Das kleine Büchlein aus der Reihe 'GFK mit Kindern' kommt ganz unprätentiös daher. Mit gut hundert Seiten ist es eher schmal, und wirkt auch durch das Softcover unscheinbar. In einer angenehm alltagsnahen Sprache geht die niederländische Autorin Justine Mol den Fragen nach, welche Nachteile Belohnungen haben und welche Alternativen es dazu im Umgang mit Kindern gibt. Obwohl der Untertitel das Strafen mit einbezieht, spielt dieses im Buch kaum eine Rolle. Bei der Lektüre wird schnell klar, dass die Autorin davon ausgeht, dass die Lesenden Strafen ohnehin ablehnen. Dass allerdings auch Lob negative Folgen hat, ist ein nicht so weit verbreitetes Wissen und deshalb Kernthema dieses Buches.
Die Autorin lehnt Lob und Strafe als Formen der Manipulation ab. Sie führt eine Fülle von Gründen dafür an, warum Lob manipulativ ist und wie es wirken kann. Die theoretischen Überlegungen untermauert sie mit persönlichen Erfahrungsberichten, was die Lektüre angenehm macht, auch weil die Autorin auf Augenhöhe mit den Lesenden argumentiert und sich nicht über sie stellt.
Mol stellt dar, dass ein Kind, das mit einem Bonbon für eine Tätigkeit belohnt wird, diese nicht um ihrer selbst Willen ausführe, sondern um das Bonbon zu erhalten. Somit gehe die innere Motivation verloren, was langfristig oft dazu führe, dass belohnte Tätigkeiten seltener ' nicht öfter ausgeführt würden. Als weitere negative Folgen von Lob nennt Mol, dass Belohnung Konkurrenz zwischen Kindern fördere und Kommunikation behindere und dass immer der kürzeste Weg zu einem Ziel gesucht werde. Das geschehe, weil das Ergebnis wichtiger werde als das Tun an sich. Oft sei Lob mit Vergleichen verbunden (ein Kind wird gelobt, wenn es etwas besser macht als andere Kinder). Dadurch nehmen die Kinder einander als Konkurrenten wahr. Auch die Machtposition dessen, der über Lob oder Strafe verfügen kann, werde sehr deutlich. Das Verteilen von Lob vermittele Kindern deshalb viel über Dominanz (wer die Macht hat, darf über andere entscheiden und sagen, was gut und richtig ist).
Das kleine Buch ist in elf Kapitel eingeteilt, in denen das Thema Lob von verschiedenen Seiten beleuchtet wird. Lob wird dabei als Form von Belohnung gesehen, die immer verfügbar ist, und deshalb oft angewendet wird. Mol beschäftigt sich unter anderem mit Grundbedürfnissen von Kindern und Erwachsenen, mit Regeln und Vereinbarungen und mit der Frage nach 'richtigem' und 'falschem' Verhalten. Am Ende jedes Kapitels stehen Übungen, die der Lesende allein oder mit Freunden machen kann, um etwas über sich zu lernen und das Gelesene zu vertiefen. Das letzte Kapitel beinhaltet eine Zusammenfassung der im Buch zusammengetragenen Alternativen zu Bestrafen und Belohnen.
Mol geht auch der Frage nach, welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit jemand ein Kind gut begleiten kann. Sie stellt heraus, dass gutes Für-Sich-Selbst-Sorgen die Grundlage für Gelassenheit im Umgang mit Anderen ist und gibt Anregungen, wie dies im Alltag gelebt werden kann.
Sympathisch an diesem Buch ist vor allem die Alltagsnähe und die Unkompliziertheit, die es leicht machen, das Gelesene umzusetzen. Die Beispiele sind präzise und kurz. Manchmal werden sie inhaltlich dem Anspruch des gleichberechtigten Zusammenlebens von kleinen und großen Menschen nicht gerecht. Diesen Anspruch hat die Autorin für sich scheinbar nicht. Empfehlenswert ist dieses Buch vor allem für Einsteiger in die Materie: die Argumente gegen das Belohnen sind schlüssig, die Alternativen erscheinen umsetzbar und alltagsnah. Aber auch alte Hasen finden in diesem Buch lebensnahe Anregungen und Argumente für die nächste Diskussion mit Menschen, die von Lob und Strafe überzeugt sind. (Dr. Katja Rose)