"Der Massenmensch ist der Mensch, der ohne Ziel lebt und im Winde treibt. Darum baut er nichts auf,
obgleich seine Möglichkeiten und Kräfte ungeheuer sind. Und dieser Typus Mensch entscheidet in unserer Zeit."
José Ortega y Gasset (1883-1955) hat im Jahre 1930 sein Hauptwerk veröffentlicht. In einer Zeit der politischen und gesellschaftlichen Unsicherheit in Europa schien eine Bestandsaufnahme notwendig. Der Massenmensch seit Le Bon in die Wirklichkeit gezogen und der Analyse unterworfen, mit Freud zur Ich-Analyse bewegt wird hier in diesem Werk gegen jede Form von Utopie gesetzt. Seit 2007 leben mehr als 50% der Weltbevölkerung in Städten (vgl Rifkin). "Die Städte sind überfüllt", lesen wir und weiter, dass, was früher kein Problem war, jetzt unausgesetzt gilt: "einen Platz zu finden". Die Individuen gab es schon immer, aber eben nicht als Menge. Sind sie nun Menge in der neuen virtuellen Welt oder sind sie Individuum ohne Anschluss? "Gibt es keine Helden mehr, nur noch den Chor?", fragt Ortega berechtigterweise. Verlassen uns die Eliten zugunsten einer Vermassung, fragte er ebenso. "Die Masse vernichtet alles, was anders, was ausgezeichnet, persönlich, eigenbegabt und erlesen ist. Wer nicht 'wie alle' ist, wer nicht 'wie alle' denkt, läuft Gefahr, ausgeschaltet zu werden." Die Politik der Mitte hat Anschluss an alle Parteien. Jede Wahl ist ohne Gegner, die Extremen werden dadurch positioniert.
Fordert die heutige Gesellschaft wieder die Zeit des Ausgleichs, eine Angleichung an eine Regel in Kultur, Geschlecht und Wirtschaft? Ist diese Angleichung, die z.B. ein Europa fordert von allen zugehörigen Staaten eine Position der zukünftigen Stärke? Wird dieser Aufstand der Massen zu einem Ziel einen "unermesslichen Zuwachs an Lebenskraft und -möglichkeiten" bedeuten? Ortega sieht in der Herrschaft der Massen durchaus eine positive Seite. Aber nur, wenn sie "auf der Höhe der Zeit" ist. Nun muss diese velofizierte Zeit nicht gemessen werden an der Höhe des Pulsschlags. Die Höhe der Zeit ist die Beziehung des Jahrhunderts relativ zum Niveau der vergangenen Zeiten. Das galt damals wie heute. Der alte Spruch: Jede vergangene Zeit war besser! gilt nur im Verhältnis zu den Gefühlen in einer Epoche. Schon Hesiods Goldenes Zeitalter wird zu einer Legende, jedoch gleichzeitig als Maßstab folgender Zeiten. Nur in denen lebt man und muss sich dort einrichten.
In Cervantes großen Roman gab es die alte Weisheit, ein Weg sei besser als die Herberge. Denn ein Ziel erreicht zu haben, verringert jedes Begehren, jedes Verlangen; "die Quelle jeden Wünschens ist versiegt". Das heißt auch, dass jeder Weg in Frage gestellt werden kann. Denn geht man immerfort denselben und nennt diesen im wahrsten Sinne "Fortschritt", bleibt nur der Gedanke eines Gefängnisses. Denn der immerwährend gleiche Weg führt nicht ins Freie, wie Ortega richtig sagt. Eine Melancholie der Ruinen ist nicht das, was bewegt. Genauso wird ein Übereifer des rein Virtuellen nicht das Echte beweisen. Allen Prognosen ist eigen, einen unvorhersehbaren und offenen Horizont von Möglichkeiten zu eliminieren. Offenheit und Zugriff auf das Echte sind die Fülle des wahren Lebens.
Jede Zeit stellt die Frage: "Zu welcher Zeit möchten Sie gelebt haben?" Und die Proustsche Suche nach der verlorenen Zeit nimmt ihren Lauf. Es ist richtig, die Standpunkte für neue Horizonte zu wechseln, es ist richtig, einen neuen Blick auf dasselbe zu werfen. Doch welche Meinung hat unsere Zeit von sich selbst?
