Über das Werk selbst, das seine sehr offene und stellenweise recht brutale Kritik am russischen Leibeigenheitssystem kaum hinter dem unauffälligen Titel und der gediegenden, blumigen Sprache verstecken kann, äußere ich mich hier nur am Rande - in dieser Rezension möchte ich die neue Übersetzung von Peter Urban in den Mittelpunkt stellen. Lassen wir doch zum Vergleich der älteren, inzwischen gemeinfreien Übersetzung von Eliasberg mit dieser neuen hier die Übersetzer selbst zu Wort kommen.
Eliasberg übersetzt eine Stelle in "Mein Nachbar Radilov":
"Ein frischgesäuberter Weg führte uns bald aus dem Lindenwäldchen, und wir kamen in den Gemüsegarten. Zwischen den alten Apfelbäumen und verwilderten Stachelbeerstauden leuchteten runde, hellgrüne Kohlköpfe; der Hopfen wand sich schraubenartig um die hohen Stangen; braune Stäbe, von vertrockneten Erbsenranken umwunden, standen in den Beeten eng beieinander; große flache Kürbisse lagen wie hingeworfen auf der Erde; die Gurken leuchteten gelb unter den verstaubten, eckigen Blättern; links, längs des Zaunes aus Flechtwerk, wogten hohe Nesselstauden; an zwei oder drei Stellen wuchsen gruppenweise tatarisches Geißblatt, Holunder und Hagebutten, die Überbleibsel der einstigen Anlagen. Neben dem kleinen, mit rötlichem und schleimigem Wasser angefüllten Fischkasten sah man einen von Pfützen umgebenen Brunnen. Enten plätscherten und watschelten geschäftig in diesen Pfützen; ein Hund lag auf der Wiese und nagte, am ganzen Körper zitternd und mit den Augen blinzelnd, an einem Knochen; eine gescheckte Kuh rupfte in der Nähe Gras und warf zuweilen den Schwanz auf ihren mageren Rücken."
Urban setzt diese Stelle eigentlich nur unwesentlich anders:
"Ein vor kurzem erst gepflegter Weg führte uns aus dem Lindenhain hinaus; wir betraten den Gemüsegarten. Zwischen alten Apfelbäumen schimmerten blaßgrün runde Kohlköpfe; Hopfen wand sich in Spiralen an hohen Stangen empor; eng ragte auf den Beeten dürres Geäst, umspannt von trockenem Erbslaub; große flache Kürbisse wälzten sich förmlich über die Erde; Gurken gilbten unter den verstaubten gezackten Blättern; entlang des Flechtzauns wogten hohe Brennesseln; an zwei oder drei Stellen wuchsen zuhauf: tatarisches Geißblatt, Holunder, Heckenrosen - die Reste ehemaliger "Blumenrabatten". Neben einem kleinen Fischbehälter, der mit einem rötlichen und schleimigen Wasser gefüllt war, sah man den Brunnen, umgeben von kleinen Pfützchen. Enten watschelten und plätscherten in diesen Pfützchen; auf einem Stück Wiese nagte, am ganzen Körper zitternd, ein Hund an einem Knochen; eine gescheckte Kuh rupfte hier träge am Gras, von Zeit zu Zeit den Schwanz auf ihren mageren Rücken werfend."
Das Stehenlassen russischer Wörter betrachte ich etwas zwiegespalten - wenn es sich um typisch russische Eigenheiten handelt, wie "Barin" oder ähnliches, für die es eigentlich keine deutsche direkte Entsprechung gibt, dann finde ich das gut. Andererseits lässt Urban aber auch "Telega" stehen, für das Eliasberg "Karren" setzt, ohne wirklich etwas an Inhalt zu verlieren, ähnlich "Armjak" etc. Solche Nichtübertragungen halte ich für Exotisierungen, die man als Übersetzer besser meidet.
Für den interessierten Leser bleiben somit hauptsächlich die 3 "neuen", erstmals übersetzten Geschichten; ansonsten kann man sicherlich auch heute noch auf die inzwischen gemeinfreie und damit kostenlose Eliasberg-Übersetzung zurückgreifen. Wer aber das Vorhaben, Übersetzungen fremdsprachiger Werke immer aktuell zu halten, unterstützen will - und das ist ein sehr unterstützenswertes Vorhaben - muss Urbans Übersetzung allein schon deswegen kaufen. Persönlich finde ich Urbans Übersetzung etwas sprachmächtiger und gediegener.
Die Ausstattung ist sehr gelungen: Ein kleiner Hardcover-Band im Miniformat mit hochwertigem Papier, guter Bindung, Lesebändchen und einem dezent gestalteten Schutzumschlag machen trotz der Größe echt was her. Viele Anmerkungen in Form von Endnoten und ein interessantes Nachwort über Turgenev selbst und die Übersetzungsgeschichte des vorliegenden Werks komplettieren das ganze.