Bei der Lektüre dieses Buches sollte man mit den Fallbeispielen beginnen. Dort geht es hart zur Sache. Zwölf kurze Studien zu verschiedenen Pflege- und Adoptivkindern aus der Praxis der Autorin legen offen, welche Probleme solche Kinder oft mit sich herumschlep-pen und wie unerträglich die resultierenden Belastungen für Pflege- und Adoptiveltern werden können. Warum ist das so?
Bettina Bonus führt die Störungen auf frühe Traumatisierung zurück. Zum Trauma kommt es, wenn man einer lebensbedrohlichen Situation aus eigener Kraft nicht entfliehen kann, so dass man hilflos und ohnmächtig ausgeliefert ist. Gefühle können so überwältigend sein, dass sie den Menschen töten. Also schließt der Traumatisierte das Erlebte hermetisch weg. Aber gerade deshalb rumort es in ihm weiter und lässt ihm keine Ruhe.
Eine Frühtraumatisierung widerfährt dem Kind in frühem Alter. Jetzt kann alles in Mitlei-denschaft gezogen werden, was sich noch im Entwicklungsstadium befindet. Am schlimmsten ist die Trennung des kleinen Kindes von seiner leiblichen Mutter. Während der Schwangerschaft erlebt das Kind die Mutter und sich selbst als untrennbare Einheit. Für das Kind gibt es nur die eigenen Gefühle, welche die der Mutter einschließen. Das Neugeborene empfindet sich selbst nur in der Nähe der leiblichen Mutter als vollständig. Fehlt sie plötzlich, so fehlt ein großer Teil des kleinen Kindes selbst.
Mit der Trennung von der leiblichen Mutter ist zunächst die elementare Lebensgrundlage des Kindes zerstört. Durch die Trennung verliert das Kind alles, was es bisher am Leben erhielt. Darüber hinaus wird ihm die eigene, die mütterliche Gefühlswelt genommen. Die Gefühle, die durch diesen Schmerz entstehen, sind unerträglich. Das Kind erleidet eine Todesangst, die weit über das hinaus geht, was es verkraften kann. Hier liegt der Schlüssel für das spätere Verhalten des frühtraumatisierten Kindes.
Das Kind entwickelt Überlebensstrategien zur Angstbewältigung. Eine Möglichkeit, die eigene Angst zu überspielen, liegt darin, selbst Angst zu machen, die Pflege- oder Adop-tiveltern zu bedrohen, ja sie anzugreifen oder die Wohnung zu verwüsten. Um dem Kind eine Heilung zu ermöglichen, müssen die Pflege- oder Adoptiveltern den Teufelskreis der Todesangst und des Überlebenskampfes beenden. Sie müssen lernen, provozierendes Ver-halten zu deuten: Werden sie gerade zum Opfer einer Strategie oder handelt es sich um einen normalen Streit? Statt sich auf provokante Kraft- und Machtproben einzulassen, müssen sie mit den Augen des Kindes sehen lernen, das heißt, die Überlebensstrategie ih-res Kindes immer deutlicher erkennen und ihr angemessen und liebevoll begegnen.
Ein kraftvolles und bestürzend schönes Buch. Die seelischen Nöte früh traumatisierter Kinder werden einfühlsam und praxisnah dargelegt. Viele praktische Tipps für den Um-gang mit hochproblematischen und deutlich verhaltensauffälligen Pflege- und Adoptivkin-dern werden dem Leser vermittelt. Beschönigt wird nichts. Das Buch soll warnen, zugleich aber auch dazu ermutigen, das Wagnis einer Adoption oder Pflege einzugehen.