Augustinus zählt unbestritten zu den großen katholischen Kirchenvätern, aber kann man ihn auch als einen großen Philosophen bezeichnen? Diese nicht leicht zu beantwortende Frage stellt Kurt Flasch in der Einleitung des Buches. Doch dass sich "an ihm nahm Maß, auch wer von ihm abwich", unterstreicht die Bedeutung dieses Mannes und seines Werks.
Zwei einschneidende Erlebnisse prägten das Leben des Augustinus. Im Alter von 19 Jahren entdeckte er Ciceros Hortensius. Diese Berührung mit der Philosophie beeinflusste nicht nur seine frühen Werke, sondern prägte sein ganzes Leben. Er schließt sich den Manichäern an, einer Sekte deren Anhänger an eine Zweiteilung der Welt glauben. Gott gilt als Schöpfer des Guten nicht aber des Bösen. Gut und Böse befinden sich in einem immer währenden Kampf. Der Mensch erreicht seine Erlösung nur durch Askese.
Zwölf Jahre später durchlebt er eine Sinnkrise. Sein Leben erschien ihm nutz- und wertlos. In den ,Confessiones' schreibt er: "Was ich beruflich trieb, gefiel mir nicht mehr; es war mir zur Last geworden, seit mich nicht mehr wie früher die Gier antrieb, in Erwartung von Ehre und Geld diese schwere Sklaverei zu ertragen ... Dieser Streit in meinem Herzen drehte sich ausschließlich um mich; ich war mein Gegner." Sein Freund Pontician erzählt ihm die Geschichte von der Bekehrung zweier Bekannter. Augustinus ist tief gerührt: "Du holtest mich hinter meinem eigenen Rücken hervor ... Da brach ein ungeheurer Sturm in mir los, mit einem Wolkenbruch von Tränen." Er bricht die geplante Heirat ab und bleibt ehelos, um dem Beispiel des Apostels Paulus zu folgen.
In der Frühschrift "Über das Glück" sucht Augustinus den Brückenschlag zwischen Philosophie und christlicher Religion. Von den großen Lehrmeistern der Antike, insbesondere von Platon und Cicero übernahm er die Dialogform des Textes. Seine These lautet, dass alle Menschen nach dem Glück streben, jedoch nur derjenige glücklich sei, der besitzt, was er begehrt und keinen Mangel leidet. Alles Sterbliche und Vergängliche ist nur von begrenzter Dauer, wahres Glück jedoch ewig und zeitlos. Diese Eigenschaften treffen nur auf Gott zu, also folgt: "Glücklich ist, wer Gott hat".
"Gott und die Seele will ich erkennen ... Doch ich suche ein Wissen, keinen Glauben. Zwar sagen wir wahrscheinlich mit Recht, dass wir alles, was wir wissen, auch glauben; aber nicht alles, was wir glauben, wissen wir auch." Auch in den ,Selbstgesprächen', aus dem diese Zeilen stammen, verspüren wir noch den philosophischen Wahrheitsdrang. Das Buch ist in Dialogform geschrieben, doch findet die Zwiesprache im Inneren statt; ein Selbstgespräch, das Augustinus mit seiner Vernunft führt. Er versteht, dass die Sinnesorgane zwar die Natur erfassen können, jedoch nur die Vernunft Gott begreifen kann. Dreier Helfer bedarf der Mensch, damit die Seele zu Gott gelangen kann: Glaube, Hoffnung, Liebe.
Noch deutlicher als in der Schrift "Über das Glück" verdeutlichen die Worte aus dem Werk "Über die wahre Religion" die Parallelen zwischen Platonismus und Christentum. "Wenn nämlich Plato selber noch lebte und mich nicht abwiese, ... so weiß ich, was er antworten würde ... Dann brauchten sie (Plato und seine Schüler) nur wenige Worte und Ansichten zu ändern, um selbst Christen zu werden." Die Existenz der Seele und deren Unsterblichkeit, der eine logos, der die Welt erschaffen hat, all dies finden wir sowohl in Platos als auch in Christi Lehre. "Wir Christen glauben und lehren ja, und unser Heil hängt daran, dass Philosophie, das heißt Weisheitsstreben, und Religion nicht voneinander verschieden sind." Kurt Flasch bemerkt hierzu: "Der Platonismus war eine Heilslehre, leider eine esoterisch verschlüsselte; das Christentum brachte die Hauptinhalte des so verstandenen Platonismus unters Volk".
"Jeder, der einsieht, dass er zweifelt, sieht etwas Wahres ein und ist dessen, was er einsieht, auch gewiss". 1200 Jahre bevor Descartes den Zweifel zum Prüfstein wissenschaftlicher Erkenntnis erhebt, beschreibt Augustinus den religiösen Zweifel: "Doch ohne ein Gaukelspiel von Phantasien und Einbildungen fürchten zu müssen, bin ich dessen ganz gewiss, dass ich bin, weiß und liebe ... Wenn ich mich täusche, bin ich ja."
Zehn Jahre nach den Frühschriften, die von Toleranz, ja Zustimmung zur platonischen Philosophie zeugen, verhärtet sich Augustinus Doktrin. Der ,simplician' gibt Zeugnis von der neuen Geisteshaltung. "Wer nicht aus dem Wasser und dem Heiligen Geist geboren wird, wird nicht in das Himmelreich eingehen", lesen wir dort und weiter: "Denn durch Gottes Gnade sind wir gerettet worden; und das nicht aus uns selbst, nein, es ist Gottes Geschenk; nicht aus Werken, damit keiner sich rühme ... Denn viele sind berufen, wenige aber ausgewählt". Der Mensch ist durch Adams Sündenfall verdammt. Nur Gottes Gnade entscheidet, wer von den wenigen ins himmlische Reich gelangen darf. Taufe und gläubiges Leben sind notwendig, aber nicht ausreichend für Gottes Gnade. Sloterdijk bezeichnet im Vorwort das Christentum nicht zuletzt aufgrund solcher Thesen als "Patronat der Depression", indem "sich selbst missfallen muss, wer Gott gefallen soll".
Das letzte große Werk des Augustinus, der ,Gottestaat', ist eine Apologie des Christentums und zugleich eine Zusammenfassung seines Lehrgebäudes. Die Westgoten hatten 410 Rom erobert und die Heiden machten die Christen für den Verfall des Reiches verantwortlich. Augustinus berichtet von dem verbreiteten Vorurteil: "Es regnet nicht. Wer ist schuld? Die Christen!" Doch warum haben die heidnischen Götter den sittlichen Verfall Roms zugelassen, fragt Augustinus. Er ruft Cato den Älteren, Sallust, Ennius und Vergil als Zeugen in den Gerichtsstand. "Schlechter und hässlicher wurden nun allmählich die Zeiten, Kriegswut brach jetzt herein und unersättliche Habgier", beschrieb Vergil die Lage. "Wacht auf, es ist Tag! ... Ich denke, ich habe nun hinlänglich dargetan, dass die falschen Götter sich nicht darum gekümmert haben, das Volk, das sie verehrte, vor dem lastenden Druck sittlicher und seelischer Über zu bewahren."
Fazit: Ein - nicht nur für Gottesfürchtige - lesenswertes Buch, welches Leben und Werk des großen Kirchenvaters an ausgewählten Texten treffend darstellt und ausreichend kommentiert.