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5.0 von 5 Sternen
Mein Lieblingsbuch der Sayers!, 5. Januar 2010
Einige Jahre sind vergangen, seit Harriet Vane in "Zur fraglichen Stunde" gemeinsam mit Lord Peter Wimsey in einem Mordfall ermittelte. Sie steckt schöpferisch in einer Krise, denn ihr neuestes Buch will und will nicht fertigwerden, sie hadert mit sich und dem Abgabetermin. Dazu kommen die emotionalen Probleme, die sie mit den monatlichen Heiratsanträgen durch Lord Peter hat. Sie kann sich nicht dazu durchringen ihn ein für alle Mal zurückzuweisen und ist mit sich selbst unzufrieden mit dieser Situation. Sie kann sich einfach nicht von ihm lösen und weiß selber nicht warum.
In dieser Situation nimmt sie eine Einladung aus Oxford an, an einem Ehemaligentreffen dort teilzunehmen, hatte sie doch dort am Shrewsbury College mit Erfolg und Auszeichnung Literatur studiert.
Doch die Veranstaltung wird für sie zum Desaster, die Freundinnen von damals haben sich fast alle zu ihrem Nachteil entwickelt und interessieren Harriet nicht mehr, die Professorinnen sind eher enttäuscht, dass eine vielversprechende Absolventin nun "Krimis" schreibt und zudem durch ihr Privatleben in einen Mordfall und sogar auf die Anklagebank gelangte ("Starkes Gift", in der Neuauflage: "Geheimnisvolles Gift").
Bis auf wehmütige Erinnerungen hatte diese Reise in die Vergangenheit keinen Sinn für Harriet.
Dies ändert sich kurze Zeit später schlagartig, als sie vom Direktorium um Mithilfe gebeten wird: Ein anonymer Briefeschreiber versetzt Studentinnen und Kollegium durch üble Anfeindungen in Angst und Schrecken. Mit abgrundtiefem Hass, vor allem auf die älteren Frauen des Kollegiums, stört dieser Intrigant die Lehranstalt. Harriet sagt ihre Hilfe zu und reist ein zweites Mal nach Oxford. Doch die Ermittlungen gestalten sich zunehmend schwieriger, Misstrauen wird gesät zwischen den Lehrerinnen des Colleges, denn es sieht so aus, als wäre eine von ihnen die Briefeschreiberin. Zudem werden die Angriffe immer heftiger, es kommt zu Verwüstungen und direkten Angriffen.
In grandioser Art und Weise vermag Dorothy Sayers die akademische Welt eines Frauencolleges der Vorkriegsjahre einzufangen (hat sie doch selber als einer der ersten Frauen in Oxford studiert). Der Zusammenhalt und die moralische Grundhaltung der Protagonistinnen werden der Neigung der Zeit, alles dem Kommerz und dem Ehrgeiz des Einzelnen unterzuordnen, entgegengesetzt. Die auch heute noch hoch aktuelle Frage, ob der Zweck die Mittel heiligt, wird hier absolut klar und fundiert beantwortet. Die Haltung der Autorin und stellvertretend des Kollegiums des Colleges ist eindeutig: Wahrheit muss verteidigt werden, Moral ist nicht den individuellen Bedürfnissen unterzuordnen, vor allem nicht, wenn man sich der akademischen Forschung verschrieben hat. Dieser Verantwortung hat man sich zu beugen, hat man sein Leben unterzuordnen.
Dieses Buch ist für mich das Beste der Autorin. Weniger die Auflösung des Falles ist hier im Mittelpunkt, sondern die Grundfrage der menschlichen Gesellschaft: Ist der Einzelne und seine Interessen oder die Gesellschaft und ihre moralischen Grundpfeiler maßgebend für unser Verhalten? Zudem spinnt sie die Beziehung der Protagonisten weiter und führt sie zu einem an Dramatik kaum zu überbietenden Höhepunkt. Dies alles, verknüpft mit ihrer Begabung, Situationen und Charaktere glasklar herauszuarbeiten und ihnen eine echte Geschichte, einen echten Werdegang zu geben, ihre Handlungen und Haltungen für den Leser nachvollziehbar zu machen. Mit leisem Humor und wunderschöner Sprache (die Übersetzung leistet hier Außergewöhnliches), vermag sie den Leser von der ersten bis zur letzten Seite zu fesseln - was will man mehr?
Gesondert möchte ich die Kritik anhandeln, dem dieses Buch bereits bei der Veröffentlichung, verstärkt jedoch nach dem 2. Weltkrieg (und bis heute) ausgesetzt ist. Hier würden nationalsozialistische Thesen vertreten, Eutanasie würde für sinnvoll erachtet, England bräuchte einen Hitler und so weiter.
