Aus der Amazon.de-Redaktion
Die Aufzeichnungen entstammen dem privaten Notizbuch, sie sind ein Sammelsurium im positiven Sinne, in dem sich scharfzüngige Aphorismen, Zitate oder Anekdoten finden, beispielsweise über Albert Schweitzers Papagei Schaggo, der "Französisch und Baseldeutsch, zudem mehrere afrikanische Sprachen und Dialekte" sprach. Neben Reflexionen über das eigene Leben und Schreiben stehen Portraitskizzen, wobei die Erinnerungen an Franz Steiner ein eigenes Kapitel über sechs Seiten umfassen. Die wenigen, scheinbar unfertigen Notate, fordern in ihrer Kürze um so mehr das Nachdenken heraus ("Träge Gleichnisse."). Offenkundig von Karl Kraus geprägt sind die doppelbödigen Aphorismen; Elias Canetti, der bei ihm vor Jahrzehnten Vorlesungen gehört hatte, war sich dessen bewusst: "Noch jetzt, noch immer empfindet er Karl Kraus als seinen Privatmachthaber".
Eines der großen Themen, die Canetti während seines Lebens und insbesondere an dessen Ende aufgreift, ist der Tod, den er als Skandal ansieht; es komme darauf an, dass man ihn "selbst in Schmerzen moralisch verabscheut". Illusionslos blickt Canetti, "ein Monstrum, das sagen kann: 'vor fünfzig Jahren'", auf sein Leben zurück: "Ich habe wenig gesehen, ich war an wenig Orten, ich bin den Wenigsten von denen begegnet, die meine Lebenszeit ausgemacht haben (...) Ich habe die Illusion meines Lebens, die bis vor wenig Stunden bestand, plötzlich verloren". Canetti, der große Autobiograph deutscher Sprache, wurde am Ende seines Lebens keinesfalls milde, am wenigsten gegenüber sich selbst. "Solange ich atme, schreibe ich", notiert er: "Aber höre ich noch zu?". Elias Canettis letzte Aufzeichnungen, "Gedanken, die von ihrer eingeborenen Trauer leben", verlangen ein sehr genaues Zuhören. --Matthias Kehle -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .
Neue Zürcher Zeitung
Wissen ist Ohnmacht
Späte Aufzeichnungen von Elias Canetti
Hat Elias Canetti ein Vermächtnis hinterlassen, ein Testament? Finden sich letzte Worte, in welchen eine andere, neue Wahrheit aufschiene? Wer so fragte, verkennte den Lebenswillen des Schriftstellers, der stets ganz bei sich war und keine Anstrengung scheute, Tod und Vergänglichkeit fernzuhalten, mit der Kraft des Denkens zu bannen. Das vitale, kämpferisch gegen jeden möglichen Verlust gerichtete Dasein ist alles. Es ist zugleich die Fülle der Weltschöpfung und der Stolz jeglicher Kreatur. Nichts Schrecklicheres als das Nichts, als Auflösung, Verschwinden und Vergessen. Daher denn gilt und bis ans Ende gelten muss: aus den Hypostasen der Diesseitigkeit folgt niemals jene Einstellung, die den Abschied der Existenz anders denn als das grosse Skandalon zu meditieren vermöchte.
So liest es sich in Canettis Werk, so liest es sich weiter, hinein in die späten Aufzeichnungen, die in den Jahren zwischen 1992 und 1993 entstanden sind. Der alte Meister sagt, wie eh und je, «ich»; darin eingefasst: Selbstbehauptung und Allüre, Überlegenheit und Eigenlob, das Insistieren auf der Leistung und ein wiederkehrender Argwohn, dass ihm die Rezeption (noch) manches schuldig geblieben sei. Er sagt auch «er» und meint, neben Nietzsche und Musil, neben Kafka und Joyce, wiederum sich selbst. Ich, oder du, oder er: ein Sog, dem die Themen und Motive entgegenfliehen.
Und worum geht es? Ums Kleinste wie ums Grösste, um Introspektion und Beobachtung am Alltag, um Weltgeschichte, um den literarischen Ruhm. Sätze, die zum Epigramm geschliffen sind, wechseln mit ausholenden Betrachtungen, Autobiographisches durchbricht den philosophischen, auf das Allgemeine zielenden Gestus. «Du magst dich stellen, wie du willst, mild und verzeihend, Verachtung bleibt in deinem Zentrum, und wirklich hast du etwas zu sagen, wenn du etwas verachtest.» Die Opfer solcher Verachtung: zum Beispiel Machthaber aller Couleur, aber auch Schwätzer und Dummköpfe, Schriftsteller wie Nietzsche und Sartre. Alsbald er sein Bekenntnis überhöht, indem er schreibt, dass die Orthodoxie jeder Religion auf Verachtung baue. «Ist es das, was Religionen am Leben hält?»
Am Leben sich halten, darauf kommt es an. Und wie er einst zeigen wollte (nämlich in dem Essay «Masse und Macht»), dass alle Macht unterschiedslos nur Tod und Vernichtung im Sinn habe, reflektiert er hier nochmals über Techniken und Strategien der Selbsterhaltung, welche «Macht» eindämmen könnten. Dies soll gelingen, wo das Terrain ihrer Herrschaft verlassen wird sei es, dass der Einzelne mit der Masse verschmilzt, sei's, dass er (dem Demiurgen gleich) die Energien aus sich heraus schöpft. Also Verachtung, doch kaum je Anerkennung. «Er anerkennt keinen Feind. Niemand sei stark genug, sein Feind zu sein.» Oder anders: noli me tangere; siegreich besteht das Leben, wer innerlich unberührt bleibt.
