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Aufzeichnungen eines Toten: Roman: Roman - Sammlung Luchterhand
 
 
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Aufzeichnungen eines Toten: Roman: Roman - Sammlung Luchterhand [Taschenbuch]

Michail Bulgakow , Thomas Reschke
4.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Eine wunderbare Satire und scharfe Polemik gegen die Kulturpolitik des Russland der 30er Jahre.

Mit beißender Ironie und bitterem Sarkasmus beschreibt „Aufzeichnungen eines Toten“ (1936/37) Bulgakows Einstieg in die groteske Literatur- und Theaterwelt im Moskau der zwanziger Jahre.



Über den Autor

Michail Bulgakow wurde am 15. Mai 1891 in Kiew geboren und starb am 10. März 1940 in Moskau. Nach einem Medizinstudium arbeitete er zunächst als Landarzt, zog aber dann nach Moskau, um sich ganz der Literatur zu widmen. Er gilt als einer der größten russischen Satiriker und hatte zeitlebens unter der stalinistischen Zensur zu leiden. Seine zahlreichen Dramen durften nicht aufgeführt werden, seine bedeutendsten Prosawerke konnten erst nach seinem Tod veröffentlicht werden.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Vorwort
Ich möchte dem Leser von vornherein sagen, daß ich mit der Abfassung dieser Aufzeichnungen nichts zu tun habe und daß sie unter äußerst merkwürdigen und betrüblichen Umständen in meinen Besitz gelangt sind.
Just an dem Tag, an dem Sergej Leontjewitsch Maksudow im vergangenen Frühjahr in Kiew Selbstmord beging, erhielt ich einen Brief und eine dicke Kreuzbandsendung, die der Selbstmörder noch vor seiner Tat abgeschickt hatte.
Die Kreuzbandsendung enthielt diese Aufzeichnungen, und der Inhalt des Briefes war höchst erstaunlich:
Sergej Leontjewitsch erklärte, er scheide aus dem Leben und schenke mir seine Aufzeichnungen, damit ich, sein einziger Freund, sie durchsähe und unter meinem Namen herausgäbe.
Ein merkwürdiger Wunsch, aber sein letzter Wille!
Ein Jahr lang zog ich Erkundigungen ein, um Verwandte oder Angehörige Sergej Leontjewitschs ausfindig zu machen. Vergeblich! Er hatte in seinem letzten Brief nicht gelogen – er besaß keinen Menschen auf dieser Welt.
Ich nehme das Geschenk an.
Jetzt das zweite: Ich teile dem Leser mit, daß der Selbstmörder zu Lebzeiten sowohl zur Dramatik als auch zum Theater nie irgendwelche Beziehungen hatte. Er war immer nur ein kleiner Angestellter der Zeitung »Dampfschiffahrt« gewesen und hatte sich bloß ein einziges Mal als Schriftsteller hervorgetan und auch da ohne Erfolg – sein Roman wurde nicht gedruckt.
Maksudows Aufzeichnungen sind also die Frucht seiner Phantasie, einer leider kranken Phantasie. Er litt an einer Krankheit, die einen höchst unangenehmen Namen trägt – Melancholie. Als guter Kenner des Moskauer Theaterlebens verbürge ich mich dafür, daß es solche Theater und solche Menschen, wie sie im Werk des Verblichenen dargestellt sind, nirgendwo gibt und auch nie gegeben hat.
Und endlich das dritte und letzte: Meine Arbeit an den Aufzeichnungen bestand darin, sie mit Überschriften zu versehen und das Motto zu streichen, das ich anmaßend, überflüssig und unangenehm fand.
Das Motto lautete: »Und ich werde geben einem jeglichen unter euch nach euren Werken.«
Außerdem setzte ich fehlende Interpunktionszeichen ein.
Sergej Leontjewitschs Stil rührte ich nicht an, obwohl er recht schlampig ist. Aber was sollte man schon von einem Menschen verlangen, der zwei Tage nach dem Schlußpunkt seiner Aufzeichnungen kopfüber von der Kettenbrücke sprang.
Also …

1 Die Abenteuer beginnen

Ein Gewitterguß hatte Moskau am 29. April saubergespült, die Luft war erquickend, man fühlte sich beschwingt und bekam Appetit auf das Leben.
In meinem neuen grauen Anzug und einem recht anständigen Mantel ging ich durch eine Straße im Zentrum der Hauptstadt zu einem Haus, in dem ich noch nie gewesen war. Der Anlaß war ein Brief in meiner Tasche, den ich überraschend erhalten hatte. Hier ist er:

»Hochverehrter Sergej Leontjewitsch!
Ich möchte Sie schrecklich gern kennenlernen und ebensogern über eine geheimnisvolle Sache mit Ihnen sprechen, die Sie vielleicht ganz außerordentlich interessieren wird.
Wenn Sie Zeit haben, würde ich mich glücklich schätzen, Sie am Mittwoch um vier Uhr im Haus der Studiobühne des Unabhängigen Theaters begrüßen zu können.
Mit Gruß X. Iltschin.«
Der Brief war mit Bleistift auf ein Blatt Papier geschrieben, dessen linke obere Ecke die gedruckte Aufschrift trug:

»Xaveri Borissowitsch Iltschin
Regisseur der Studiobühne
des Unabhängigen Theaters«

