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Den Auftakt macht die Titelstory, und sie bereitet die Leser auch gleich auf den Grundtenor des Bandes vor: Fast alle Geschichten handeln von gescheiterten Existenzen, nicht wenige enden in resigniertem Selbstmord. Mrs. Blynn beispielsweise schildert die letzten Tage der alten Dame Mrs. Palmer, die auf einer Reise von einer Krankheit heimgesucht wird. In einer ihr fremden Ortschaft ans Bett gefesselt, ist sie dem habgierigen Blick ihrer Krankenschwester -- Mrs. Blynn -- ausgesetzt, die nur auf ihr Ableben zu warten scheint. Ähnlich deprimierend geht es in "Ein gefährliches Hobby" und "Die zweite Zigarette" zu. Mag der Leser das merkwürdige Verhalten der Protagonisten anfangs noch als nebensächliche Charakterschwächen abtun, muss er bald einsehen, dass er mit Menschen konfrontiert wird, die schlicht nicht aus ihrer Haut können -- doch genau das wäre vonnöten, um ihre unerträgliche Lebenssituation zu verändern.
Fast wie ein kleines Wunder erscheint es da, wenn ausgerechnet die Story "Zum Versager geboren" zwar den Erwartungen des Titels entspricht, aber trotzdem mit einem Hoffnungsschimmer endet. Und "Des Menschen bester Freund" ist geradezu eine liebenswerte Fabel, weshalb sie vermutlich nicht in die Storysammlung Kleine Mordgeschichten für Tierfreunde aufgenommen wurde.
Für Patricia-Highsmith-Fans dürften die beiden Bände mit Erzählungen aus dem Nachlass zu den Highlights der Werkausgabe gehören. Sie lassen uns die Entwicklung einer Autorin nachvollziehen, die zeitlebens nur selten Einblicke in ihren Schaffensprozess gestattete. Darüber hinaus sind es Geschichten, die uns vorübergehend der Wirklichkeit entreißen und in eine Welt entführen, die zwar meist nicht besser ist als die unsere, aber auf jeden Fall spannender. --Hannes Riffel
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Nun hat sich ihr Verlag, Diogenes, entschieden, eine Werkausgabe
zu editieren. Der Band "Die Augen der Mrs. Blynn" ist Teil davon.
Zu meiner Freude enthält er fast nur bisher unveröffentlichte
Geschichten. Mit der Werkausgabe hat der Verlag mir und gewiss vielen anderen Lesern auch eine große, da unvermutete Freude gemacht. Zusammen mit der Sammlung "Die stille Mitte der Welt. Stories aus dem Nachlass", die frühe Kurzgeschichten in einem Band vereint, dürfen wir uns noch einmal neu in die ganz eigene Welt von "Der Highsmith" vertiefen.
Sie ist mit keinem anderen Schriftsteller vergleichbar und in kein Genre zu pressen. Bei uns in Europa (in ihrer Heimat USA wird ihr Werk bei weitem nicht so geschätzt) wird sie gerne als anspruchsvolle Krimiautorin bezeichnet. Das trifft es aber nicht. Highsmiths Bücher führen in eine ganz eigene Welt mit zutiefst einsamen Protagonisten, die häufig ohne Rücksicht auf Moral und gesellschaftliche Regeln ihren Obsessionen folgen. Am bekanntesten dürfte Tom Ripley sein. Zum einen, weil er in mehreren Büchern auftritt und zum anderen, weil diese Figur mehrfach erfolgreich verfilmt wurde: "Nur die Sonne war Zeuge", "Der talentierte Mr. Ripley". Vermutlich muss man diese spezielle Art von Einsamkeit selbst als grundlegendes Charaktermerkmal besitzen, um so herausragend darüber schreiben zu können. Ich kannte die Autorin leider nicht persönlich, habe ihr Leben jedoch aus der Ferne viele Jahre lang mit der großen Sympathie einer treuen Leserin verfolgt und glaube erkannt zu haben, warum sie nur so und nicht anders schreiben konnte. Diese Rezension ist als bescheidenes Denkmal für eine große Schriftstellerin gedacht. Ob sie hilfreich ist? Lesen Sie ihre Bücher! Sie sind alle herausragend. Die polarisierende Autorin wird Sie für immer in ihren Bann ziehen - oder aber langweilen.
