'Die Augen eines Mörders' ist ein Buch, das in mehrerlei Hinsicht zu denken gibt: zunächst ist es literarisch von hoher Qualität - eine für einen 'Krimi' sehr seltene Eigenschaft - und doch spannend. Wichtiger ist jedoch die psychologische und anthropologische Tiefe, die der Autor erreicht. In beeindruckender Weise wechselt er die Perspektiven verschiedener Charaktere, in erster Linie die eines Sexualmörders mit der eines Polizeibeamten. Menschlichkeit spricht aus allen Perspektiven, die er einnimmt, auch aus der des 'menschlichen Monsters', der Bestie - des Mörders. Dies könnte man auf den ersten Blick beinahe für unmoralisch halten. Nichts ist jedoch weniger wahr. Gerade in der Menschlichkeit, die selbst der Mörder erlangt, gelingt es Molina in seinem Roman, die erschreckende anthropologische Wahrheit zu ertasten, wozu Menschen in der Lage sein können. Die schrecklichsten Grausamkeiten, die Menschen begehen, bleiben doch auch 'menschlich' - freilich nicht im positiven Sinn des Wortes. Eine solche Tiefe der Abgründe im Menschen kann nur in wirklich tiefer Literatur gelingen. Und Molina gelingt es, was den Leser bis ins Mark trifft. Die Moral des Buches geht daher viel weiter als eine platte Verurteilung der 'Bestie' als unmenschlich. Er ruft dazu auf, Menschen in der Gesellschaft so zu behandeln, daß ihre Menschlichkeit nicht in ihre eigenen Abgründe abstürzen kann. Ein erschütternder Roman, der aber viel mehr zu sagen hat als viele andere anthropologisch platte Auseinandersetzungen mit Schuld und Unmenschlichkeit, und daher in jeder Hinsicht viel zur Rettung der Menschlichkeit dem Menschen gegenüber beiträgt.