Wie schon einige andere Rezensenten zu Recht beklagt haben, ist die Ankündigung des Heyne-Verlags (s. deren Webseiten) zu Aurora eine echte Frechheit: Weder handelt es sich hier um das große Finale des Inhibitor-Zyklus, den Reynolds mit dem Roman Unendlichkeit begann, noch wird das Geheimnis um die Amarantin gelüftet (diese Alienrasse wird auf den über 700 Seiten nicht ein mal erwähnt!). Wer auch immer diesen Text bei Heyne geschrieben hat, hat mit Sicherheit das Buch nicht gelesen, sonst könnte man so einen Unsinn nicht verzapfen. Für mich grenzt das schon an arglistige Täuschung, was sich der Verlag da erlaubt. Doch jetzt zum Buch:
Mit dem Roman Aurora kehrt Alastair Reynolds zwar in das Universum seines Inhibitor-Zyklus zurück, in dem schon die Bücher Unendlichkeit, Chasm City, Die Arche, Offenbarung und die Geschichten-Sammlung Träume von Unendlichkeit spielten. Das muss aber nicht heißen, dass man diese Bücher alle gelesen haben muss, um Aurora zu verstehen. Die Handlung von Aurora spielt zeitlich vor dem Inhibitor-Zyklus und hat fast gar nichts mit den o.g. Büchern zu tun. An der einen oder anderen Stelle hat man allerdings ein wenig mehr Hintergrundwissen, wenn man Unendlichkeit und Chasm City gelesen hat.
Zum Inhalt:
Der Roman spielt fast ausschließlich im Orbit um den Planeten Yellowstone, in dem sich tausende von autonomen Habitaten (dem so genannten Glitzerband) befinden. Über die Habitate wacht eine Polizei-ähnliche Organisation (Panoplia), deren Aufgabe es ist, Recht, Ordnung und Demokratie aufrecht zu erhalten. Tom Dreyfus - ein Bulle alter Schule - untersucht die Zerstörung eines Habitats und stößt dabei auf eine Verschwörung, die eine Bedrohung für das ganze Glitzerband darstellt:
Aurora, eine junge Frau, die vor vielen Jahren bei einem Unsterblichkeitsexperiment anscheinend ums Leben kam, hat sich als künstliche Intelligenz bzw. elektronische Kopie in den Servern der Habitate versteckt und plant von dort aus die Übernahme des Glitzerbandes. In diesem schier aussichtlosen Kampf hat es Dreyfus nicht nur mit bösartigen KI's, sondern auch mit korrupten, intriganten und (was mindestens genauso schlimm ist) stümperhaften Kollegen zu tun...
Und damit wären wir bei meinem Hauptkritik-Punkt zu Reynolds Buch: Panoplia, die Polizei-Organisation, die seit Jahrzehnten über das Glitzerband wacht, erweist sich im Konflikt um Aurora als absolute Gurkentruppe. Da gibt es Systemspezialisten, die sich ihre eigenen Viren installieren und für einen irreversiblen Systemausfall sorgen. Da gibt es einen Verräter, der unbemerkt im Hauptquartier mordet und sabotiert und (im Glauben er arbeite für eine gute Sache) den Mord an tausenden Zivilisten hinnimmt. Da gibt es geheime Untergruppen, in denen vertuscht und verschwört wird, was das Zeug hält. Und da gibt es eine intrigante Führungsetage, deren Mitglieder beim ersten, durchschaubaren Putschversuch gleich reihenweise umfallen, die Oberbefehlshaberin absetzen und den einzigen aufrechten Bullen (Dreyfus) anhand von offensichtlich fingierten Beweisen, ohne jegliche Bendenken inhaftieren lassen. Kaum zu glauben, dass eine solche Chaostruppe, die bei der erstbesten handfesten Krise direkt völlig handlungsunfähig wird, vorher so lange und erfolgreich die Ordnung im Glitzerband aufrecht erhalten haben soll. Und kein Wunder, dass es da am Ende eine weitere künstliche Intelligenz braucht um Aurora Paroli zu bieten.
Leider machen diese Zustände den ganzen Plot etwas unglaubwürdig und auch vor dem Hintergrund der vom Verlag geweckten Erwartungshaltung fällt der Gesamteindruck des Buches leider recht bescheiden aus. Zwar liefert Reynolds wie gewohnt eine handwerklich saubere Arbeit ab, aber an die Qualität der Inhibitor-Reihe kommt dieses Buch nicht heran und was bleibt ist ein netter, futuristischer und teilweise recht spannender, Agenten-Thriller.