ZDF, Frontal 21, 23. Mai 2006 [Carsten Deventer]
[...] Jochen Böhler hat als erster deutscher Historiker das Verhalten der deutschen Wehrmacht in Polen anhand von Quellen aus beiden Staaten systematisch untersucht. Sein soeben erschienenes Buch beweist: der so genannte Polenfeldzug war der Auftakt zu Hitlers Vernichtungskrieg [...]
DIE ZEIT, 14. Juni 2006
Die ZEIT-Liste - DIE REDAKTION EMPFIELT, Sachbuch: Zum ersten Mal von einem deutschen Historiker umfassend dargestellt: die Verbrechen der Wehrmacht im Polenkrieg 1939 Die Jury: Georg Diez, Ulrich Greiner, Konrad Heidkamp, Susanne Mayer, Iris Radisch, Elisabeth von Thadden, Volker Ullrich
FRANKFURTER RUNDSCHAU, 24./25. Mai 2006 (von Matthias Arning)
VÖLKERMORD IN POLEN. Der Historiker Jochen Böhler markiert den Beginn des deutschen Vernichtungskriegs bereits für September 1939 [...] Böhler sucht nach Motiven der Täter. Er verweist auf den ausgeprägten, zur Gewalt bereiten Antisemitismus, die verbreitete Überzeugung vom "Kulturgefälle" nach Osteuropa hin [...]. Er interessiert sich für die Frage, warum deutsche Soldaten, die ausgesprochen nervös in den Krieg zogen, sich "von Beginn des Überfalls an bereit zeigten, kollektive Gewaltmaßnahmen auf die gesamte Bevölkerung im Einsatzgebiet auszudehnen". [...] So, wie die Autoren der Wehrmachtsausstellung [...] beanspruchten, den Mythos von der "sauberen Wehrmacht" [...] zu zerstören, nimmt auch Böhler in Anspruch, wesentlich neue Akzente zu setzen. Doch Stärke schöpft seine Studie vor allem daraus, dass er sich andere Interpunktionen zutraut, die den Raum für längst vergessen geglaubte oder in Deutschland ignorierte Erzählungen öffnet. Die Schilderungen von Angehörigen der Wehrmacht wie vor allem von polnischen Zivilisten vermitteln einen Eindruck von dem, was die zügig vorrückenden Truppen auf den Marktplätzen polnischer Dörfer angerichtet haben.
Kurzbeschreibung
Die Beteiligung der Wehrmacht an den Verbrechen im Osten und Südosten Europas ab 1941 steht inzwischen fest. Doch der gnadenlose Rasse- und Vernichtungskrieg hatte bereits mit dem Überfall auf Polen begonnen, bei dem im September 1939 Einheiten der Wehrmacht Tausende von Polen und Juden, Zivilisten und Kriegsgefangene ermordeten. Der Autor beleuchtet in seiner bahnbrechenden Untersuchung die Hintergründe.
Der Autor über sein Buch
Jochen Böhler, Jahrgang 1969, ist Fellow des Center for Advanced Holocaust Studies des Holocaust Memorial Museum in Washington und des International Institute for Holocaust Research der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Sein Buch "Auftakt zum Vernichtungskrieg. Die Wehrmacht in Polen 1939" wurde im Januar 2006 mit dem Sonderpreis 2005 des Generalkonsulates der Republik Polen in Köln und des Polnischen Wissenschaftsforum in Deutschland e.V. aus Anlass des 60jährigen Jubiläums der Beendigung des Zweiten Weltkriegs ausgezeichnet. Jochen Böhler lebt und arbeitet als anerkannter promovierter Historiker am Deutschen Historischen Institut in Warschau.
Vom selben Autor: Ausstellungskatalog "Größte Härte..." Verbrechen der Wehrmacht in Polen September-Oktober 1939, Hamburg 2005
Über den Autor
Jochen Böhler, geboen 1969, studierte in Köln Mittlere und Neuere Geschichte, Ethnologie und Volkswirtschaft. 2000 erhielt er für seine Magisterarbeit "Verbrechen der Wehrmacht" in Polen im September 1939, den Preis der Philosophischen Fakultät der Universität Köln. Er ist Mitglied des Arbeitskreises Militärgeschichte und des Deutschen Komitees für die Geschichte des Zweiten Weltkrieges. Seit 2000 arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut, Warschau.
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Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion im Sommer 1941 ist in der bisherigen Forschung irrtümlicherweise als Wasserscheide zwischen einer herkömmlichen deutschen Kriegsführung und dem Vernichtungskrieg im Osten interpretiert worden. In Wirklichkeit wies bereits der erste kurze Einsatz der Wehrmacht alle wesentlichen Merkmale des Vernichtungskrieges auf: Die Wehrmacht erschoss dort im großen Stil Zivilisten und Kriegsgefangene, und sie kooperierte mit den Einsatzgruppen im Rahmen der Befriedung der eroberten Gebiete und der Ermordung und Vertreibung der polnischen Juden. Proteste einzelner Militärs nach Abklingen der Kampfhandlungen vermögen nicht darüber hinwegzutäuschen, dass wesentliche Konstituenten der nationalsozialistischen Volkstumspolitik bereits im Spätsommer 1939 mit der Wehrmacht abgesprochen und mit ihrer Hilfe in die Tat umgesetzt wurden. Die auf dem polnischen Kriegsschauplatz gesammelten Erfahrungen dienten im Vorfeld des deutschen Angriffes auf die Sowjetunion als Raster sowohl für die Verabschiedung der verbrecherischen Befehle als auch für die einvernehmliche Regelung der Verwendung der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei. Daher bildete nicht der Angriff auf die Sowjetunion im Sommer 1941, sondern vielmehr der erste Einsatz der Wehrmacht in Polen im September 1939 den Auftakt zum Vernichtungskrieg.