Am 24. August 410 plünderte ein "westgotisches" Heer unter dem Befehl des einst in römischen Diensten gestandenen Generals Alarich die Stadt Rom. Am 27. August zogen diese Truppen wieder ab. Soweit die unbestrittenen Fakten, welche Mischa Meier und Steffen Patzold in das Zentrum ihres Werks gestellt haben. Dass die Plünderung Roms von den Autoren so knapp und kaum mit weltgeschichtlicher Bedeutung aufgeladen abgehandelt wird hat ihren Grund. Sie haben in ihrem Buch nämlich nicht versucht jenen Ereignissen im August des Jahres 410 ihre eigene Interpretation zu verleihen, sondern zeigen anhand ausgewählter Quellen von Zeitgenossen, Historiographen und modernen Historikern, welche Wandlungen die Vorstellungen vom Fall Roms über mehr als ein Jahrtausend erlebt haben. Es ist also nicht direkt ein Buch über Rom 410 sondern über die Interpretationen dieses Ereignisses.
Im Bestreben verschiedene Perspektiven auf den August 410 zu vermitteln ähnelt "August 410 - Ein Kampf um Rom" auch dem bedeutenden Werk Alexander Demandts "Der Fall Roms". Während Demandts Werk sich allerdings gezielt mit den Gründen für Roms Untergang auseinandersetzte, belassen es Patzold und Meier dabei die unterschiedlichen Deutungen dieses punktuellen Ereignisses sprechen zu lassen, anstatt den August 410 zum Grund für Roms Untergang hochzustilisieren. Der Untertitel "Ein Kampf um Rom" ist zudem an Felix Dahns gleichnamigen Roman angelehnt, der ebenso wie Dahns historische Romane und seine Darstellung der Westgoten und Roms Teil Bestandteil der sehr umfangreichen Quellenkritik Patzolds und Meiers ist. Genau genommen ist das gesamte Werk eine einzige große Quellenkritik, vom Zeigenossen Augustinus bis zu den modernen Historikern und Geschichtsinterpreten Herwig Wolfram (Geschichte der Goten) und Michael Kulikowski (Die Goten vor Rom).
Mit ihrer Quellenkritik beginnen Meier und Patzold allerdings beim römischen Hofdichter Claudius Claudianus, der seinen Gönner Stilicho zum großen Retter Roms und Antagonisten Alarichs stilisierte. Schon bei Claudianus wird deutlich wie verschwommen die Grenzen zwischen römischen Generälen und Barbarenfürsten damals waren, denn auch Claudianus Stilicho ist je nach Interpretation entweder römischer General oder Vandale. Neben Claudianus Zeitzeungis der Ereignisse untersuchen die Autoren aber auch die Deutungen der Ereignisse durch Hieronymus, Augustinus, Orosius oder Rutilius Namatianus. Gerade Augustinus Interpretation scheint jedoch von blanken Zynismus geprägt, der sich allerdings aus dessen Position als nordafrikanischer Bischof eines von gewaltbereiten Donatisten, sich durch Roms Plünderung in ihrem Weltbild genuin bestätigt fühlenden Heiden (Rom fiel weil sich die Römer von ihren altern Göttern abgewandt hatten) und in ihrem Glauben erschütterten römischen Flüchtlingen geprägten Bistums ergab.
Aber nicht bloß Weströmer lassen die Autoren zu den Ereignissen zu Wort kommen, sie haben mit Sokrates, Zosimos und Prokop auch Byzantiner gefunden, welche sich durchaus auch objektiver mit Roms Plünderung auseinandersetzten. Über den spätantiken Jordanes und den Bischof Isidor von Sevilla stoßen die Autoren schließlich in das Mittelalter und zu Otto von Freising vor, in dessen Zeiten der August 410 schon eine ganz andere Bedeutung hatte und vor allem über die Neuinterpretation der Goten eine neue Deutung erhielt. Mit Flavio Biondo, Franciscus Irenicus und Johannes Magnus endet schließlich die Ära der historiographischen Interpreteten.