So unterschiedlich die Darstellungsformen auch sind, gemeinsam ist den Erzählungen das Motiv des Scheiterns. Darauf weist der Herausgeber in seinem - wie immer - vorzüglichen Nachwort hin. In einigen der Erzählungen ist dieses Scheitern mit dem Tod der Charaktere, sei es durch Selbstmord oder natürlichem Ableben, verbunden. In der Titelgeschichte "Die Augen der Mrs. Blynn" liegt eine alte Frau im Sterben. Mrs. Palmer erleidet auf einer Reise einen Schwächeanfall. Unfreiwillig liegt sie nun in einem kleinen Haus an der englischen Ostküste. Betreut wird sie von der verwitweten Mrs. Blynn, deren kalte Augen immer wieder einen Blick auf Mrs. Palmers Anstecknadel werfen. Offensichtlich spekuliert die Pflegerin auf diese Nadel. Mrs. Palmer bemerkt dieses Begehren, dem sie sich standhaft widersetzt. Dann jedoch, kurz vor ihrem letzten Atemzug, überlegt sie es sich anders. Sie will der Pflegerin die Nadel schenken, doch ihre Kräfte sind zu schwach. Das Letzte, was sie von dieser Welt sieht, sind die kalten Augen ihrer Pflegerin.
Auf ganz andere Art scheitert der Anti-Held in der schon erwähnten Erzählung 2Zum Versager geboren". Eine untypische Geschichte für Patricia Highsmith, durchzogen von einer heiteren Gelassenheit. Winthrop Hazlewood ist, wie der Titel es verrät, der geborene Versager. Was immer er anfasst, es misslingt ihm. Als er schließlich überraschend Geld erbt, scheint sich sein Schicksal zu wenden. Er fährt nach New York, um dort seine Erbschaft abzuholen. Statt sich das Geld überweisen zu lassen, nimmt er es in einer Aktentasche mit, die er unterwegs auf einer Fähre natürlich verliert. Zu Hause angekommen, erwartet ihn ein großer Bahnhof, doch der tolpatschige Hazlewood gesteht den Wartenden, dass er wieder einmal versagt hat. Statt Hohn und Spott erfährt er Wärme und Geborgenheit und fühlt sich wie ein Sieger, belohnt mit einem bescheidenen, aber erfüllten Leben.
Weniger erfüllt erscheint das Leben von Helene, der Protagonistin in der Erzählung "Nichts Auffallendes", zu sein. Die unscheinbare Frau ist ins winterliche Alpenbach gefahren. Ihr Plan: Sie will sich von einem Berg in den Tod zu stürzen. Der Leser erfährt zunächst nichts davon, auch die Motive für ihren Freitod bleiben im Dunkeln. Allein ihre Zuversicht im Angesicht des Todes scheint ihre Persönlichkeit plötzlich in ein anderes Licht zu rücken: Männer buhlen um ihre Aufmerksamkeit, mögliche Liebespartner stehen Schlange. Obwohl kurzzeitig verwirrt, hält Helene an ihrem Plan fest und stürzt sich, um Unauffälligkeit bemüht, von einem Gipfel.
In vielen der Erzählungen stehen einsame, scheue Menschen im Mittelpunkt. Unaufdringlich und genau schildert die Autoren den Alltag ihrer Figuren, in den ein plötzliches Ereignis oder eine Entscheidung Unruhe und Ungewissheit bringt. Der Ausgang ist dabei nicht festgelegt: Manche der Figuren enden im Freitod, wie etwa in der Erzählung "Der Mord", andere finden ihr Glück in der harmonischen Zweisamkeit mit einem Hund, wie in der Erzählung "Des Menschen bester Freund".
Faszinierend ist dabei die Verschiedenartigkeit der Erzählformen. Durch ihre gelungene Auswahl haben es von Planta und Ingendaay geschafft, die große, literarische Bandbreite offen zu legen. Das Buch erscheint wie ein Brennglas, welches das ganze künstlerische Spektrum der amerikanischen Autorin klar zu Tage treten lässt. Einmal mehr wird deutlich, dass die deutsche Neuausgabe des Werkes von Patricia Highsmith in guten Händen liegt.
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