„Auge in Auge mit dir Selbst" lautet der Titel des neuen Buches von OM C. Parkin, in dem er den Themenkreis seines ersten Buches „Die Geburt des Löwen - Dialoge zur Selbsterforschung" vertieft und erweitert und gleichzeitig die stille Tradition von Advaita, wie sie von dem großen indischen Weisen Ramana Maharshi weitergegeben wurde, fortsetzt.
„Nan Yar?", „Wer bin Ich?" (von Ramana Maharshi, übrigens auch gerade im selben Verlag neu erschienen!), gleichbedeutend mit „Wer ist der Mensch?", diese Frage steht im Mittelpunkt der Gespräche über Sein und Wahrheit, die aus Darshans, Interviews und Vorträgen zusammengestellt wurden. Sie ist der Kern aller Fragen, die von Wahrheitssuchenden, von an sich selbst und an der Welt Leidenden, an OM C. Parkin gerichtet werden. So zeigt sich die Frage „Wer bin ich?" hier in einem ganz modernen Gewand, im Kontext unserer spiritueller Weisheit entfremdeten westlichen Kultur mit ihren besonderen Problemen. Diese ergeben sich aus ihrem Materialismus, der in letzter Konsequenz die Identifikation mit dem vergänglichen Körper bedeutet und aus ihrer Anbetung des menschlichen Geistes, dieses unglaublich wichtig genommenen „Ich", die sich in der ungeheuren Verkomplizierung unserer Welt und der Abtrennung vom Sein niederschlägt.
Allein diese Frage bildet das Zentrum des sich aus der altindischen Advaita-Lehre herleitenden Weges der Selbsterforschung, den Ramana Maharshi den „Königsweg" nannte und den OM C. Parkin den radikalsten und den direktesten Weg zur Wahrheit, „das direkte Hindurchtreten durch die Illusion in diesem Moment" nennt. In diesem Buch spiegelt sich ein spiritueller Weg, der eigentlich gar kein Weg ist, weil er immer nur in vollkommener Konsequenz auf einen einzigen Punkt verweist, auf diesen Moment. Hier vermittelt sich eine Lehre, die ebenfalls eigentlich gar keine Lehre ist, weil sie den Fragenden immer nur in vollkommener Konsequenz auf sich selbst zurückwirft. Alles was zählt ist seine eigene Erfahrung und sonst gar nichts. So befindet er sich immer wieder allein „Auge in Auge mit sich Selbst" und mit der ihm als Werkzeug für die Selbsterforschung dienenden, nach innen weisenden, Frage „Wer bin ich? Wer bin ich wirklich?".
Dennoch bleibt er dabei nicht ohne Unterstützung. Der Lehrer, hier in der Form von OM C.Parkin, der sich wie jeder Advaita-Lehrer nur als eine Spiegelung des inneren Lehrers, des Selbst, versteht, was dem Titel des Buches seine eigentliche Dimension gibt, bietet ihm seine Hilfe an. Mit dem spontanen Wissen des Erwachten und der Kompetenz des Psychologen, der die westliche Psyche kennt, hilft er ihm das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen, geleitet er ihn tiefer nach Innen und dient als Katalysator für verblüffende und tiefgreifende Erkenntnisse, die auf der Grundlage eigener Erfahrung entstehen und die das gewohnte Bild von sich selbst und von der Welt in Frage und sogar auf den Kopf stellen. Fast wissenschaftlich nüchtern und präzise mit der ihm eigenen Klarheit und Direktheit, dennoch nicht ohne Humor, legt er die Wurzeln und die Knotenpunkte der vielfältigen und doch im Wesentlichen immer gleichen Leidensgeschichten bloß, seziert die toten, aus der Vergangenheit stammenden und auf die Zukunft projizierten Denkkonstrukte und die Täuschungen des menschlichen Geistes. Auch die größten Komplikationen und Leiden schaffenden Probleme reduzieren sich dabei immer wieder auf die drei kleinen Buchstaben „Ich".
Dieses Ich erweist sich als unendliche substanzlose Kette von Ich-Gedanken, die das Bewußtsein vernebeln, das Sein überlagern und die Illusion einer individuellen Persönlichkeit mit allen zu ihr gehörenden Problemen erzeugen. Der direkteste und radikalste Weg zur Wahrheit besteht darin, sich selbst ins Auge zu sehen, sich nicht mit den Täuschungen, den Wünschen, den Aufregungen, dem Lärm des Ich zu identifizieren, sondern in jedem Moment, in diesem Moment, durch die Illusion des Ich hindurch die Wahrheit zu erkennen, und die Wahrheit ist: ich bin nicht dieses Ich, sondern ich bin DAS, was darunter liegt: Stille, Einfachheit, Sein. Sein bedeutet aber nicht nur, wie es gerne mißverstanden wird, Glücklich-sein, sondern es bedeutet, sich in jedem Moment in direkter Erfahrung von dem berühren zu lassen, was jetzt hier ist, und das kann auch das Fühlen von Schmerz, von Zorn, von Angst sein.
"Der stille Geist ist der Schlüssel für alles. Um diese vollkommene Stille auszuhalten, muß auch die Bereitschaft da sein, auf dem Weg in die Tiefe und am Grund alles zu sehen, alles zu fühlen und alles zu hören. Sonst wirst du wieder in deine Gewohnheit fallen von Unruhe, Ausagieren, Beschäftigung, Betäubung..."
"Satsang ist nichts anderes als Sterbebegleitung, mit dem feinen Unterschied, daß es nicht um den Tod des Körpers geht, sondern um den Tod des Geistes und damit um die Geburt von Liebe, Intelligenz, Bewußtheit, Sein."
Dies ist kein Buch, das sich schnell und einfach durchliest. Es erfordert die Bereitschaft und Ernsthaftigkeit, sich einzulassen, es wirken, es einsinken zu lassen. Es ist ein Buch, das man nicht nur einmal oder zweimal, sondern in dem man immer wieder von neuem liest, das immer wieder neue Facetten der Wahrheit aufzeigt, neue Zusammenhänge erhellt und die eigenen Erfahrungen begleiten kann. Fast nebenbei klärt sich für den Lesenden während der Lektüre manches Mißverständnis über beinah selbstverständlich benutzte spirituelle Begriffe wie z. B. Gnade, den freien Willen oder Nicht-tun, deren Bedeutung oft viel komplexer ist als angenommen.
In den biografischen Notizen, die dieses Buch beschließen, beschreibt OM C.Parkin, wie er mit 27 Jahren in einem schweren Autounfall den "Schock des Absoluten" erfuhr und geradezu gewaltsam in ein völlig verändertes Leben hineingestoßen wurde. Hier scheint sich die Radikalität und Direktheit dieses Weges bis in das materielle Leben hinein manifestiert zu haben. Als er aus einem zweitägigen Koma erwacht, gibt es keine Identität, kein "Ich" mehr, sondern nur noch reine Wahrnehmung, unendliches Bewußtsein jenseits von Zeit und Raum. Erst später erkennt er, daß er sich nicht verloren, sondern gefunden hat, und daß durch einen Akt von unerhörter Gnade "die Täuschung dieses Wahrnehmungsstromes, an dem die ganze Menschheit leidet, unterbrochen wurde".
Anama Frühling