Als Erstes: Das Buch hat mir wirklich sehrsehr gut gefallen.
Diese Fortsetzung des Buches "Das verborgene Wort" erzählt die Geschichte und Entwicklung von Hilla Palm weiter. Hilla, dem geisttötenden Büro der Pappenfabrik und dem Alkoholismus entkommen, lebt beim Besuch des Aufbaugymnasiums auf. Sie genießt es, endlich wieder geistige Nahrung zu bekommen. Auch die Beziehung zu ihrer Familie wird besser. Einerseits, weil Hilla mehr von den Zwängen begreift, denen auch die Eltern ausgesetzt waren und sind, andererseits weil sich auch für die Eltern in den 60er Jahren die enge Welt des Kleinstädtchens öffnet. So kann Hilla zumindest bei den Frauen der Familie endlich Akzeptanz und sogar Anerkennung bekommen. Der Vater, unter dem Hilla als Kind sehr gelitten hat, hat sich ebenfalls verändert. Die früher stets vorhandenen Aggressionen sind einer traurigen Resignation gewichen.
Aber natürlich läuft nicht alles glatt auf Hillas weiterem Lebensweg. Die erste Gefahr taucht in der Gestalt des reichen, einer Industriellenfamilie angehörenden Godehard auf. Hilla droht als "seine kleine Frau" im goldenen Käfig zu landen, erkennt aber rechtzeitig, dass die Verbindung ein Irrweg ist.
Dann jedoch wird ihr gesamtes Leben wiederum aus der Bahn geworfen, als ihr ein schweres traumatisches Erlebnis zustößt, über das sie nicht wagt, mit irgendjemanden zu sprechen. Da alle unkontrollierten Emotionen zu einem Wiederauftauchen derjenigen Gefühle führen können, die Hilla in der traumatischen Situation erlebte, wird sie ausgerechnet von allem abgeschnitten, was ihr bisher das Wichtigste im Leben war. Gedichte, Bücher, Musik, alles das wird gefährlich für sie. Erst das völlig verkopfte Herangehen an Literatur, das sie im Studium lernt, erlaubt wieder einen, wenn auch sehr distanzierten Zugang. So droht Hilla in einer intellektuellen, gefühlsfernen Welt zu erstarren.
Schließlich ermöglicht ihr ausgerechnet ihr Vater einen Umzug nach Köln in ein eigenes Zimmer und somit die Möglichkeit, endlich ein weitgehend selbst bestimmtes Leben zu führen. So werden am Ende des Buches Lebensmut und Hoffnung in Hilla wieder lebendig.
So, wie Ulla Hahn im ersten Band die starre Welt der 50er Jahre zum Leben erwecken konnte, so gelingt es ihr in diesem Buch, den frischen Wind und die Zeiten der Veränderung in den 60ern einzufangen. Ja, so war es - die Welt wurde größer und bunter!
Und wie schon im ersten Buch gefällt mir auch hier wieder die sorgfältige Zeichnung der Charaktere. So können sie sich entwickelt haben - die Eltern, der Bruder, die Verwandten und schließlich Hilla selbst. Alles passt. Alle ändern sich und bleiben doch sie selber.
Und schließlich wird auch das traumatische Erlebnis und seine Auswirkungen stimmig dargestellt.
Ich freue mich jetzt schon auf Band 3!