Da sitzt einer in einem Kellerloch und hält eine Brandrede gegen Fortschritt als Menschheitsziel und Glücklichsein als Lebenszweck. Es ist eine große Verweigerung den sozialen und humanen Ideen gegenüber, ein Plädoyer für das Individuum, das sich auch in Not und Elend in seiner Individualität behauptet, ja gerade erst durch diese Erfahrungen zu seiner Individualität findet. In psychologischer (nicht chronologischer) Hinsicht ist die Rede des Kellerlochmenschen gewissermaßen eine Antwort auf die Rede des Großinquisitors aus den Brüdern Karamasow. Der Großinquisitor steht für alles, was dem Kellerlochmenschen verhasst ist: Das Glück des Brotes, das Glück der Unfreiheit, das Glück der sinnstiftenden, kollektiven Ordnung. Der Kellerlochmensch lehnt all das ab, aber nicht im Namens eines anderen, anspruchsvolleren, besseren Glücksmodells, sondern weil er das stille Glück selbst als Lebensziel ablehnt:
"Denn vielleicht liebt der Mensch nicht allein die Glückseligkeit? Vielleicht liebt er im gleichen Maße auch das Leiden? Vielleicht ist für ihn das Leiden ebenso vorteilhaft wie die Glückseligkeit? Und zuweilen liebt der Mensch das Leiden fürchterlich, bis zur Leidenschaft. (...) Indessen bin ich davon überzeugt, dass der Mensch auf wirkliches Leiden, das heißt auf Zerstörung und Chaos, niemals verzichten wird."
Solche Gedanken standen schon im Zeitalter Dostojewskijs im Widerspruch zum humanistisch-sozialistischen Zeitgeist, galten als rückständig, politisch reaktionär, religiös verbrämt. Heutzutage käme wohl noch eine psychopathologische Klassifizierung hinzu. Wer das Glück der Herde so brüsk ablehnt, kann nicht ganz normal sein. Aber gerade das kann und will der Kellerlochmensch ja nicht sein. Er bezieht seinen Grenzposten, das Kellerloch und beunruhigt uns mit seinen Gedanken über Freiheit und Glück.
Der zweite, deutlich längere Teil der "Aufzeichnungen" gibt eine Episode aus dem Leben des Kellerlochmenschen wieder. Bevor er Philosoph im Kellerloch wurde, war der Kellerlochmensch Kanzleibeamter. Und schon damals ein Außenseiter, ein schwieriger, von Selbstzweifeln geplagter Mensch. Ein Abendessen mit ehemaligen Klassenkameraden wird zu einem Fiasko. Was immer er bei seinen Kameraden gesucht haben mag, er erhält Demütigungen und Erniedrigungen. Anschließend besucht er ein Freudenhaus und trifft dort auf die Prostituierte Lisa. Und hält ihr eine flammende Rede gegen die Prostitution. Für einen Augenblick sieht es so aus, als könnten die beiden Außenseiter einander retten. Aber der Kellerlochmensch ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt und im Grunde unfähig, sich einem anderen Menschen emotional zu nähern. Es ist die Geschichte von einem, der sich nicht in den Strom des Lebens und Liebens einfügen kann und will, der darunter leidet und doch seinem Leiden einen Sinn abringen will. Und sei es auch nur als Philosoph im Kellerloch.