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Fast zwei Jahre später spielt der Zufall Inspector Jury und seinem Freund Melrose Plant den Fall in die Hände. Superintendent Jury von Scotland Yard kuriert in einem Londoner Hospital diverse Schusswunden aus (nachzulesen im letzten Fall Die Trauer trägt Schwarz). Wie es das (Roman)-Schicksal will, ist Jurys behandelnder Chirurg kein Geringerer als Roger Ryder, Vater der Verschwundenen. Als der trauernde Doc den Inspector in dem mysteriösen Fall einweiht, macht Jurys Genesung plötzlich Riesenschritte.
Nicht alle angloamerikanischen Leser waren von Martha Grimes inzwischen 18. Fall des Erfolgsteams Jury/Plant überzeugt. Am meisten irritierten die zahlreichen und unnötigen Erzählstränge. Und in der Tat, nach flottem Start gestattet sich Grimes ausgedehnte Ausflüge in die Scheußlichkeiten der Fuchsjagd, tiefschürfende Meditationen über das Wesen der Pferde, und führt so viel Personal ein, dass sie selbst die Zügel zu verlieren droht. Allein ihrer großen Erzählkunst ist es zu verdanken, dass ihr Romankonstrukt nicht gänzlich zusammenbricht. Immerhin geht es um tierquälerische Praktiken, aus Pferde-Urin ein Medikament gegen Klimakteriumsbeschwerden zu gewinnen. Arthur Ryders geldgieriger Stiefsohn Vernon, ein großer Nell-Fan, gerät ins Zwielicht, eine Vergewaltigung gibt Rätsel auf. Als gar noch eine schöne Tote im Geläuf des Ryder-Gestüts herumliegt, hängt der Haussegen der Ryder-Familie vollends im Keller.
Am Ende dieses nicht unkomplizierten Schlingerkurses begegnen uns auferstandene Tote wieder, weniger Glückliche müssen dafür den entgegengesetzten Weg antreten. Und die Grande dame des Thrillers zeigte erste Schwächen. --Ravi Unger -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Nun also liegt der Nachfolger „Auferstanden von den Toten“ vor, doch der deutsche Titel täuscht in mancher Hinsicht: er signalisiert Hoffnung, obwohl am Ende nur Tod und Verzweiflung über die grausame Willkür des Schicksals herrschen werden. Insofern sollte der Leser sich die blutrote Färbung des Himmels auf dem Buchumschlag zur Warnung gereichen lassen. Jury mag dem Tod noch einmal entgangen sein, doch sein Schicksal wird es bleiben, dass Menschen, auf die er im Zuge seiner Ermittlungen trifft und für die er Sympathie entwickelt, viel zu früh und häufig völlig sinnlos dem Sensenmann zum Opfer fallen.
Wer mit Martha Grimes Romanen um Inspektor Jury noch nicht vertraut ist, sollte lieber zu einem der frühen Romane der Reihe greifen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass der Leser vor Traurigkeit und Melancholie schlicht überwältigt wird und lieber zu Agatha Christies Krimis zurückgreift, bei der die Nebenfiguren grundsätzlich niemals so sympathisch und liebenswert bzw. einzigartig lebensecht gezeichnet waren, dass ihr eventuelles Ableben den Leser schockiert oder gar abgeschreckt hätte.
Es ist das Verdienst von Martha Grimes, in ihren Romanen, die stets mehr Dramen als Krimis darstellen, auch abseits des kleinen Kreises der stets wiederkehrenden Hauptfiguren Charaktere in den „Nebenrollen“ zu entwerfen, die bestenfalls so ideal und perfekt, aber dennoch „lebensecht“ wirken, dass der Leser sich wünscht, er würde sie im tatsächlichen Leben einmal kennenlernen können: Vernon Rice und Nell Ryder in diesem Roman sind genau solche Charaktere. Sie leben vor dem geistigen Auge des Leser geradezu auf, entfalten sich zu plastischen Figuren mit Ecken und Kanten und scheinen streckenweise sogar mehr Eigenschaften zu besitzen, als einige der bekannten Hauptcharaktere.
Der Vorwurf, den sich Martha Grimes diesmal gefallen lassen muss, ist, dass sie zum einen bezüglich der Krimihandlung gegen ein ungeschriebenes Gesetz des klassischen Kriminalromans verstößt (nämlich zur Auflösung hin keine Figuren als Täter einzuführen, die zuvor weder genannt noch handelnd vorgestellt worden sind) und zum anderen dem Leser kurz vor dem Ende – auf Seite 444 von bis dato sehr packend und teilweise sogar köstlich humorvollen 475 Seiten dieses Romans – scheinbar aus purer Willkür (und nicht etwa, um die Handlung voranzutreiben) einer der lieb gewonnenen Figuren eine tödliche Kugel in den Leib zu verpassen und somit dem Leser einen unheilbaren Stich ins Herz zu versetzen.
Obwohl der Autor dieser Zeilen mit Sicherheit auch den nächsten Inspektor Jury-Roman, der in den USA bereits längst vorliegt, verschlingen wird, wünscht er sich nichts mehr, als dass Martha Grimes zum Ende ihrer kommenden Romane mehr Licht am Horizont scheinen lassen möge, als dies bei ihren letzten beiden Romanen der Fall gewesen war. Die ewige Trost- und Hoffnungslosigkeit ob der Ungerechtigkeit der Welt droht sonst ernsthaft aufs Gemüt zu schlagen.
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