Mit seiner relativ erfolgreichen Cäsar-Biographie (die 2011 neu aufgelegt wurde) hat Werner Dahlheim schon der faszinierenden Persönlichkeit Gaius Julius Cäsars Leben eingehaucht. In der nun vorliegenden "Fortsetzung" zu Cäsars Adoptivsohn und Erben knüpft er dort an, wo man von manchen Cäsar-Biographien ratlos zurückgelassen wird - am Ende der Republik. Dahlheim trennt Augustus Leben zunächst in zwei sehr bedeutende Abschnitte, einen vor und einen nach dem Schicksalsjahr 27 v. Chr. als Gaius Octavius in einem Staatsakt den Bürgerkrieg für beendet erklären ließ, den Senat zumindest formal wieder als Herrn über das Imperium Romanum einsetzte und dafür den Titel "Augustus" verliehen bekam. Misst man einen großen Römer an seinen Taten, so ist Augustus aufgrund seiner Verdienste um die Beendigung des Bürgerkriegs, den Erhalt des Imperium Romanum und der Begründung der als Pax Augusta in die Geschichte eingegangen Friedensära wohl einer der größten Römer.
Doch die Karriere des jungen Cäsars sollte unter einem denkbar schlechten Stern beginnen, denn als der Diktator kurz vor seinem Aufbruch zum Parther-Feldzug, der ihn in eine Reihe mit Alexander den Großen hätte stellen und auch dazu gedacht war Gaius Octavius Chancen zu verschaffen um zu glänzen und als potentieller Nachfolger aufgebaut zu werden, im Senat ermordet wurde stand Octavian bei seiner Landung in Brundisium mit nichts als seinem Namen und einer Gruppe unbedeutender Freunde da, die sich wie Marcus Agrippa erst als loyale Gefolgsleute in der römischen Geschichte profilieren sollten. Bezeichnenderweise sollten es die Cäsar über seinen Tod hinaus ergebenen Legionäre und Veteranen sein, die Octavian zunächst verhelfen sollten seine Ansprüche als Erbe des gemeuchelten Juliers überhaupt durchzusetzen.
Zunächst verschafft Dahlheim dem Leser aber einen Überblick über das schwierige Vermächtnis Cäsars, dessen Glaube der Republik würden nur noch weitere Bürgerkriege drohen sollte er nicht herrschen posthum auf dramatische Weise bestätigt wurde. Auch Octavian, der im Schatten seines Großonkels aufwuchs, sollte wie Cäsar eines Tages mit seiner Milde versuchen sich die Anerkennung der Eliten als erster Mann des Staates zu verschaffen. Doch der Adel wies Cäsars offene Hand mit seiner Ermordung zurück und doch war die Republik tot, denn das Volk würdigte den Tyrannenmord Cassius und Brutus keineswegs. Daran änderte auch manche Sympathie des amtierenden Konsuls Marcus Antonius gegenüber der Republik wenig, denn das Volk wartete auf einen neuen "Cäsar" der sich in der Gestalt des freigiebigen Gaius Octavius schon bald offenbaren sollte. Während Antonius unter den entsprechenden Bedingungen durchaus bereit gewesen wäre mit den Republikanern gemeinsame Sache zu machen, stand ihm mit den noch auf ihre Landzuweisungen wartenden Veteranen in der Stadt und regulären Truppen unter Lepidus ein effektives Druckmittel zur Verfügung sich selbst als Cäsars Nachfolger zu inszenieren und die Wut nach dem Tod des gütigen Patrons für seine Zwecke zu nutzen. Indem er den Tyrannenmördern darlegte welche Konsequenzen eine Ächtung Cäsars als Tyrann haben würde, nämlich der Annulierungen all seiner Erlässe, womit nicht nur manch einer seine neuen Pfründe und Ämter, sondern auch die Legionäre ihre Ländereien verlieren würden, gelang Antonius schließlich jener Geniestreich der zunächst seine Position sichern sollte, aber noch viel mehr Octavians Weg bereitete.
Im Zusammenhang mit dem Untergang der Republik weist Dahlheim aber auch darauf hin dass der sich abzeichnende Machtkampf zwischen Octavian und Antonius nur die eine Hälfte der Geschichte ist, nämlich die cäsarianische. Auf Seiten der Republikaner hätte es genauso gut zu einem Krieg zwischen Brutus und Cassius kommen können, denn die Macht im Staate und nicht die Moral standen im Mittelpunkt dieses Bürgerkriegs. Mit den Steuereinkünften aus den östlichen Provinzen konnten sich Brutus und Cassius ihre Legionen einfach kaufen, während Antonius und Octavian ihre aus der Anhängerschaft Cäsars rekrutieren mussten.
