Dennis Lehane schreibt wortgewaltig und gleichzeitig ist sein Roman so leicht lesbar, dass man die umfangreichen 758 Seiten gar nicht merkt. Spannende Dichtung ist hier verwoben mit historischen Ereignissen in einem mehr als gelungenen Epos. Die Charaktereigenschaften sind bis hin zu den Nebenpersonen fein herausgearbeitet, verschiedene Handlungsstränge sind geschickt und spannend miteinander verwoben.
Jene Tage sind die Tage zwischen dem Frühjahr 1918 und dem Herbst 1919 in Boston. Die Zeit war geprägt von antikommunistischer Hysterie. Konservative Politiker befürchteten einen Umschwung der kapitalistischen Grundordnung durch bolschewistische Einflüsse. Hinzu kamen Rassenhass, große soziale Spannungen, Anschläge militanter Einwanderer, Arbeiterstreiks, Wirtschaftskrise Inflation und die Spanische Grippe. Eine Gruppe Matrosen, die im Bostoner Hafen Zwischenstation machten, schleppten den gefährlichen Erreger aus Europa ein mit verheerenden Folgen für den ganzen Kontinent. Ein weiteres Unglück ereilte Boston am 15. Januar 1919: Aufgrund fehlerhafter Konstruktion zerbarst ein Melassetank, woraufhin sich 14.000 Tonnen Melasse in die Straßen Bostons ergossen. 21 Passanten ertranken und 150 wurden schwer verletzt.
In diesen Wirren der Nachkriegszeit, die wir alle im Roman wiederfinden, begegnen wir den beiden Hauptfiguren: dem Farbigen Luther Laurence, der aus Tulsa fliehen musste, weil er sich mit einem Gangsterboss eingelassen hat und dem Polizisten Aiden "Danny" Coughlin, der in die Fußstapfen seines Vaters, Thomas Coughlin, treten will, einem angesehenen Polizeiinspektor in Boston.
Luther schlägt sich mit Hilfjobs durch, als Diener bei den Coughlins, wo sich Danny und Luther zum ersten Mal treffen, und als Arbeiter in den Bostoner Schlachthöfen, wo er seine sportlichen Ambitionen zwar nicht verwirklichen kann, aber die Hoffnung hegt, bald wieder zu seiner schwangeren Frau zurückkehren zu können. Danny kommt dem Wunsch seines Vaters nach und schleust sich als Undercover-Agent bei den Kommunisten ein. Der Einfluss auf ihn ist so groß, dass er sich bald auf die Seite der Arbeiter schlägt. Schließlich wird er der Anführer der Bostoner Polizeigewerkschaft und führt sie im September 1919 in einen großen Polizeistreik.
In den Straßen Bostons werden Luther und Danny Freunde. Eine ungewöhnliche Freundschaft, mehr noch: eine verdächtige Freundschaft, wenn nicht eine unmögliche Freundschaft. Ein Farbiger, ein "dahergelaufener Nigger" und ein weißer Polizist aus bestem Hause, die miteinander Worte wechseln, sich unterhalten - unmöglich in diesen Zeiten.
Dennis Lehane setzt alle Geschehnisse anschaulich in Szene. Das ist große Erzählkunst. Die geschliffenen Dialoge sind nie langweilig, sondern treiben die Handlung stets voran. Das ist pures Lesevergnügen.
Im Roman eingestreut sind immer wieder Episoden des später legändär gewordenen Baseballspieler "Babe" Ruth, den die Red Sox aus Geldmangel 1919 an die New York Yankees verkaufen mussten, was als größter Fehler in der Baseballgeschichte gilt. Als jener Babe aus Boston kommend in ein New Yorker Taxi steigt und aus dem Fenster sieht, denkt er:"Was für ein Tag. Was für eine Stadt.Was für eine Zeit. Und ich mittendrin!"
Das kann man auch über Boston denken und über dieses Buch: Was für eine Stadt. Was für eine Zeit. Und wir Leser mittendrin.