"Nur ein Lump, ein Schuft konnte so handeln! Und ein solcher Lump, ein solcher Schuft bin ich! Ja, bin ich denn wirklich..." - er unterbrach für einen Augenblick sein Umherwandeln, - "... bin ich denn wirklich ein solcher Schuft? Ja, was denn sonst?" fragte er sich. "Und es ist ja nicht nur das allein!" fuhr er in seiner Selbstbezichtigung fort. "Ist mein Verhältnis mit Maja Wassijewna, mein Verhalten gegenüber ihrem Mann, nicht auch eine Gemeinheit, eine Nichtswürdigkeit? Und meine Einstellung zum Besitz? Dass ich unter dem Vorwand, das Geld stamme von meiner Mutter, einen Reichtum ausnutzte, den ich für unrechtmäßig halte? Und dazu mein ganzer müßiger, abscheulicher Lebenswandel! Und das abscheulichste von allem: wie ich mich zu Katjuscha benommen habe! Ja, ich bin ein Lump, ein Schuft! Alle anderen mögen von mir halten, was sie wollen, aber mir selber kann ich nichts vormachen." Zitat aus "Auferstehung".
Selbsterkenntnis ist ein erster Schritt zur Besserung. Aber wie radikal der Held dieses Romans positive Veränderungen in seinem Leben umsetzen will, zeigt Leo Tolstoi in unnachahmlicher Weise. Eine Zufallsbegegnung weckt in dem adligen Gardeleutnant, Dmitri Iwanowitsch Nechljudow, das moralische Gewissen, welches er neu formen und damit auch altes Unrecht sühnen und wieder gutmachen möchte. Dabei studiert er gewissenhaft gesellschaftliche Strukturen, macht sich mit umwälzenden, neuen politischen Ideen vertraut und stellt die religiöse Grundordnung seiner Zeit auf den Prüfstein der Heiligen Schrift. Das Ergebnis seiner Studien ist so brisant, dass der Autor dieses Werkes im Anschluss an die Veröffentlichung von der heiligen Kirche exkommuniziert wurde.
Als junger Mann hatte der gewissenlose Nechljudow die vertrauensselige Katjuscha in einer Osternacht, dem Fest der Auferstehung Christi (daher auch der Titel) verführt und später sitzen gelassen. Jahre später begegnet er der jungen Frau erneut. Diesmal ist er als Geschworener im Gerichtssaal anwesend. Die schwarzäugige Katjuscha, die als Angeklagte Maslowa vorgeführt wird, soll einen Mann vergiftet haben. Obwohl an der Unschuld der Frau kein Zweifel besteht, sorgt ein Formulierungsfehler im Urteilsspruch der Geschworenen dafür, dass Maslowa zu Zwangsarbeit in Sibirien verdonnert wird. Sofort versucht Nechljudow Rechtsmittel einzuschalten, um den Fehler zu berichtigen. Doch die Mühlen des Gesetzes mahlen langsam. Die ehemalige Geliebte des jungen Herrn, für dessen gesellschaftlichen Abstieg sich unser Held verantwortlich fühlt, bleibt im Gefängnis. Durch sein neuerwachtes Ehrgefühl gibt Nechljudow sein Leben als Müßiggänger auf und beschließt seine Angelegenheiten so zu regeln, dass er Katjuscha auf ihrem Weg begleiten und ihr sogar die Ehe antragen kann. Als er sie im Gefängnis besucht, erkennt ihn Katjuscha zwar sofort, lehnt sein Anliegen aber rundheraus ab, da sie es für eine vorübergehende Anwandlung aus Mitleid und Schuld des Sünders hält. Als er jedoch weiter treu in den Angelegenheiten seiner ehemaligen Geliebten tätig bleibt, und auf Wunsch der jungen Frau auch für einige Mitgefangenen sorgt, erwachen die zärtlichen Gefühle erneut, die sie in ihrer Laufbahn als Prostituierte bereits verloren geglaubt hatte. Doch auch Katjuscha hat ein tiefgeprägtes Ehrgefühl und so weigert sie sich beharrlich, den Heiratsantrag von Nechljudow anzunehmen. Als die Gefangenen schließlich tatsächlich in Sibirien ankommen, verschlechtern sich die Haftbedingungen dramatisch. Nechljudow, der bereits mit einigen politischen Gefangenen Freundschaft geschlossen hat und über Katjuschas Wohl wacht, verzweifelt beinahe an seiner Aufgabe. Doch dann erreicht ihn ein Brief aus Moskau, der alles verändern könnte.
Unverholen spricht Tolstoi in seinem Werk über die verschiedenen Missstände in seinem Land. Eine Gesellschaft, die ehemals ehrbare Bürger zu Dieben und Mördern macht und sie dann unmenschlich bestraft, ist ihm ein Rätsel. Auch die Religion seiner Tage sorgt für keine Erleichterung. Mit unverstellter Ironie beschreibt er einen Gefangengottesdienst. Hier erfahren die armen Seelen keinen Trost und der unfähige Geistliche giert nur nach dem Wein, der nach der seltsamen Zeremonie übrig bleiben wird. Kein Wunder, dass sie Kirche nicht sehr amüsiert war und den Autor daraufhin ächtete.
Eigentlich müsste der Roman "Vergebung" heißen. Nach Ansicht des Autors ist dies der Schlüssel zu einem friedevollen, ja geradezu paradiesischem Miteinander. Seine Ausführungen zu der Bergpredigt, die Nechljudow am Schluss der Geschichte analysiert, sind sehr berührend. Doch die Erfüllung seines Traumes sollte Zeit seines Lebens eine Utopie bleiben. Denn der Bildung einer Gesellschaft, wie sie dort beschreiben wird, steht wohl ein wesentliches Element entgegen: der Mensch selbst. Hoffen wir, dass dem großen Humanisten der Glauben an das Gute im Menschen trotz allem bis zuletzt nicht verloren ging.
Wirklich ein großer, lesenswerter Roman!