Die quantitative und qualitative Steigerung gegenüber anderen Zeiten ist unbestritten. Wir wissen mehr als Aristoteles mit Newton und mehr als Newton mit Einstein und Heisenberg. Wir beherrschen die Technik mehr als die Ägypter es taten und doch staunen wir vor den Pyramiden. Doch wie steht es um die Werte? Der augenblickliche Mensch weiß von seiner Differenz, er weiß sich um mehr Möglichkeiten ausgestattet und doch treibt ihn ein Unbehagen an der Kultur (Freud). Ortega zeigt die günstigen Aspekte der Massen und doch wird er die gefährlichen Seiten nicht vernachlässigen können und dürfen.
Betrachten wir die Historie, wird klar werden, dass nicht Ratschläge, etwas zu tun, uns dort erwarten, sondern eher die Ratschläge, etwas zu lassen. Denn in allem gilt die menschliche Freiheit, etwas zu entscheiden, nämlich es zu tun oder es zu lassen. Es gibt keine Umstände, die entscheiden. Die Geburt eröffnet mehrere Wege. Welche man geht, ist Ergebnis der Entschlusskraft, die niemals ruhen kann. Und dieser individuelle Freiraum ist auch Freiraum eines Kollektivs. Die von diesem vorgelegten Programme sind Grundlage eines gemeinschaftlichen Lebens, sei es gesellschaftlich, politisch oder wirtschaftlich. Ortegas Schelte gegen die Mittelmeerländer, politisch wie auch wirtschaftlich in den Tag hineinzuleben, erscheint wie von heute. Wenn er sagt, dass damit sich keine Zukunft ankündigt und jeder Lebensplan vermisst wird, dann scheint er ein aktueller Redner zu sein. Und für diese Tatsachen sucht er Klarheit über die Beschaffenheit des Massenmenschen.
"Ohne eine neue geistige Macht wird unser Zeitalter einer Katastrophe zutreiben". Könnte dieser Satz von Comte heute noch ungeteilt gelten, wäre der Historiker ein umgekehrter Prophet. Aber wir wissen, das wir heute in einer vitalen Welt leben, eine radikale Umkehr in Bezug auf frühere Zeiten. Und doch ist dieser neue Lebenshintergrund vergleichbar, was die Führung angeht. Denn die alten Strukturen einer Bestrafungsgesellschaft (Foucault) werden heute nur von der Fremdbestrafung zur Selbstbestrafung verändert. Aus dem alten "Du sollst!" ist ein globales "Ich kann!" geworden und mit der Selbstführung und dessen Scheitern sind wir eingetreten in ein Massenphänomen der neuronalen Krankheiten (Depression, Borderline, ADHS, Burn-Out). Der absurde Seelenzustand ist damals wie heute der gleiche. Jeder beschäftigt sich mit seiner Wellness und Fitness und zugleich arbeitet er den Ursachen für das Wohlbefinden entgegen. Sich zu erinnern, das wir sind, wie die Welt uns einlädt zu sein, kann den Umgang mit der Welt wieder auf die Füße stellen. Es Leben zu nennen, wenn man nirgends auf Grenzen stößt, heißt auch, jeden sich selbst zu überlassen. Der Mensch der Masse unterliegt also nicht mehr der Führung materieller Beschränkungen, sondern gewinnt die Chancen aus eigener Kraft zu gewinnen oder zu scheitern; systemimmanent und damit als Massenmensch.
Dass Ortega schlussendlich den Menschen in seiner Haltung kritisiert, in dem er ihm unterstellt, jedes Recht und keine Pflicht zu haben glaubt, entspricht vergleichend mancher heutigen Meinung. In allem liest sich der Philosoph modern, aktuell, weise und auf der Höhe dieser Zeit. Gut, es geht um Menschen und vielleicht können wir davon ausgehen, dass sich trotz Erkenntnis wenig ändert, wenn die Umstände als gern genommene Gründe überhand gewinnen müssen. Die Masse bewegt sich nach den Umständen, es sei denn, jemand definiert die Umstände nach seinem Gusto. Und damit ist Ortega bei einer Lebensphilosophie, die nicht die Gleichheit predigt, sondern die Chancen in der subjektiven Ausprägung Einzelner, asketische Elite zu sein, sieht. Anlass zur Diskussion gibt dieses Werk damit allemal.
Dennoch! Ein sehr interessanter Ausflug in eine wichtige Zeit. Freuds Unbehagen in der Kultur erschien im gleichen Jahr. Ebenso sind Le Bon (1895), Spengler (1918) und Freud (1921) in ihren Szenarien einer Weltbeschreibung zu empfehlen. Aus der Masse auszutreten, hieße sein Leben ändern. Sloterdijks (2009) Aufruf zur Askese folgt dem Szenario von Ortega.
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