"Auge um Auge" lautet der biblische Titel der Sammlung politischer Artikel von Simone de Beauvoir. Die Stücke wurden in den Jahren zwischen 1945 und 1955 in der Zeitschrift "Les Temps Modernes" veröffentlichte, die Jean Paul Sartre, der Lebensgefährte von Simone de Beauvoir, gründete.
Im ersten Artikel prallen die Begriffe Moral und Politik aufeinander. Bereits vor mehr als 2500 Jahren inszenierte Sophokles den Kampf zwischen dem Idealisten, verkörpert durch die Person der Antigone, und dem Realisten, dargestellt am Beispiel des Königs Kreon. Gewinnen konnte schon zu jener Zeit keiner, der beiden. Aller Politik erscheint die Moral als leeres Gerede: "das herrschende Gesetz ist die Stärke". Die Moral hingegen ist ihrerseits in Verruf geraten, nicht erst seitdem wir aus der Tagespresse entnehmen dürfen, wie korrupt manch ein Politiker oder Manager ist, der in der Öffentlichkeit den Moralapostel spielte.
Wäre es nicht ehrlicher, sich offen zum Machiavellismus zu bekennen, fragt sich das verärgerte Publikum. Simone de Beauvoir widerspricht: "Moralisch sein heißt versuchen, unser Sein zu begründen". Sie erklärt, dass Realismus nicht ohne Idealismus auskommt: "Dann wird die Moral ihr wahres Gesicht finden; sie ist nichts anderes als die konkrete Handlung". Politik ist in die Zukunft gerichtet und orientiert sich an der Gesamtheit, während die Moral den Einzelnen und die Gegenwart betrifft. Leben findet nun einmal hier und heute statt und "die Zerrissenheit ist des Menschen Los, der Preis für seine Anwesenheit auf der Welt", resümiert de Beauvoir.
Der zweite Artikel entgegnet dem Vorwurf, der Existentialismus verkenne "die Größe des Menschen und schildere nur sein Elend". Simone de Beauvoir entkräftet die Vorwürfe, indem sie zeigt, dass die menschliche Misere nicht neu ist. "Jeder ist sich selbst der Nächste", lautet ein altes Sprichwort. Egoismus und Nützlichkeitsdenken bestimmen unser Handeln und werden von Religion und Scheinmoral nur dürftig kaschiert. Der Existentialismus fordert den Menschen auf, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und sich nicht der Bequemlichkeit hinzugeben. "Wenn der Existentialismus beunruhigt, liegt das also nicht daran, dass er am Menschen verzweifelt, sondern dass er von ihm eine permanente Anstrengung verlangt".
Der Artikel "Auge um Auge", nach dem das Buch benannt wurde, greift die Frage auf, nach welchen Kriterien eine Gesellschaft strafen sollte. Rache und Wut sind schlechte Ratgeber und Barmherzigkeit und Verzeihen sind eine Tugend. Dem Dilemma, dass eine Gesellschaft verstehen kann aber nicht unbedingt verzeihen darf und ein Richter objektiv Recht sprechen kann, aber der Leidenschaft des Augenblicks nicht gerecht werden kann, muss sich die Gesellschaft jeden Tag aufs Neue stellen.
Ist die Einbindung von strengem, logisch-philosophischem Denken in die subjektive Erzählwelt des Romans möglich? Diese Frage bejaht Simone de Beauvoir in dem Artikel "Literatur und Metaphysik" und führt als gelungenen Beweis die metaphysischen Romane von Dostojewski und Kafka: "Ein richtig geschriebener, richtig gelesener metaphysischer Roman enthüllt die Existenz, wie es keine andere Ausdrucksweise vermag".
Der abschließende Beitrag "Rechtes Denken, heute" analysiert das konservative Denken zwischen dem ersten Weltkrieg und der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Spenglers Untergangsmetaphorik löste im bürgerlichen Denken Angst aus. Valéry schrieb: "Unsere Zivilisation hat soeben entdeckt, dass sie sterblich ist". Zu dieser Angst gesellte sich Nietzsches Hoffnung einer Idee der ewigen Wiederkehr. Einer Elite, gelenkt von einem charismatischen Führer, bleibt es vorbehalten, die Kulturwelt zu retten. Das objektive Werk des Führers ist belanglos. Die Menschenmasse wird verachtet. Spengler bezeichnet sie als ein Nichts; Max Scheler tituliert sie gar als Bestie.
Der Konservativismus lehnt das Methodenwissen ab und liebt die dunklen Chiffren und Symbole der Esoterik und der Mystik. Diese erlauben ihm eine Flucht aus der Realität in die Transzendenz, in das Innere und in die Vergangenheit. Die Natur wird verheiligt und das Leben verachtet: "Vanitas vanitatum. Asche bist du, und zur Asche sollst du zurückkehren".