Welcher Schachspieler kennt das nicht? Immer wieder hat man gute Vorsätze sich endlich einmal ein vernünftig strukturiertes und umfassendes Eröffnungsarsenal zusammenzustellen. Häufig geschieht auch dann tatsächlich eine Fixierung und die anschließende Erprobung des festgelegten Repertoires, aber sobald sich erste Misserfolge einstellen, wird in vielen Fällen die Wahl der Eröffnung bzw. das System selbst als Ursache für vermeintliche Misserfolge angesehen.
Leider finden sich in der Schachliteratur nur wenig Antworten auf die vielen Fragen und Probleme, welche sich dem interessierten Schachfreund bei der Wahl, sowie dem Auf- und Ausbau seiner Eröffnungssyteme stellen.
Steve Giddins hatte das große Glück beruflich nach Moskau zu gelangen und dort mit dem Schachtrainer Igor Below arbeiten zu können. Diese Erfahrungen und vieles mehr zum Thema Eröffnungswahl hat der Engländer in einem erstmals 2003 im Gambit Verlag erschienenen hochinteressanten Buch mit dem Titel "Der Aufbau eines Eröffnungsrepertoires" veröffentlicht.
Er gliedert sein mit lehreichen Informationen und Hinweisen gespicktes und trotzdem bezüglich Umfang und Format sehr handliches Buch in insgesamt neun Abschnitte:
- Die Schlüssel zum erfolgreichen Eröffnungsspiel
- Abwechslung - die Würze des Lebens?
- Stilfragen
- Hauptstraßen oder Feldwege?
- Zugreihenfolgen und Zugumstellungen
- Gebrauch und Missbrauch von Computern
- Universalitäten
- Untreue und Scheidung
- Das Repertoire einiger Spieler unter der Lupe
Selbst wenn einige Kapitelüberschriften etwas krumm oder nichtssagend erscheinen mögen, jedes für sich ist ausnahmslos lesenswert und instruktiv.
Der "Schlüssel zum erfolgreichen Eröffnungsspiel" bringt eine sehr schöne Hinführung zum Thema des Buches,während im Abschnitt "Abwechslung - die Würze des Lebens"unter anderem die Entwicklung der beharrlichen und erfolgreichen Bekämpfungsmethode von Svetozar Gligoric gegen Grünfeldindisch dargestellt wird.
Das Thema "Stilfragen" verdeutlicht Giddins u.a.an damenlosen Mittelspielen am Beispiel von Partien des schwedischen Großmeisters Ulf Andersson.
In "Hauptstraßen oder Feldwege" beschreibt der Autor die Vor- und Nachteile ausgefallener Eröffnungswahl, empfiehlt aber für den ehrgeizigen Clubspieler dem Mainstream - also den gängigen auf Großmeisterebene gespielten Varianten - zu folgen. Zum einen unterliegen diese Abspiele der ständigen Prüfung auf höchstem Niveau und die Beschaffung von gut kommentierten Partiematerial ist unproblematisch und zum anderen sind diese populären Varianten laut Giddins schlicht und einfach besser, als die seltenen "exotischen" Eröffnungssysteme. Selbstverständlich gibt es Ausnahmen, wie der Autor anhand des "antitheoretischen Ansatzes in England" beginnend der 80er Jahre näher vorstellt. Der Verfasser erinnert dabei an die von Tony Miles, Jonathan Speelman, oder Julian Hodgson eingeführten und zur damaligen Zeit revolutionären Eröffnungsstrukturen.
Hochinteressant gestaltet sich auch das mit "Zugreihenfolgen und Zugumstellungen" betitelte Kapitel. Hier werden Zugfolgen besprochen, welche den Gegner in bestimmte Systeme zwingen bzw. unangenehmem Abspielen auszuweichen helfen sollen. Steve Giddins stellt gut verständlich und ausführlich seine Ansichten dar und erläutert diese sehr lehrreich an den Systemen Damengambit/Nimzo- bzw. Damenindisch, Anti -Wolgagambit , Benoni und Holländischer Stonewall.
Der Abschnitt über den Gebrauch und Missbrauch von Computern, ist zwar etwas allgemein und kurz gehalten, enthält aber doch manch hilfreiche Gedanken, etwa wenn es um die Nutzung von Datenbanken oder den Computer als Sparringspartner geht.
Auch was der Autor über das Thema "Universaltiäten" zu berichten weiß, ist sehr überzeugend. Gemeint sind dabei die Systeme die man mit den weißen ebenso wie mit den schwarzen Steinen spielen kann, oder auch Antworten, welche auf jeden Eröffnungszug - also universell -angewendet können.
Ein gutes Stück in die Welt der Schachpsychologie taucht der Verfasser mit "Untreue und Scheidung" ein. Hier wendet er sich z.B. der Frage zu, wie man sich bezüglich der Eröffnungswahl verhalten sollte, wenn man auf ein bestimmtes Resultat abzielt. Eine andere Frage - nämlich ob man seiner Variante immer treu bleiben soll - behandelt Giddins aufgrund seiner eigenen, teils schmerzlichen Erfahrungen mit der Winawer Variante.
Im abschließenden neunten Kapitel stellt Steve Giddins noch kurz die Repertoires von Fischer, Kasparow, Karpow, Kramnik, Adams , Gurewitsch, Sweschnikow und Hebden vor.
Summa Summarum stecken also in diesem Handbuch jede Menge hilfreiche Informationen, Tipps und Tricks zum Thema Auswahl und Planung der Schacheröffnungen. Ein zusätzliches großes Plus ist die hervorragende Fähigkeit des Autors, seinen Stoff anschaulich, lehrreich und gleichzeitig unterhaltsam zu liefern. Er tut dies zum großen Teil in ausführlichen Textpassagen, die aber nie langatmig sind. Zudem streut er immer wieder kleine Buchempfehlungen ein, wie etwa John Nunn`s "Schachgeheimnisse", "Der Weg zur Verbesserung im Schach" von Alex Yermolinsky oder das im Buch mehrfach erwähnte und gelobte "Playing against pieces" von Svetozar Gligoric. Beeindruckend und wirklich schlüssig ist die Auswahl der Partien, mit der Steve Giddins seine Themen illustriert bzw. seine Aussagen und Schlussfolgerungen untermauert.
Kurzum ist dem Autor mit seinem "Aufbau eines Eröffnungsrepertoires" ein wirklich ausgezeichnetes Werk gelungen!
Die Ausstattung des Buches ist wie immer im Gambit Verlag hervorragend und das bereits erwähnte benutzerfreundliche Format lädt förmlich zur Arbeit mit dieser wirklich gut gelungenen Publikation ein. Abgerundet wird dieser tolle Band durch ein Spieler - und Eröffnungsverzeichnis.
Fazit: Ein wirklich empfehlenswerter Ratgeber mit einem unschlagbaren Preis - Leistungsverhältnis!