Der wunderbare Dünndruckband enthält neben einem der berühmtesten Werke der Weltliteratur, den "Aufzeichnungen aus einem Toten Haus" noch die Erzählungen
-Njetotschka Neswanowa
-Eine dumme Geschichte
-Winteraufzeichnungen über Sommereindrücke.
Das Buch ist eine Neuausgabe der klassischen Piper-Dostojewskiausgabe aus den Jahren 1920 -1926 in der sehr angesehenen Übersetzung von Frau Rahsin, die heute allerdings stellenweise ein wenig altertümlich wirkt.
Das Kernstück des Bandes sind die "Aufzeichnungen", der autobiographische Bericht über die Zeit des Dichters im sibirieschen Zuchthaus. Dostojewski wurde am 23.4.49 mit 27 Jahren wegen "Beteiligung an verbrecherischen Absichten" verhaftet. Am 22.12. 49 sollte das Urteil durch Erschießen öffentlich vollstreckt werden. Auf dem Schafott "begnadigte" der Zar die Aufrührer zu Zuchthaus und Arbeitslager. Am Weihnachtsabend 1850 ging es im offenen Schlitten auf eine vierwöchige Reise nach Omsk in Sibirien.
Die Erfahrungen im Zuchthaus werden von Dostojeweski sehr eindringlich beschrieben. Man erhält einen lebendigen Eindruck der grauenhaften Bedingungen. Nicht nur die Hygiene der damaligen Zeit, die Willkür der Aufseher, die täglichen Bestechungen, um sich das Leben ein wenig einfacher zu machen, nicht nur diese allgemeinen Eindrücke machen das Buch schon lesenswert. Es ist auch die psychologische Studie des Adelsmannes, der unter Mördern und Dieben leben muß, die feinen Grenzen der Stände und die durch die Lagerhaft erzwungenen Gemeinsamkeiten. Der Liebhaber der Werke Dostojeweskis findet in diesem Werk von 1861 alles, was sich später in den großen Romanen wiederfindet.
Die Mutter aller Zuchthausbücher (Vorbild für Tschechovs Bericht von der Insel Sachalin, Solschenizins Archipel Gulag) ist auch unter zwei weiteren Gesichtspunkten interessant:
So grausam der Zuchthausaufenthalt für Dostojewski war und so ungerecht (er hatte lediglich einen aufrührerischen, gesellschaftskritischen Brief vorgelesen), so bewirkte die Strafe tatsächlich das, was sie sollte, nämlich eine "Besserung" der Insassen. Dostojewski, vorher noch Sozialist und zumindest regimekritisch, wurde nach seiner Entlassung entschiedener Gegner aller westlichen Modernisierungsideen, hieß den Zar und die orthodoxe Kirche gut und kehrte selbst tiefreligiös an seine Arbeit zurück.
Der zweite wichtige Aspekt ist das gesellschaftliche Entsetzen bis in die Regierungskreise hinein, als dieser unter den Augen der zaristischen Zensur erschienene Tatsachenbericht monatsweise in Zeitschriften veröffentlicht wurde. Er führte zu einer Änderung der Verhältnisse.
Die beigelegten drei Erzählungen -immerhin noch einmal rund 400 Seiten- sind vor allem unter der Entwicklung des schriftstellerischen Werdens des Dichters interessant. Sie betreffen die Schaffensperiode vor und nach der Verhaftung, sind also mit der Angst vor der Zensur im Nacken geschrieben. Sie enthalten hochinteressante psychologische und gesellschaftskritische Studien, die für den Liebhaber Dostojewskis Preziosen, aber sicherlich nicht so spannend zu lesen sind, wie die Zuchthausbeschreibung.
Die Amazonredaktion hat es sich beim "Reinlesen" ein wenig einfach gemacht und den Anfang des Buches abgedruckt. Wer sich das Buch nicht virtuell kauft, sondern in einer Buchhandlung möglicherweise erst einen kurzen Blick hereinwerfen möchte, sollte dies auf S. 183 tun:" Als wir die Tür zur eigentlichen Badestube aufmachten, glaubte ich, die Hölle vor mir zu sehen. Man stelle sich eine Stube von ungefähr 12 Schritte Länge und gleicher Breite vor, in der vielleicht 100 Menschen eingesperrt sind...Ein Dampf war in dem Raum, daß es einem Dunkel vor den Augen ward, dazu Qualm, Schmutz und eine Enge, die keinen Fuß breit Platz zeigte..."