Als erster Historiker, im Sinne der von den Autoren vorgenommenen Unterteilung in Zeitgenossen, Historiographen und Historikern, erfährt der selbst ernannte "Historiker des Römischen Reichs" Edward Gibbon seine Würdigung. Von Gibbon und Ferdinand Gregorovius leiten die Autoren schließlich zu August W. Grube und dem bereits eingangs erwähnten Felix Dahn über, dessen populärliterarischen Werke sehr stark zur Bildung eines Gotenbildes und der damit verbundenen Interpretation des Augusts 410 geführt haben. Nach einem Exkurs zu Wilhelm Capelle befinden wir uns schließlich schon an der Schwelle zum 21. Jahrhundert bei den beiden Historikern Herwig Wolfram und Michael Kulikowski, zu deren sehr unterschiedlichen Auffassungen die beiden konstatieren dass der Kampf um Rom weiterhin andauert.
Gerade in Kulikowskis Werk erhalten die Westgoten des Jahres 410 einen sehr modernen Anstrich einer Macht die vom römischen Imperium geschaffen wurde und sich schließlich gegen dieses wendete, es ja sogar im Herz des römischen Metropolismus traf. Eine Deutung die nicht von ungefähr kommt und doch ebenso ein Kind ihrer Zeit und ihres Umfelds ist, zumal Kulikowski als US-Amerikaner einem Land und einer Zeit entstammt in der sich diese Ereignisse auch auf die USA übertragen ließen. Genauso wie Kulikowski Roms Plünderung vom 24. bis 27. August im Lichte seiner Zeit als 9/11 des spätantiken weströmischen Imperiums interpretiert, das durch seine eigenen ehemaligen Verbündeten zu Fall gebracht wurde, haben schon vor ihm viele Geschichtsschreiber den Ereignissen eine Interpretation verliehen die eben den Umständen ihres Umfeldes und ihrer Zeit geschuldet war.
Mit "August 410 - Ein Kampf um Rom" haben Steffen Patzold und Mischa Meier eine sehr eindrucksvolle Quellenkritik geschaffen, die jedoch manchmal schon zuviel des Guten unternimmt, wenn es darum geht zunächst die geschichtlichen Hintergründe und Biografien der von ihnen vorgestellten Historiographen vorzustellen. Als sehr beispielhaft für diesen Übereifer kann etwa die Beschreibung von Otto von Freisings Leben und den zu dessen Zeiten eskalierten Streit um die römische Kaiserkrone gelten. Ist es gerade bei den spätantiken Geschichtsschreibern noch verständlich wenn ihre Lebensumstände und dergleichen akribisch aufgearbeitet wird, da sich daran auch die Entwicklungen vor und nach 410 darstellen lassen, so hebt sich Otto von Freisings Leben eindeutig davon ab. Genauso intensiv widmet man sich aber auch den Interpreten nach Otto von Freising. Dabei kommt jedoch manchmal die Darlegung zu kurz, wie die vorgestellten Persönlichkeiten den August 410 interpretierten.
Erwähnenswert ist zudem dass die Autoren in ihrer Quellenkritik ein spezielles Augenmerk auf die mit August 410 untrennbar verbundene Darstellung der Goten gelegt haben und vor allem wie sich diese über die Jahrhunderte entwickelt und verändert hat. Am Ende bleibt der August des Jahres 410 ein genauso großes Rätsel wie zuvor, doch man weiß umso besser darüber bescheit wie unterschiedlich dieses für das weströmische Imperium markerschütternde Ereignis über nun 1600 Jahre interpretiert und dargestellt wurde. Dass das Buch selbst nämlich keine Historiografie ist, wie man durchaus erwarten könnte, sollte man wissen, um nicht vom Inhalt enttäuscht oder auch überfordert zu werden, denn es setzt durchaus Vorkenntnisse der römischen Geschichte voraus. Stilistisch ist das Buch jedoch sehr gut gelungen, es liest sich zumindest sehr angenehm.
Fazit:
Eine höchst lesenswerte doch auch sehr anspruchsvolle Quellenkritik über die Bedeutung des Augusts 410 und die geschichtliche Darstellung der Goten.