Eigentlich startet Geraldine Brooks mit "Auf freiem Feld" ein nahezu unmögliches Vorhaben: Sie schreibt einen Fortsetzungsroman zu einem der absoluten Klassiker der amerikanischen Literatur ("Little Women" von Louisa May Alcott, dt. "Betty und ihre Schwestern") und das fast 140 Jahre nach dem Erscheinen des Originals. Das kann eigentlich nicht gut gehen. Eigentlich. Denn Geraldine Brooks gelingt das Unmögliche. Ihr Roman ist nicht nur Fortsetzung, sondern auch Referenz, nicht nur ein Fortspinnen der Geschichte, sondern eine Öffnung für eine moderne Sichtweise der Geschehnisse.
Dabei sind die ersten Seiten durchaus abschreckend. In überaus altmodischem Stil schreibt Brooks Bürgerkriegsbriefe von Vater March an seine lieben Daheimgebliebenen, doch schnell wird klar, dass diese Briefe eine Welt vorgaukeln, die so nicht existiert. Anstatt im milden Abendhauch über die grandiosen Farben des Himmels nachzusinnen, befindet sich Mr. March in Wahrheit im Überlebenskampf, der ihn bis an die Grenzen seiner selbst bringt. Und während Louisa May Alcott die in den Briefen an den Tag gelegte Selbstlosigkeit unkommentiert lässt, kontrastiert Brooks sie mit moralischen Fehltritten und menschlichen Tragödien, die schließlich auch das im Original ach-so-heile Familienleben in Mitleidenschaft ziehen.
Dabei vermeidet Brooks es geschickt Alcott's altbekannte Figuren bloß aufzuwärmen, sondern lässt sie größtenteils im Hintergrund agieren und gibt ihnen nur bei Gelegenheit eine neue Perspektive. Dadurch entwickelt der Roman nicht nur die nötige Eigenständigkeit um gegen den Klassiker zu bestehen, sondern auch einen erzählerischen Sog, dem sich der Leser kaum entziehen kann.