeit breit. Es vergingen einige Jahre, bis Netzer zusammen mit dem Journalisten Gerhard Delling das Kritik-Modell aufbaute. Seitdem beglücken die beiden die Zuschauer in der ARD. Das Spektakel mit dem jüngeren, redegewandten Delling und dem strengen, immer etwas steifen Fachmann Günter Netzer ist mit Sicherheit nicht nach jedermanns Geschmack. Aber das Duo ist erfolgreich, im Jahr 2000 erhielten sie sogar den Adolf-Grimme-Preis! Stichwort Erfolg. Keine Frage, der 1944 in Mönchengladbach geborene Günter Netzer hatte im Leben viel Glück. Eine Portion Arroganz und die Sicherheit, Chancen zu erkennen, taten seiner Meinung nach das Übrige. Hinzu kommt Netzers Gespür dafür, mit Fußball, nicht nur als Spieler, richtig Geld zu machen. Der Fußball war für ihn eben nur Triebfeder, und nicht alles.
Gespräch, Originalton, Spieldauer: ca. 100 Minuten, 2 CD. -- culture.text -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressestimmen
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Aus der Tiefe des Raumes von Günter Netzer, Helmut Schümann. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Hannelore Girrulat war Goldschmiedin. Sie lebte in einer völlig anderen Welt als ich. Meine Welt bestand aus Fußball und Fußball und gelegentlichen Spritztouren mit dem Sportwagen und wieder Fußball und Fußball. Hannelore Girrulat wusste von Fußball, dass es ein Spiel dieses Namens gibt, aber nicht, warum alle Welt so ein Aufhebens davon macht. Dass Borussia Mönchengladbach in der Bundesliga spielte? "Aha", sagte sie.
Umgekehrt war es genauso. Ich lebte in einer völlig anderen Welt als sie. Ihre Welt bestand aus Kunst und Mode und Ästhetik und Musik und aus all dem, was man damals anfing, Pop zu nennen. Manche sagten auch Avantgarde dazu. Dann sagte ich: "Aha!"
Als ich Hannelore Girrulat kennen lernte, war ich gut zwanzig Jahre alt und wohnte noch bei den Eltern in der Gasthausstraße. Dort lag im Wohnzimmer eine Spitzendecke auf dem Tisch. Auf den Fensterbänken standen Topfpflanzen, und wenn der Vater oder ich in der Zeitung nachlas, wie ich gespielt hatte, taten wir das in einem alten schweren Ohrensessel. Blümchentapeten hingen an den Wänden. Der Fernseher stand zentral, eine große, klobige Kiste war das, nur dass sie nicht in einer Truhe versteckt war wie damals bei Tante Trienes. Dafür lag obenauf ebenfalls ein Spitzendeckchen. Die Wohnung der Eltern war nicht gerade so eingerichtet, dass man es modisch nennen könnte, sondern so, wie man es gutbürgerlich eben immer schon hatte. Keine Experimente, keine Wagnisse, heute würde man wohl verstaubt und muffig dazu sagen. Aber mir war es recht, kuschelig und heimisch. Ich habe mich nicht muffig gefühlt oder verstaubt, ich habe auch keinen Gedanken daran verschwendet, dass ich ausbrechen wollte oder müsste aus dieser Welt. Ich fühlte mich durchaus wohl.
In Hannelores Appartement sah es so aus: Die Wände waren rau und grob verputzt, so wie man es später in jeder beliebigen Pizzeria machte. Es gab keine Topfpflanzen, dafür steckten nackte Zweige in Eimern. Das Bett stand zentral, nicht der Fernseher. Schwarze und weiße Katzen aus Porzellan standen herum, an den Wänden hingen Grafiken und Poster von Marilyn Monroe und den Rolling Stones. An der Seite, aber nicht abseits, standen die Musikanlage und die entsprechenden Boxen. Gab es einen Flokati-Teppich, einen von jenen langmähnigen, Bakterien und Staub anziehenden fusseligen Lappen? Wahrscheinlich gab es einen, weil Flokatis eben auch zur Einrichtung der Avantgarde gehörten, und wenn es ihn in Hannelores Appartement gab, dann habe ich zum Glück die Erinnerung daran verdrängt.
Es waren keine Welten, die da aufeinander prallten, es waren Galaxien. Und keineswegs nur innenarchitektonische Galaxien. (...)