ZürichTartu retour
Ulrich Knellwolfs Roman
«Auftrag in Tartu»
Vor einem Jahr hat er es im Miniformat gemacht, und das gleich fünfundzwanzigmal: Napoleon trifft Barclay, ein Niemand von heute trifft den unsterblichen Tomasi di Lampedusa, «Doktor Luther trifft Miss Highsmith» so lautet der Titel des Erzählbandes von 1998 , und dessen Autor Ulrich Knellwolf versucht, sie alle zu treffen. Heuer allerdings ist aus der Minutenlektüre ein ganzer Roman geworden. In Knellwolfs jüngstem Buch, «Auftrag in Tartu», trifft der Leser sie denn alle noch einmal: den Napoleon-Bezwinger General Michail Bogdanowitsch Barclay, den «Gattopardo»-Verfasser Giuseppe Tomasi, Doktor Luther und seinen «Apostel» Pier Paolo Vergerio, ausserdem den Tschetschenenführer Dschochar Mussajewitsch Dudajew, Edzard Schaper, Adelbert von Chamisso, August und Otto von Kotzebue . . . Da wird durch die Geschichte gesprungen, als ob Udo Lindenberg recht gehabt hätte mit seinem «Tausend Jahre sind ein Tag» und tausend Kilometer schrumpfen zu einem Meter: 66 Kapitelüberschriften verfrachten uns mal nach «Konstanz, November 1414», dann wieder nach «Honolulu, Oktober 1962»; mal nach «Riga, August 1736», dann wieder nach «Eggiwil, Juni 1919». Aber eigentlich haben wir auf den 360 Seiten bloss eine Reise gemacht von «Tartu, April 1998» bis «Zürich, Januar 1999».
Ein kleines, grünes Akkordeon hat er nicht, der 1942 geborene Schriftsteller Ulrich Knellwolf, der in seiner theologischen Dissertation über Gotthelf arbeitete, bis vor zwei Jahren schreibender Pfarrer war wie sein Studienobjekt und zurzeit in der Politik mitmischt. Annie E. Proulx kann in ihrem literarischen Generationenpotpourri «Accordion Crimes» an jenen schäbigen Quetschkommödchen ziehen, das von Hand zu Hand wandert und so die unwahrscheinlichsten Hopser in Zeit und Raum motiviert Ulrich Knellwolf dagegen muss sie unwahrscheinlich lassen. Will sie, mit einem Augenzwinkern, unwahrscheinlich lassen. Jedenfalls hat er sich auf die guten alten Dickensianischen Überraschungsverwandtschaften vom darbenden Kleinbauern im Mittelalter bis zum Widerstandskämpfer der Fünfziger kapriziert und obendrein die (trotzdem) nach allen Seiten fliegenden historischen Fragmente in eine Rahmenhandlung gepackt. Er schickt Felix Bruderer, einen der vielen Geistesarbeiter mit Venia legendi, aber ohne Professur, für einen dreiwöchigen Lehrauftrag von Zürich nach Tartu (Dorpat) an die Universität, die einst Gustav Adolf von Schweden gestiftet hatte und die den Russen stets ein Dorn im Auge gewesen war. Und die noch heute ein Hort des estnischen Nationalgefühls ist.
Für Bruderer gerät der Lehrauftrag zu einer weiteren akademischen Pleite wenig Studenten, schwänzende Studenten, stumme Studenten. Für Knellwolf freilich ist er eine Chance, rund um die Religionsgeschichte, die sein Held an der Uni unterrichtet, sein Krimifaible zu entfalten. Ein mysteriöser Briefumschlag, dem Schweizer Theologen von russenhassenden Tschetschenen aufgenötigt, soll zu einem estnischen Nationalisten gelangen. Ex-KGB-Chef Solbe fängt die Post ab: ein Scheinmanöver. Denn er, Sohn eines Emmentaler Einwanderers, spioniert selbst als estnischer Maulwurf. Früher kämpfte er mit den sogenannten Waldbrüdern für die Unabhängigkeit von der Sowjetunion, heute macht er Geschäfte mit den Tschetschenen und führt die Russenmafia an der Nase herum. Dass die Sekretärin der theologischen Fakultät, die Bruderers Herz schneller klopfen lässt, Solbes Tochter ist, erfährt Solbe selbst erst kurz vor seinem Tod; die Russen lassen ihn und seinen nach Honolulu ausgewanderten Bruder buchstäblich hochgehen. Mag sein, eine dünne Story, eher geeignet fürs Miniformat. Aber wie der Erzählpfarrer aus Geschichtchen Geschichte macht, wie er in seinem schlicht-unterhaltsamen Stil das kleine Land an der Peripherie Europas in den dicken Kern der Historie rückt, samt den vergessenen Schweiz-Estland-Beziehungen, ist, bei allen Verwirrungen, auf seine Weise geradezu maximal.
Alexandra M. Kedve
"Aber wie der Erzählpfarrer aus Geschichtchen Geschichte macht, wie er in seinem schlicht-unterhaltsamen Stil das kleine Land an der Peripherie Europas in den dicken Kern der Historie rückt, samt den vergessenen Schweiz-Estland-Beziehungen, ist, bei allen Verwirrungen, auf seine Weise geradezu maximal." Alexandra M. Kedves, Neue Zürcher Zeitung, 12.10.1999