Ich las den Namen Iltschin zum erstenmal und hatte nicht gewußt, daß es eine Studiobühne gab. Vom Unabhängigen Theater hatte ich schon gehört und wußte, ohne je dort gewesen zu sein, daß es ein hervorragendes Theater war.
Der Brief interessierte mich außerordentlich, zumal ich damals überhaupt keine Briefe bekam. Es sei erwähnt, daß ich ein kleiner Angestellter der Zeitung »Dampfschiffahrt« bin. Ich wohne in einem ziemlich miesen, aber separaten Zimmer im achten Stock, Bezirk Rotes Tor, nahe der Chomutowski-Gasse.
Ich ging also, atmete die erfrischte Luft und dachte daran, daß das Gewitter noch einmal zuschlagen würde, außerdem grübelte ich, woher Xaveri Iltschin von meiner Existenz wissen, wie er mich gefunden haben und was er von mir wollen mochte. Aber wie ich mir auch den Kopf zerbrach, das letztere blieb mir ein Rätsel, und endlich kam ich auf den Gedanken, daß er vielleicht mit mir das Zimmer tauschen wollte.
Natürlich hätte ich Iltschin schreiben sollen, er möge zu mir kommen, da er ja etwas von mir wollte, aber ich muß erwähnen, daß ich mich meines Zimmers, der Einrichtung und der Nachbarn schämte. Ich bin überhaupt ein Sonderling und ein bißchen menschenscheu. Man stelle sich vor, Iltschin kommt herein und sieht das Sofa mit dem geplatzten Bezug und der herausragenden Sprungfeder, der Lampenschirm überm Tisch ist aus einer Zeitung gemacht, eine Katze läuft rum, und aus der Küche tönt das Gezeter von Annuschka.
Ich durchschritt das Gittertor und erblickte eine Bude, in der ein grauhaariger Mann Abzeichen und Brillengestelle feilbot. Ich sprang über einen versiegenden trüben Regenbach und stand vor dem gelben Gebäude. Mir kam der Gedanke, dieses Haus müsse vor langer, langer Zeit gebaut worden sein, als Iltschin und ich noch gar nicht lebten.
Eine schwarze Tafel mit Goldbuchstaben verkündete, daß hier die Studiobühne sei. Ich trat ein, und sofort versperrte mir ein kleiner Mann mit Bärtchen den Weg; er trug eine Jacke mit grünen Kragenspiegeln.
»Zu wem wollen Sie, Bürger?« fragte er argwöhnisch und spreizte die Finger, als wolle er ein Huhn fangen.
»Ich muß den Regisseur Iltschin sprechen«, sagte ich, bemüht, meiner Stimme einen hochmütigen Ton zu geben.
Vor meinen Augen veränderte sich der Mann ganz außerordentlich. Er legte die Hände an die Hosennaht und lächelte ein falsches Lächeln.
»Xaveri Borissowitsch? Sofort bitte. Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen? Galoschen haben Sie nicht?«
Der Mann nahm meinen Mantel so sorgsam entgegen, als sei er ein kostbares Meßgewand.
Ich stieg eine Eisentreppe hinauf und erblickte ein Basrelief, behelmte Krieger im Profil und drohende Schwerter darunter, sowie altertümliche Kachelöfen mit Warmluftklappen, goldblank geputzt.
Das Gebäude schwieg, kein Mensch ließ sich blicken, nur der Mann mit den grünen Kragenspiegeln trottete hinter mir her, und wenn ich mich umdrehte, sah ich an ihm stumme Zeichen von Aufmerksamkeit, Ergebenheit, Achtung, Liebe und Freude darüber, daß ich gekommen war und daß er, obwohl er hinter mir ging, mich führte und dorthin geleitete, wo einsam der geheimnisvolle Xaveri Borissowitsch Iltschin wartete.
Plötzlich wurde es dunkel, die Öfen verloren ihren fetten weißen Glanz, Finsternis brach herein – draußen ging das zweite Gewitter nieder. Ich klopfte an die Tür, trat ein und erblickte endlich im Dämmerlicht Xaveri Borissowitsch.
»Maksudow«, sagte ich würdevoll.
In diesem Moment spaltete weit außerhalb von Moskau ein Blitz den Himmel und hüllte Iltschin für einen Moment in phosphoreszierendes Licht.
»Ja, Sie sind’s, liebenswürdiger Sergej Leontjewitsch!« sagte Iltschin und lächelte listig.
Er faßte mich um die Taille und zog mich zu einem Sofa, das meinem aufs Haar glich, sogar die Sprungfeder ragte an derselben Stelle heraus wie bei mir, genau in der Mitte.
Bis auf den heutigen Tag kenne ich nicht die Bestimmung dieses Zimmers, in dem die verhängnisvolle Begegnung stattfand. Wozu das Sofa? Was waren das für zerfledderte Noten, die in der Ecke auf dem Fußboden lagen? Warum stand auf dem Fensterbrett eine Waage mit zwei Schalen? Warum hatte mich Iltschin in diesem Zimmer erwartet und nicht zum Beispiel in dem Saal nebenan, in dessen hinterer Ecke sich im Gewitterdämmer undeutlich ein Konzertflügel abzeichnete?
Unterm Gebrummel des Gewitters sagte Xaveri Borissowitsch unheilschwer:
»Ich habe Ihren Roman gelesen.«
Ich zuckte zusammen.
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