Schon der Vorgängerroman „Die Trauer trägt Schwarz“ (erschienen in der deutschen Ausgabe im September 2003) war für eingeschworene Inspektor Jury-Fans eine zwiespältige Angelegenheit. Obwohl die Handlung kurz vor Weihnachten einsetzte, mutete die Autorin ihren Lesern eine Geschichte zu, die bis dato vielleicht die traurigste in ihrer Reihe um den allein stehenden Inspektor von Scotland Yard war. Nicht nur, dass die Handlung nicht wie überwiegend sonst in einem idyllischen Dorf in der englischen Provinz sondern überwiegend in der winterkalten und anonymen Großstadt London spielte, am Ende wartete auf den Leser ebenso wie auf Richard Jury eine überraschende und an Traurigkeit kaum zu überbietende Auflösung, die den Roman in einem für die Autorin völlig ungewohnten „Cliffhanger“ enden ließ. Niedergestreckt von mehreren Schüssen am Ufer der Themse wartete der verblutende Inspektor auf seine Erlösung. Der Leser in Deutschland musste bis zum August 2005 warten, um Gewissheit zu erlangen, ob und wie es weitergehenden würde.
Nun also liegt der Nachfolger „Auferstanden von den Toten“ vor, doch der deutsche Titel täuscht in mancher Hinsicht: er signalisiert Hoffnung, obwohl am Ende nur Tod und Verzweiflung über die grausame Willkür des Schicksals herrschen werden. Insofern sollte der Leser sich die blutrote Färbung des Himmels auf dem Buchumschlag zur Warnung gereichen lassen. Jury mag dem Tod noch einmal entgangen sein, doch sein Schicksal wird es bleiben, dass Menschen, auf die er im Zuge seiner Ermittlungen trifft und für die er Sympathie entwickelt, viel zu früh und häufig völlig sinnlos dem Sensenmann zum Opfer fallen.
Wer mit Martha Grimes Romanen um Inspektor Jury noch nicht vertraut ist, sollte lieber zu einem der frühen Romane der Reihe greifen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass der Leser vor Traurigkeit und Melancholie schlicht überwältigt wird und lieber zu Agatha Christies Krimis zurückgreift, bei der die Nebenfiguren grundsätzlich niemals so sympathisch und liebenswert bzw. einzigartig lebensecht gezeichnet waren, dass ihr eventuelles Ableben den Leser schockiert oder gar abgeschreckt hätte.
Es ist das Verdienst von Martha Grimes, in ihren Romanen, die stets mehr Dramen als Krimis darstellen, auch abseits des kleinen Kreises der stets wiederkehrenden Hauptfiguren Charaktere in den „Nebenrollen“ zu entwerfen, die bestenfalls so ideal und perfekt, aber dennoch „lebensecht“ wirken, dass der Leser sich wünscht, er würde sie im tatsächlichen Leben einmal kennenlernen können: Vernon Rice und Nell Ryder in diesem Roman sind genau solche Charaktere. Sie leben vor dem geistigen Auge des Leser geradezu auf, entfalten sich zu plastischen Figuren mit Ecken und Kanten und scheinen streckenweise sogar mehr Eigenschaften zu besitzen, als einige der bekannten Hauptcharaktere.
Der Vorwurf, den sich Martha Grimes diesmal gefallen lassen muss, ist, dass sie zum einen bezüglich der Krimihandlung gegen ein ungeschriebenes Gesetz des klassischen Kriminalromans verstößt (nämlich zur Auflösung hin keine Figuren als Täter einzuführen, die zuvor weder genannt noch handelnd vorgestellt worden sind) und zum anderen dem Leser kurz vor dem Ende – auf Seite 444 von bis dato sehr packend und teilweise sogar köstlich humorvollen 475 Seiten dieses Romans – scheinbar aus purer Willkür (und nicht etwa, um die Handlung voranzutreiben) einer der lieb gewonnenen Figuren eine tödliche Kugel in den Leib zu verpassen und somit dem Leser einen unheilbaren Stich ins Herz zu versetzen.
Obwohl der Autor dieser Zeilen mit Sicherheit auch den nächsten Inspektor Jury-Roman, der in den USA bereits längst vorliegt, verschlingen wird, wünscht er sich nichts mehr, als dass Martha Grimes zum Ende ihrer kommenden Romane mehr Licht am Horizont scheinen lassen möge, als dies bei ihren letzten beiden Romanen der Fall gewesen war. Die ewige Trost- und Hoffnungslosigkeit ob der Ungerechtigkeit der Welt droht sonst ernsthaft aufs Gemüt zu schlagen.