Cioran auf Ibiza! Ist das ein Witz? Was treibt er dort? Man scheut sich, es als "Urlaub" zu bezeichnen - bei einem Manne, aus dessen Feder Werke wie "Gevierteilt" oder "Vom Nachteil, geboren zu sein" flossen.
So quält ihn also die Sonne, und in den vier Wochen im Sommer 1966, in denen er auf der balearischen Insel weilt, grübelt er abwechselnd darüber, dass er a) besser in Paris geblieben wäre, im "Norden", wie er das nennt, oder b) ihm das Mittelmeer eben doch Linderung verschafft, wenngleich die anderen braun werden, er aber bleich bleibt, denn am Strand ist er meistens nur nachts um drei.
Das kleine Tagebuch, das er in der Ortschaft Talamanca führt, beginnt, typisch Cioran, mit der Überlegung, am besten stürze er sich von den Klippen. Locker untergemischt sind theologische Gedanken, so dass es sich verbietet, den permanenten Flirt Ciorans mit dem Selbstmord als Neo-Nihilismus zu bezeichnen. Eine besondere Vorliebe hat der Sohn eines orthodoxen Priesters, hier und in seinen anderen Texten, für häretische und apokryphe Schriften, und so reflektiert er auf Ibiza über eine Jesus zugeschriebene frauenfeindliche Bemerkung aus dem Thomas-Evangelium. Auch Ciorans Skepsis gegenüber dem sog. "Fortschritt" kommt nicht zu kurz: Die Einheimischen waren glücklicher, als es auf Ibiza noch keine Touristen gab. Jetzt rackern sie sich ab, haben keine Ruhe mehr, aber "sie essen besser". Am 6. August, dem Jahrestag von Hiroshima, träumt Cioran vom Atomkrieg, und in sein Heft schreibt er: "Jeder Mensch, der einen Motor nur berührt, beweist, dass er ein Verdammter ist".
Alles in allem liegt also ein echter, typischer Cioran auf dem Büchertisch. So kennt und liebt man den Alten aus vielen Werken und so hätte er wohl auch am Nordpol geschrieben. Deshalb wirkt das von Verena v. d. Heyden-Rynsch geschriebene Nachwort gesucht. Dort wird mit großem Pathos der untaugliche Versuch unternommen, den Notizen, da sie auf einer spanischen Insel entstanden, eine Art "Hispanizität" in Ciorans Philosophie unterzulegen. Die mag es geben, jedoch ist das beileibe keine Besonderheit der "Aufzeichnungen aus Talamanca". Um Teresa v. Avila etwa kreiste Ciorans Denken schon, als er in den 30er Jahren noch in Rumänien war.