Es ist der 11.September in Paris an dem Rilke seine Aufzeichnungen beginnt. In Verbindung stehen das Landleben und die unstete Großstadt, die schon zu Beginn der Aufzeichnungen den Tod verheißt. Aktueller denn je, sieht man auf die aktuelle Oktoberausgabe von "brand eins" und die Themen großer Unternehmen wie IBM und Philips rund um den "Smarter Planet" und den "Smarter Cities". Das Auffinden von Zusammenhängen ist der proustschen Liebe entlehnt, Gemeinsamkeiten zu finden, in denen man auflebt.
Rainer Maria Rilke (1875-1926) ist bis heute einer der bekanntesten Dichter deutscher Sprache und zugleich einer der umstrittesten. Vielen gilt sein Werk als Inbegriff dichterischer Schönheit, vielen anderen dagegen als Ansammlung von Kitschprodukten. Seine Lyrik, die in den "Neuen Gedichten" (1907/08) sowie in den
"Duineser Elegien" und den "Sonetten an Orpheus" (beide 1923) ihre Höhepunkte erreicht, versucht intensivierte Wirklichkeitswahrnehmung mit gesteigerter Innerlichkeit zu verschmelzen. Sein einziger Roman "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" ist einer, der, wenn auch spät erkannten, bahnbrechenden Prosatexte des 20. Jahrhunderts. Begonnen mit den Erfahrungen in Paris in den Jahren 1902/1903, aufgenommen und verarbeitet in Rom 1908 kam der Roman 1910 zur Vollendung und Veröffentlichung.
Malte Laurids Brigge, abstammend aus dänischen armen Adelhaus, entflieht nach dem Tod des Vaters der ländlichen, im Kindesalter als wohl erlebten Umgebung und findet sich der Großstadt Paris konfrontiert, wo Stille laut und das Sterben in den Hospitälern verbunden mit Krankheit und Angst an der Tagesordnung sind. Sein Leben will er nun Revue passieren lassen. Rilke verwendet seinen Malte als "Monsieur Teste", als Zeuge des eigenen Lebens und dessen Bewältigung. Aufgeteilt in 71 Aufzeichnungen (Axx), diese wiederum geteilt in drei Sinn-Abschnitte, die die unterschiedlichen Zeiten, Denkvorgänge und Bilder des gespiegelten, interpretierten und tatsächlichen Lebens von der Jugend an offenlegen.
Rilke ist in erster Linie Lyriker. Auch wenn sich in den "Aufzeichnungen" nichts Lyrisches finden lässt, ist es ein prosaisches Gedicht. Präzise in der Formulierung findet man Gefallen und als Leser wächst man mit und droht doch Zugrunde zu gehen. Die Abschnitte sind Gedankenblitze eines Lebens, eines Lebens, welches komprimiert und kompromisslos die Zeiten ineinander zwirbelt, um die vermeintliche und mögliche Zukunft beherrschbar zu halten.
Dieser Roman ist ein Tagebuch und doch mehr, weil er mit dem Autor die Fülle des Lebens beherrscht, dieser über sein und Maltes Leben in Tiefe philosophiert und zu einem Ergebnis führt, welches in begründeter Weise allzeit offen ist und zwischen dem Sicheren und Möglichen, zwischen dem Nicht-Mehr-Sein und dem Noch-nicht-Sein oszilliert, auch wenn "man gut tut, gewisse Dinge, die sich nicht mehr ändern werden, einfach festzustellen [...]" (A56)
Herauszuheben sind die Anfangsaufzeichnungen eines neuen Lebens in Paris, wo die Gesichter bis zur Unbrauchbarkeit gewechselt werden (A 5). Vor allem A 32 als Validierung des Möglichen. Wie Stephane Mallarme, Rilkes Vorbild im Symbolismus, in "Die Fenster" feststellt, "der im Genuss nur lebt, den die Begierde füllt" , wo Spiegel und Fenster zu Metaphern einer anderen Welt werden. Der Spiegel hier als Mimesis der Wirklichkeit oder als Objekt des Hindurch-Schreiten-Könnens wie Alice, um in ein neues Wunderland zu gelangen. Es ist vielleicht kein Zufall, wenn Shakespeares Sonett 151 Pate gestanden hat für A51 und der Hinführung auf A52, wo Rilke, Lyrik und Erotik mit den Bildern vereint, die allzu lüstern "die Dinge sehen". "Die Seele spricht zum Leib: Du hast gewonnen!", so finden wir bei Shakespeare die Vollendung der Verführung, wo das Fleisch nicht mehr widersteht, es triumphiert und A52 weiß dieses phantasievoll zu begreifen, "darinnen Dinge von beschränkten und regelmäßigen Gebrauchen sich ausspannen und sich lüstern und neugierig aneinander versuchen."