Es überrascht nicht dass Dahlheims Trennung in vor und nach 27 v. Chr. eine sehr lange Darstellung des Wegs in das so genannte Zweite (aber einzig wirkliche weil rechtlich fundierte) Triumvirat und Octavians Kampf um die Alleinherrschaft Folge hatte, kann er auf diese Weise doch an die Biographie Cäsars anknüpfen und sich im Abschnitt über Augustus nach dem Bürgerkrieg auf die Errichtung der neuen Herrschaft des Princeps konzentrieren. Dahlheims Darstellung Octavians ist jedoch nicht frei eines gewissen Pathos, der sich zunächst an gesalbten glorifizierend wirkenden Worten über den jungen Cäsar feststellen lässt und sicher nicht jedermanns Sache ist. Fast scheint es als hätten manche der Quellen auf die Darstellung des Althistorikers was die Verklärung Augustus betrifft abgefärbt. Nüchternheit ist jedenfalls keines der Attribute die man mit Dahlheims Werk in Verbindung bringt. Untypisch für eine Biographie ist zudem dass vor allem zu Beginn sehr wenig über Octavians Familie preisgegeben wird, während man im Falle Cäsars für gewöhnlich lang und breit von dessen Verbindungen zu Gaius Marius, Lucius Cornelius Cinna oder auch der sagenhaften Abstimmung der Julier von der Göttin Venus erfährt. Was Octavians Abstimmung betrifft hält sich Dahlheim sehr kurz, man erfährt nur dass er als "Bankierssohn" trotz adeligen Stammbaums erst einen Zugang zur Aristokratie finden musste. Ebenso wagt Dahlheim es nur in Ansätzen Octavians Motive herzuleiten und erklärt Augustus zum treuen Erfüller der Vision seines Adoptivvaters Gaius Julius Cäsar, der eingesehen hat dass die Republik nicht mehr regierbar und ihre Restauration fahrlässig wäre, würde man doch Macht und Größe des Imperiums dadurch gefährden, das sonst unregierbar werden würde. Dahlheim verknüpft Octavians Größe mit seiner "Heldentat" die seit Cinna, Sulla und Marius nur fortgeschriebene Staatskrise durch eine Transformation der Republik beendet zu haben.
Biographisch orientiert sich Dahlheim mehr an den äußeren Ereignissen als dass er eine Persönlichkeitsdeutung Augustus versucht. Seine Biographie ist also eher eine über Augustus in seiner Zeit und beschäftigt sich weniger dem von ihm Porträtierten als dessen Umfeld und seinen Taten. Freilich der Versuch Augustus Motive und Antrieb zu deuten wäre rein spekulativ, doch auf jeden Fall auch interessant. So bleibt Dahlheims Biographie etwas distanziert, wenn auch im Stil keinesfalls nüchtern und ist dabei der Verklärung näher als der Verdammung. Ein erhellendes Detail am Rande ist vielleicht dass Dahlheim in einem eigenen Kapitel explizit Augustus Wirkung auf die Dichter seiner Zeit untersucht hat. Im Gegensatz zu manch anderen Autoren spielt der Gegensatz von Popularen und Optimaten bei Dahlheim zumindest nominell keine Rolle, es ist höchstens die Rede von Adelkreisen und den Interessen der Aristokratie.
- Resümee -
Der mehr oder weniger kritischen Eindrücke ungeachtet ist Werner Dahlheim mit "Augustus: Aufrührer - Herrscher - Heiland" eine durchaus umfangreiche und angemessene Biographie gelungen, auch wenn Augustus Rolle als Heiland für meinen Geschmack etwas zu sehr in den Vordergrund gerückt wurde. Dahlheims Stil verleiht seiner Augustus-Biographie durchaus eine besondere Note, wirkt vielleicht auf manche Leser aber auch etwas zu blumig. Trotzdem, Dahlheim schafft es einerseits die Zeiten des Bürgerkriegs und Octavians Rolle darin lebendig auferstehen zu lassen, wie es ihm auch gelingt und das ist sicher ein großer Pluspunkt dessen Herrschaft als Augustus sehr detailreich und zusammenhängend zu schildern.
Fazit:
Eine gelungene Biographie eines an seinen Taten gemessenen wahrlich großen Römers.