Erstens ist dieses Buch 1935 geschrieben worden und Konzentrationslager in Deutschland sind für die Autorin mit Sicherheit kein Thema. Die Thesen, unwertem Leben keine Fortpflanzung zu ermöglichen (nicht etwa es auszumerzen), werden von einer Dame des Kollegiums und einer ehemaligen Studentin, die nun ihre Thesen in den USA verbreitet, vertreten - dies in sachlicher Art und Weise und absolut der Zeit und ihren Wertvorstellungen entsprechend. Ich halte es für unsinnig, vom heutigen Standpunkt die damalige Diskussion um diese Sachverhalte zu kritisieren, sie sogar aus solchen Büchern streichen zu wollen!
Zweitens legt die Autorin einem Pförtner des Colleges die Worte in den Mund, England bräuchte einen Hitler! Daraus wurde von vielen Kritikern herausgelesen, das die Autorin, ja sogar die Engländer dies wünschten oder das dies allgemein diskutiert wurde (1935!). Dazu möchte ich sagen, dass 1935 Hitler aus englischer Sicht ein Deutscher war, der Versailles vergessen machen wollte und auf nationale Stärke setzte, dies war zu diesem Zeitpunkt nicht verwerflich. Und desweiteren muss man diese Äußerung eines ehemaligen Soldaten, der im ersten Weltkrieg verwundet wurde (und Lord Peter Wimsey das Leben rettete), gerade aus dem Gefühl heraus in den Mund gelegt wurde, dass es wieder auf einen Krieg hinauszulaufen schien - und in diesen Zeiten wünscht sich das Militär notwendigerweise einen starken Regierungschef! Letzlich wird darüber hinaus aus der Haltung des Pförtners und der Art und Weise, wie diese Äußerungen in die Handlung eingebaut ist, die kritische Haltung der Autorin zu dieser Frage deutlich, ist doch klar der ironische Unterton heraus hörbar, mit der diese Äußerung gemacht wird.
Drittens wird diesem Buch eine angestaubte moralinsaure Haltung vorgeworfen, die in der heutigen Zeit obsolet ist. Dazu möchte ich sagen, dass das Frauenstudium 1935 in genau dieser Lage war (nicht anerkannt zu sein und immer auf Verteidigung eingestellt) und dass die Autorin eben genau die Strömung hin zur Individualisierung (ohne Rücksicht auf Verluste) erkannte und kritisieren wollte - also mitnichten obsolet, sondern aktuell und wert diskutiert zu werden!
Stefan Erlemann
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So klug schreibt nur Dorothy, 12. Januar 2009
Eines der besten Bücher der ohnehin schon hervorragenden Schriftstellerin Dorothy L. Sayers. In vieler Hinsicht auch ihr persönlichstes Buch, weil sie damit nicht nur ihrer Heimatstadt Oxford ein literarisches Denkmal setzt, sondern (auf sehr unterhaltsame Weise) auch die Eindrücke ihrer eigenen Studienzeit verarbeitet.
Die Hauptperson ist ihr scharfsinniger Amateurdetektiv Lord Peter Wimsey... Nein, stimmt nicht: eigentliche Hauptperson ist die Kriminalschriftstellerin (!) Harriet Vane, die mit mysteriösen Vorgängen an ihrem einstigen College konfrontiert wird... Nein, auch nicht richtig. Die wirkliche Hauptrolle spielt Oxford selbst, der Hort akademischer Gelehrsamkeit, Trutzburg englischer Universitätstradition, mit seiner spezifischen Atmosphäre, seinen Menschen, Colleges und Bibliotheken.
Interessanterweise kommt es in dem ganzen Buch nicht zu einem wirklich ernsten Verbrechen. Sayers beweist, dass man niemanden umbringen muss, um eine packende Geschichte zu erzählen... In der friedlichen, traditionellen Welt Oxfords aber haben schon kleine Störungen die gleiche Wirkung wie anderswo ein Kapitalverbrechen.
Am Rande der spannenden Handlung reflektiert die Autorin auch über die Rolle der Frau in der Welt, zumal in der akademischen, im Zwiespalt zwischen Liebe (Gefühl) und Wissenschaft (Geist) - und das nicht aus einer simplen feministischen Grundhaltung heraus, sondern wiederum aus einer ganz persönlichen Sicht und Lebenserfahrung.
Oxford war eine besondere Stadt für Sayers, und ebenso für ihr literarisches Ebenbild Harriet Vane und für Lord Peter. So ist es nur folgerichtig, dass die beiden gerade hier zueinander finden und entgegen aller Wahrscheinlichkeit doch noch ein Paar werden. Wenn Gefühl und Geist, "the head and the heart", doch noch zu einer Einheit werden können, dann nur hier. Eine großartige Geschichte, ein wundervolles Buch.
Am besten auf englisch lesen, und am allerbesten: bei einem Besuch in Oxford. Dorothy Sayers als Stadtführerin, das ist schon etwas besonderes. Ich habe das einmal so gemacht und die Orte der Handlung direkt in Augenschein genommen - da werden Personen und Ereignisse endgültig lebendig, und man kann die Liebe der Autorin zu Oxford nachfühlen. Danke, Dorothy.
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