Nur dieses sind die Ausflüchte aus dem realen Leben und die Einsamkeit entsteht, wenn der Vision mehr Beachtung geschenkt ist als dem Realen. Und diese Einsamkeit befällt auch Malte, der als Letzter der Familie nach seines Vaters Tod ohne Nachfahren das Ende des "Familienherzes" sieht. Erinnerung erneut an Shakespeare: Sonett III: "Sieh in den Spiegel [...] Nun ist es Zeit, dass dies Bild neu entsteht" und es endet "doch lebst du, dich nicht weiter zu vererben, stirb einsam, und dein Bild wird mit dir sterben." Diese Einsamkeit und die daraus resultierende Furcht ist ein großes Thema bei Rilke, doch lässt er seinen Protagonisten Malte nicht dem Stress entfliehen. Vielmehr muss er sich der Gretchenfrage stellen und die Haltung zur Religion, zu Gott schlechthin stellen. Und die Parabel vom verlorenen Sohn (A71) kommt nicht von ungefähr. Rilke weiß sich Atheistisch, doch er weiß auch, dass es Atheismus ohne Gott nicht geben kann. Und einer der anerkannten Gottesbeweise ist genau diese biblische Parabel vom verlorenen Sohn, bei Rilke als "Legende dessen, der nicht geliebt werden wollte", weil er "das ungefähre Leben der Familie nicht nachlügen" wollte.
Auf die Fragen der Liebe trifft Malte, "ohne Hoffnung auf die Liebe, die ihn durchbrach", am Ende (A71) bleibt nur einer, der imstande ist, ihn zu lieben, "aber der wollte noch nicht". Sicherlich nur aus Angst vor der Liebe, solange Liebe festhält und noch kein Kind der Freiheit ist. ("Du machst mich allein. [...] weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest"; A69 und weiter in A71"den geliebten Gegenstand mit den Strahlen seines Gefühls zu durchscheinen, statt ihn darin zu verzehren".) Nur so: in Freiheit und mit Vertrauen ist wahre Liebe möglich. "Dies alles auf sich nehmen und vergebens vielleicht Gehaltnes fallen lassen, um allein zu sterben, wissend nicht warum - Ist das der Eingang eines neuen Lebens?", so schreibt Rilke selbst in seinem
Stundenbuch zum Verlorenen Sohn.
"Ich lerne sehen", vielleicht die Kernbotschaft eines wunderbaren Romans, hier als Werk der von aktueller Wahrnehmung und Erinnerung, als Dialektik des Inneren und des Äußeren, des Immanenten und Transzendenten, des Vergänglichen und Unendlichen. Die Frau, die ihr Gesicht in zwei Händen hält, die Wunden des Ermordeten, der seine Maske nicht abnimmt bis zu den Erfrorenen, die aus dem Eis geholt, ihr Gesicht verlieren. Alles ist Sehen, ersehnte Wahrnehmung bei Rilke, es ist wie eine physisch-psychische Anspannung im Menschen, nichts zu verpassen, alles wahrzunehmen. Denn Sehen ist Daseinsverständnis, gelingt nicht die Integration ins Leben, ist das Leben Stückwerk - niemals ein Ganzes. [Denn Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser prophetisches Reden; wenn aber das Vollendete kommt, vergeht alles Stückwerk. (1Kor, 13,9-10)] Und hier beginnt die Furcht vor dem vollendeten Leben, die die Vereinzelung Maltes beschleunigt.
Maltes Zukunft bleibt offen. Malte ist ein Spiegel des Menschen, der die letzten Fragen sich selbst beantworten muss. Scheinbar erst die wahre Wahrnehmung des Leidens schafft Perspektiven. Ewig bleibt die Liebe in subjektiver Freiheit. "Er stürzt sich ins Erlernen wie ein Läufer in die Wette." [...] gezwungen, "Glück zu wissen" in "Geduld zu erreichen" zu verwandeln.
Trotz aller Euphorie eine Warnung: Der scheinbar geringe Umfang verlangt auf Grund der Dichte höchste Aufmerksamkeit. Dann aber bietet das Werk Inspiration satt. Ein wirklich großes Werk.