Und von Unberührtheit und Unberührbarkeit ist in den Aufzeichnungen allerdings oft die Rede. Als ob ihn eine magische Scheu daran hinderte, die eigene Identität energischer zu befragen, als ob mit der Prüfung von Seele und Geist, mit jeder entschiedenen «Aufklärung» ein Schwund der Lebenskraft, des élan vital einherginge, wird das Ich sorgfältig abgeschirmt von allen Kontakten und Kontaminationen. Dazu zählen potentielle Vorbilder und Vorläufer, auch Autoren, welche die Inspiration beflügelt haben könnten. Nicht ohne einen leisen Widerstand gesteht er: «Jede noch so kurze Wiederbegegnung mit Musil gibt mir das Gefühl, dass ich nicht da war.» Doch sogleich der nächste Satz: «Sonst, sonst immer, ist mein Selbstgefühl intakt.»
Musil ist die Ausnahme. Um so heftiger darf er andere zurückweisen, Lévi-Strauss etwa (dessen Arbeiten zum Mythos ihm unverständlich seien), Merleau-Ponty, James Joyce. Da kehrt, feiner gestimmt, die Verachtung wieder die er als staunenswertes Phänomen zwar beobachtet, aber nicht weiter untersucht. «Erstaunlich, dass ein höchst menschenfreundliches Wesen mit solcher Intensität verachten kann.»
Ob es denn so erstaunlich ist? Der Menschenfreund tritt als Philanthrop der Gattung gegenüber auf; sie ist ihm Ausdruck und Gestalt des Bios. Teilt sie sich indessen auf, verkörpert sie sich in diesem und jenem, findet sie zur Unverwechselbarkeit des Einzelnen, so muss er's als Irritation, als Störung seiner Unversehrtheit empfinden. Abwehr Verachtung. Und es wird verstehbar, weshalb er alles Psychologische, Psychologie und Psychoanalyse mit Ingrimm von sich weist. «Psychologie, erträglich, wenn sie die Rätsel, die sie zu lösen vorgibt, vergrössert.» Etwas später: «Interessant wird Freud erst werden, wenn er lange völlig vergessen war.»
Die Nähe ängstigt. Die Nähe des Anderen, der eigenen Schatten und Abgründe nagt an der Autonomie. Und das Wissen, das aus der Unbefragtheit der Mythen zur Erkenntnis vorstösst, schmälert diese Autonomie: insofern es das vormals kompakte, «archaische» Selbstbewusstsein zersetzt Zug um Zug darüber aufklärt, unter welchen Bedingungen und Voraussetzungen unser Dasein in die Welt gestellt ist. Für die Psyche spannt sich die Skepsis von Montaigne bis zu Freud, für die sozialen Gebilde und Ordnungen führt sie von Hobbes und Rousseau bis zu Max Weber und Arnold Gehlen. Wir sind geteilte, gebrochene Wesen; so lautet die Lehre der Moderne. Aus dem «Tier» der Frühzeit hat sich der Geist des unbehausten, an sich selbst zweifelnden Lebens entwickelt. Rückkehr kommt nicht in Frage.
Auch er weiss dies und will es wiederum nicht wissen. Bleibt die Wucht der Verdrängung, das Aufbegehren wider Geschichte und Philosophie, wider «Strukturen» und «Diskurse»; wider alles, was uns von den Ursprüngen entfernt und entfremdet haben könnte. Deshalb, umgekehrt, die Liebe zum Tier. «Glücklich begann heute der Tag, mit sechzig geretteten Walen. Sternlicht zutiefst im Meer.» Deshalb, dagegen, die Neigung zum Mythos, die Faszination der Namen. Deshalb das ständige Bemühen, zugleich das Unvermögen, eine politische Theorie à rebours, gegen den Strich zu entwerfen. Kaum ein anderer berühmter Autor hat sich darin so masslos überschätzt.
Künstler ist er allerdings. Und will's hier, in den Notaten, gewesen sein mit den Zeichen und Malen eines Erwählten, auch dann, wenn die Geste der Demut regiert. «Enttäuschung über ein Leben, das vermeintlich keines war.» Mit dem zweiten Absatz: «Aber es war doch mehr als eines, es war ein Leben für Viele, Angst für Viele, Erwartung für Viele, und wenn auch sehr selten: Gelingen. Nicht einmal Glanz hat diesem Leben ganz gefehlt, mit ihr, deren Atem du gehalten hast, warst du in Stockholm, und von den Frauen der Gepriesenen war sie die Schönste.»
Thomas Mann, in manchem ihm verwandt, wenngleich der grössere, überlegenere Stilist, hätte vielleicht ähnlich formuliert. Der Künstler lebt in der radikalen Konzentration auf sich selbst, er schützt und pflegt das Wollen, den Akt der schöpferischen Begierde; Gerechtigkeit ist von ihm zuletzt zu erwarten. Das andere ist die Kunst, das Werk: wie es geschrieben steht. Wie es sich vom Autor entfernt und befreit und schliesslich selber trägt. Wie es zum «Text» wird, dessen Gewebe mehr ist, als je in einer einzelnen Absicht gelegen haben könnte. Es mag dem Wunsch des Kindes entsprechen, dass solche Ablösung vom Erschaffer nicht geschehe. An einer Stelle der Aufzeichnungen bekennt Elias Canetti, wenige Worte seien ihm so zuwider wie das Wort «Text». Nichts verlieren. Nichts verschenken.
Martin Meyer